Die neunte Klasse streichen? Tschechien diskutiert Verkürzung der Schulpflicht
Es ist eines der Sommerloch-Themen in Tschechien. Setzt sich die Idee jedoch durch, könnte sie eine grundsätzliche Änderung des Schulsystems zur Folge haben. Es geht um die neunte Klassenstufe, also den Abschlussjahrgang der hiesigen Grundschulen – und damit auch der allgemeinen Schulpflicht. Manche Koalitionsvertreter denken laut darüber nach, diese Pflicht nach der achten Klasse enden zu lassen. Bildungsminister Robert Plaga (parteilos) ist jedoch dagegen.
Die Sommerferien hatten kaum begonnen, da hörte man vom Vorsitzenden der Regierungspartei „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD) und Abgeordnetenhauschef Tomio Okamura, die neunte Klasse in den tschechischen Grundschulen könnte doch abgeschafft werden. Hinter dem Vorschlag steht anscheinend der Sparzwang. Okamura beruft sich auf eine Studie seines Parteikollegen Petr Mach, der Staatssekretär im Finanzministerium ist. Mach beziffert die jährlichen Einsparungen bei einer Streichung der neunten Klassenstufe auf 50 Milliarden Kronen (zwei Milliarden Euro).
„Dies hätte einen riesigen Effekt. So würden wir viel mehr unserer Bürger auf den Arbeitsmarkt bekommen. Das würde unserer Wirtschaft helfen. Zu diesem Vorschlag gibt es im Prinzip schon einen Konsens. Der Premier und auch andere haben geäußert, dass ihnen die Idee gefällt“, ließ Okamura Mitte Juli verlauten.
Tatsächlich hatte Regierungschef Andrej Babiš (Partei Ano) schon zum Ende des Schuljahres mehrfach auf die Möglichkeit hingewiesen, die Grundschule doch ein Jahr früher enden zu lassen. So sagt er etwa in einem Video in den sozialen Netzwerken:
„Meine Meinung ist, dass acht Klassen tatsächlich reichen würden. Es gibt dazu eine Analyse, über die wir reden werden. Ich finde, die Schulzeit dauert furchtbar lange. Und auch an der Hochschule ist man bis zu vier Jahre. Würde man das kürzen, wäre allen geholfen.“
Nach der Kabinettssitzung am 27. Juli äußerte Babiš erneut, die Abschaffung der neunten Klasse würde Einsparungen für Staat, Schulen und Eltern bedeuten. Dies sei allerdings seine persönliche Einschätzung, fügte der Premier hinzu, und nicht der Standpunkt der Koalition. Denn mindestens Bildungsminister Robert Plaga argumentiert seit Beginn der Diskussion gegen den Vorschlag. Seine Haltung betonte er auch in einem Interview für den Tschechischen Rundfunk zwei Tage nach der Kabinettssitzung. Plaga sieht nicht zuletzt die Qualität des Unterrichts bedroht:
„Wir bereiten gerade die Modernisierung der Bildungsinhalte vor. Die Grundschulen haben zu tun, in den neun Jahren das zu schaffen, was der Staat von ihnen will – denn dieser Umfang nimmt ständig zu. Der Vorschlag Okamuras ist darum konzeptionslos. Und die Zahlen, die der Öffentlichkeit präsentiert werden und so gefällig aussehen, sind falsch.“
Andere Zählung als in Deutschland
Seit 1996 besteht in Tschechien die Pflicht, das Vorschuljahr im Kindergarten zu absolvieren und dann neun Jahre lang zur Schule zu gehen. Dies wird durch den Besuch der sogenannten Grundschule (základní škola) abgedeckt, die in Stufe I (erste bis fünfte Klasse) und Stufe II (sechste bis neunte Klasse) aufgeteilt ist. Die weiterführenden Bildungseinrichtungen – etwa Sekundarschulen, Gymnasien oder Berufsschulen – knüpfen nicht, wie etwa in Deutschland, an die Zählung der Klassen an. Dort geht es also nicht mit der zehnten Klasse los, sondern mit dem ersten Jahrgang (první ročník).
