Bohemistik in Wien feiert 250 Jahre mit großer Jubiläumskonferenz

An der Universität Wien wird derzeit etwas Besonderes gefeiert: das 250. Jubiläum der dortigen Bohemistik. Denn am 7. Oktober 1775 wurde Josef Valentin Zlobický auf die weltweit erste Professur für tschechische Sprache und Literatur berufen. An den historischen Moment erinnert derzeit eine große Jubiläumskonferenz.

Ein Vierteljahrtausend hat die erste Bohemistik der Welt nun schon auf dem Buckel. Derzeit leitet Stefan Michael Newerkla das Institut für Slawistik der Universität Wien. Wie kam es dort zur Einführung des Tschechisch-Unterrichts?

Stefan Michael Newerkla | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Der Grund war eigentlich eine Universitätsreform. Es sollte ein Sprachstudium an der neugegründeten Philosophischen Fakultät entstehen – ein Studium der modernen, lebenden Sprachen, neben dem Deutschen. Und da hat man besonders an die erbländischen Sprachen – wie man sie damals nannte – gedacht, allen voran an das Tschechische. Zurück ging dies auf einen Rechtsanwalt und Übersetzer, der bereits Tschechisch-Lehrer an der Theresianischen Militärakademie war: Josef Valentin Zlobický. Gemeinsam mit anderen hat er einen Plan entwickelt, wie man ein modernes Sprachstudium aufziehen könnte, und die Vorbildsprache war das Tschechische. Das wurde dann am 7. Oktober 1775 eingeführt.“

Dieses Datum ist für Newerkla ein besonderes, denn es ist nicht nur der Tag, an dem in Wien das Studium der Bohemistik begann, sondern auch sein Geburtstag.

Botschafter in Österreich Jiří Šitler  | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Um an das 250. Jubiläum der Bohemistik zu erinnern, hat das Institut für Slawistik in diesem Jahr bereits über 60 Veranstaltungen im In- und Ausland organisiert. Den Höhepunkt bildet nun eine Jubiläumskonferenz, die am Mittwoch eröffnet wurde. Noch bis Ende der Woche sind Dutzende Bohemisten aus mehreren Ländern zu Gast. Bei der Eröffnung der Tagung war auch der tschechische Botschafter in Wien, Jiří Šitler, zugegen. Gegenüber Radio Prag International sagte er:

„Die Wiener Bohemistik ist die älteste der Welt. Sogar die Prager Bohemistik ist 18 Jahre jünger. Es ist schon beeindruckend, dass sich das Fach hier 250 Jahre lang erhalten hat.“

An der Konferenz in Wien nehmen zudem Alumni des Instituts teil, eine von ihnen ist Julia Miesenböck. Ihr Studium der Slawistik nahm sie 2004 auf.

„Ich wollte etwas machen, über das ich noch nichts weiß. Ich wollte eine Sprache lernen, die kaum jemand hier in Österreich kann. Und ich komme aus dem Mühlviertel, also aus dem Grenzgebiet zu Tschechien. Das Interesse war geographisch gegeben. Denn ich wusste nichts über das Land, aber es war eben alles so nah.“

 Universität Wien | Foto: Universität Wien

Heute lebt Miesenböck teilweise in Prag, sie übersetzt Literatur aus dem Tschechischen und hat an der Karlsuniversität promoviert. Die Anfangszeit ihres Slawistikstudiums komme ihr unheimlich lange her vor, sagt sie. Erinnerungen an ihr Studium hat sie aber freilich noch, etwa an eine der ersten Vokabeln, die sie im Tschechischunterricht gelernt hat:

„Das war ‚babičko‘, also ‚Großmutter‘ im Vokativ. Lustigerweise ist das ein ganz wichtiges Wort für die tschechische Literatur, wegen des Buches ‚Babička‘ von Božena Němcová. Und ich habe mittlerweile auch ein Buch übersetzt, das den Titel ‚Liebe Babička‘ trägt.“

Eine besondere Beziehung zur Wiener Slawistik hat auch Hana Sodeyfi. Ihre ersten Tschechisch-Vorlesungen an der Universität Wien gab sie 1986, später wurde sie hier Professorin. Was ist ihr aus drei Jahrzehnten Lehre vor allem in Erinnerung geblieben?

„Das Wunderbarste war das Jahr 1989, als die Tschechoslowakei frei wurde. Damals habe ich nicht unterrichtet, sondern mit den Studierenden diskutiert. Das waren wunderbare Zeiten.“

Nach 1989 habe es einen gewaltigen Ansturm auf die Bohemistik gegeben, sagt Sodeyfi, das Interesse am Erlernen der tschechischen Sprache sei groß wie nie gewesen. Heute sind laut Stefan Michael Newerkla rund 100 Studierende in dem Fach immatrikuliert. Was wünscht sich der Institutsleiter für die Zukunft?

„Dass es immer noch Interesse an dem Fach gibt – und vor allem an einer Kultur, die uns eigentlich sehr nahe ist, die aber doch durch ihre Verschiedenheit erarbeitet werden muss. Aufgrund der Künstlichen Intelligenz und der Übersetzungsprogramme glauben in der heutigen Zeit viele Menschen, dass ein Sprachstudium nicht mehr sinnvoll sei. Aber unser Fach ist breiter gehalten. Es ist eine Philologie, in der Sprache, Literatur und Kultur zusammengehen.“

Hana Sodeyfi sieht das genauso. Auch sie hofft auf weiterhin großes Interesse an der Bohemistik:

„Ich würde mir wünschen, dass hier fortgesetzt wird, was begonnen wurde – dass viele Österreicher Tschechisch lernen. Denn dies ist wirklich nützlich, und das Tschechische ist eine sehr schöne Sprache. Also so gesehen: Alles Gute und auf die weiteren 250 Jahre!“


Warum war gerade das Tschechische die erste moderne Fremdsprache, die in Wien unterrichtet wurde? Wie kann man sich den Sprachunterricht im Jahr 1775 vorstellen? Und was sind für heutige Tschechischschüler die größten Herausforderungen? Antworten auf diese Fragen erhalten Sie demnächst in einem weiteren Beitrag bei uns.