Sollte die neunte Klassenstufe der Grundschule demnächst wegfallen, wird die Chronologie also nicht unterbrochen. Es ist schon jetzt Sache der Schule und der Pädagogen, den Gesamtlehrstoff für die zweite Stufe der Grundschule so aufzuteilen, dass in der neunten Klasse noch genügend Vorbereitungszeit für die Aufnahmeprüfungen an den weiterführenden Institutionen bleibt. Reell laufe der Unterricht also schon jetzt nur bis zur achten Klasse ab, räumt Petra Mazancová ein. Sie ist Direktorin der Grundschule Pod Beckovem in Bašť, nördlich von Prag, und Mitglied im Exekutivkomitee der Lehrerplattform:
„Es geht darum, wie schnell die Schüler zu einer Spezialisierung übergehen, sich also die nächste Schule aussuchen. Ich dachte immer, wir seien uns als Gesellschaft einig, dass es gut ist, die Allgemeinbildung so lange wie möglich zu unterstützen. Denn eine frühe Ausrichtung der Qualifizierung ist in der heutigen schnellen Zeit, in der Berufe entstehen und wieder verschwinden, nicht besonders sinnvoll. Und ich glaube auch nicht, dass wir von einem Jahr aufs andere in der Lage sein werden, das zu kompensieren, vor allem nicht mit unseren pädagogischen Kapazitäten.“
Man sollte 14-Jährige nicht einfach so von der Schule abgehen lassen und auf den Arbeitsmarkt werfen, fährt Mazancová fort. Denn es sei bekannt, dass es Menschen nur mit Grundschulbildung auf dem Arbeitsmarkt schwer hätten:
„Die Jugendlichen länger im Bildungsprozess zu halten, ist immer nützlich. Ein Drop-out aus der Grundschule oder auch aus der Sekundarschule ist hingegen immer eine Verschwendung des Bildungssystems. Es ist eine Art Versagen, und der betroffene Mensch schleppt das sein ganzes Leben mit sich.“
Eine Schule müsse mehr leisten, als nur den Unterrichtsstoff zu vermitteln, so Mazancová weiter. Sie solle den Kindern und Jugendlichen eine Orientierung im Leben geben. Und deswegen werde die Diskussion um eine mögliche Abschaffung der neunten Klasse auch falsch geführt, meint die Direktorin. Sie fordert vielmehr einen flüssigeren Übergang an die weiterführenden Schulen. Derzeit müssen die Neuntklässler nämlich die zentralen Aufnahmeprüfungen machen. Und gerade in den vergangenen Jahren ist eine große Zahl an Jugendlichen trotz erfolgreicher Tests nicht an der Wunschschule aufgenommen worden, weil es zu wenige freie Plätze gab. Mazancová kritisiert:
„Wie die neunte Klasse gestaltet wird, liegt auch daran, wie stark sich der Irrsinn rund um die Aufnahmeprüfungen auf sie auswirkt. Er zerstört die ganze Konzeption, was die Grundschule an sich zu erreichen versucht. Denn in der neunten Klasse – und manchmal auch schon in der achten – geht es auf einmal nur noch darum, dass die Schüler die Tests bestehen. Nicht mehr wichtig ist dann, worum wir uns in den sieben oder acht Jahren zuvor bemühen – nämlich dass die Jugendlichen Kompetenzen und Fähigkeiten entwickeln, mit denen sie in ihrem Leben dann bestehen können.“
Keine Einsparungen, sondern Mehrkosten
Ein Hauptaugenmerk liegt in der neunten Klasse der Grundschulen in Tschechien also auf der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfungen. Ansonsten sei das Jahr aber überflüssig, weil nur noch gefaulenzt werde, meinen inzwischen viele Eltern – und auch Politiker. Tomio Okamura ist im Übrigen nicht der erste, der eine Verkürzung der Grundschulzeit vorschlägt. Schon 2024 forderte die Abgeordnete Renáta Zajičková (Bürgerdemokraten) die Abschaffung der neunten Klassenstufe. Allerdings sah ihr Konzept vor, dass zur Schulpflicht dann auch noch zwei Jahre auf einer weiterführenden Schule gehören. Davon spricht Okamura nicht, zumal sein Motiv Kostensenkungen sind.
Bildungsminister Robert Plaga hält die beschworene Einsparung von 50 Milliarden Kronen für unrealistisch. Die Idee Okamuras sei eine Einbahnstraße, argumentiert Plaga und beschreibt das Szenario im Jahr der Änderung:
„Wenn nun die Schüler nach der achten und der neunten Klasse gleichzeitig abgehen, dann gibt es einen Doppeljahrgang, der an die weiterführenden Schulen kommt. Dort kostet ein Schüler für ein Jahr normativ 90.000 Kronen (3735 Euro), an der Grundschule sind es 70.000 Kronen (2905 Euro). Mindestens drei Jahre hintereinander wird es also bei dieser Komponente um 30 Prozent teurer.“
Der Unterschied von 20.000 Kronen entspricht etwa 830 Euro pro Schüler und Jahr. Das Sparargument allein will Plaga nicht gelten lassen. Sein Ziel sei es, dass die tschechische Gesellschaft so gebildet wie möglich sei, betont der Minister. Und ihm zufolge hat es auch keine große Bedeutung, dass die Studie, auf die sich Okamura stützt, von einem Staatssekretär des Finanzministeriums stammt. Vielmehr habe er eine Stellungnahme des Ressorts, das den Plan zur Abschaffung der neunten Klassenstufe nicht unterstütze, verkündete Plaga in dem Interview für den Tschechischen Rundfunk.
Unklare Kommunikation
Ebenso sprach er auch von einer Übereinkunft mit dem Premier, die es am Tag nach der Kabinettssitzung vom 27. Juli gegeben habe. In einem gemeinsamen Gespräch habe Babiš der Meinung zugestimmt, dass eine solche Reform kein Geld im Staatshaushalt sparen würde, berichtete Plaga. Dies wäre also eine gegenteilige Haltung als jene, die Babiš tags zuvor geäußert hatte. Zu der gesamten Kommunikation rund um das Thema und in Richtung Tomio Okamura kommentierte der Bildungsminister dann weiter:
„Natürlich wäre es mit lieber gewesen – da werde ich nicht lügen –, wenn der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses mich vorher kontaktiert hätte, um sich die Gegenseite anzuhören, und die Idee nicht gleich herausgeschossen hätte. Die mediale und politische Welt funktioniert aber auf ihre Art, und so nehme ich die Dinge, wie sie jetzt sind. Ich verstehe es als meine Pflicht, sachliche Argumente und Daten anzubringen. Das habe ich getan. Es ist legitim, wenn der Premier die Idee eines Koalitionspartners als interessant bezeichnet und dann darum bittet, dazu Informationen zu liefern. Dies tue ich jetzt.“
Er könne jedoch allen Eltern versichern, fügte Plaga hinzu, dass die neunte Klasse nicht sofort abgeschafft werde – und auch nicht bis 2029, so wie es sich Okamura wünscht. Diese Maßnahme stehe nicht im Regierungsprogramm, bekräftigte der Bildungsminister. Vom Tisch müsse das Thema jedoch trotzdem nicht sein...
„Ob es an der Grundschule weiterhin eine neunte Klasse geben soll, darüber können wir uns gern unterhalten. Das muss aber komplex geschehen. Wie soll also das allgemeine Angebot der weiterführenden Schulen aussehen? Wie lange und wie flexibel soll die Hochschulbildung sein? Ich wehre mich nicht gegen eine solche Debatte. Wenn es jetzt aber den Anschein eines Sommergewitters hat – dass nämlich sofort über alles entschieden und neu angefangen werden soll –, dann kann ich alle beruhigen: Dem ist nicht so. Dies folgt auch aus meinem Gespräch mit dem Premier. Es handelt sich also meiner Meinung nach um ein Sommerlochthema und um eine Leuchtrakete von Tomio Okamura.“







