Drei Fragmente, eine europäische Geschichte: Das Prager Markus-Evangelium auf historischer Reise
Zum ersten Mal seit fast 700 Jahren hat ein seltenes Fragment des Markusevangeliums, das Karl IV. nach Böhmen gebracht hatte, Prag und Tschechien verlassen. Das kostbare Dokument reiste bis ins italienische Aquileia. Zusammen mit den verbleibenden zwei Teilen eines der wichtigsten heiligen Bücher des mittelalterlichen Europas wird es dort Teil einer internationalen Ausstellung sein.
Hier könne man zum Beispiel vom letzten Abendmahl lesen, dem Gang in den Garten Getsemani, der Kreuzigung sowie der Himmelfahrt des Herrn, der das Ende des Evangeliums gewidmet sei, erklärt die Archivarin der Prager Burg, Lenka Kluková, während sie in den Kopien des Prager Fragments blättert.
Erstmals seit sieben Jahrhunderten sind die drei Teile des Markus-Codex in Aquileia nun wieder vereint. Das dortige Palazzo Meizlik zeigt sie in der Ausstellung „Das Markusevangelium. Sieben Jahrhunderte. Drei Fragmente. Eine europäische Geschichte“.
Das Werk, das der Legende nach vom Evangelisten Markus selbst in Venedig verfasst worden war, wurde ursprünglich in Aquileia aufbewahrt. Im Mittelalter wurde es jedoch in drei Teile geteilt, die an unterschiedliche Orte in Europa gelangten: in die Markusbasilika in Venedig, nach Cividale del Friuli und nach Prag. Das Prager Fragment umfasst 16 Seiten, die die letzten Tage Christi beschreiben, und ist der am besten erhaltene Teil des gesamten Werkes.
In die böhmischen Länder gelangte das Manuskript durch Karl IV. Dazu führt Lenka Kluková aus:
„Karl IV. machte auf seinem Weg zur Kaiserkrönung nach Rom Halt in Aquileia bei seinem Halbbruder Nikolaus, dem damaligen Patriarchen von Aquileia. Dieser kam ihm in einer feierlichen Prozession mit dem Evangelium entgegen.“
Karl IV. erhielt die sechzehn Seiten des Manuskripts im Oktober 1354. Er gliederte sie in seine Reliquiensammlung ein und versah die letzte Seite mit einer eigenhändigen Anmerkung. Damit wollte er bestätigen, dass es sich um ein Autograph des heiligen Markus handelte. Erst mehrere Jahrhunderte später stellte sich heraus, dass die Schrift deutlich jünger ist und aus dem 6. Jahrhundert stammt – der Evangelist Markus verstarb bereits im Jahr 68.
Ein Teil des Markusevangeliums ist auf feines Pergament geschrieben, das bei der Lagerung im Depot sowie beim Transport eine spezielle Temperatur und Feuchtigkeit erfordert. Die Archivarin der Prager Burg beschreibt das Vorgehen wie folgt:
„Wir verwenden Transportkoffer der Marke Rimowa, die ursprünglich für den Schutz von Fototechnik im Dschungel entwickelt wurden. Sie sind in der Lage, das gewünschte Mikroklima für diese extrem wertvollen Stücke stabil zu halten.“
Der sicherere Transport des Evangeliums, das für Millionen Euro versichert ist, wurde zudem durch spezielle doppelwandige Transportboxen gewährleistet.
„Diese Boxen werden vorab ins Depot gebracht, dort geöffnet und stehen gelassen, damit sie das Raumklima annehmen. Anschließend wird der Koffer in eine Kiste und diese wiederum in eine weitere Außenbox eingesetzt. Das stellt sicher, dass das Objekt beim Transport keinen unnötigen Erschütterungen ausgesetzt ist.“
Das Fragment des Markusevangeliums ist heute eines der wertvollsten handschriftlichen Denkmäler in Tschechien. Als Teil des sogenannten Veitsschatzes wird es vom Metropolitankapitel zu St. Veit verwaltet. Laut dem Sprecher Pavel Schrötter hat das Erzbistum Prag die Schirmherrschaft über die gesamte Ausstellung in Italien übernommen.
„Es handelt sich um ein einzigartiges Projekt, das uns vor Augen führt, dass Manuskripte nicht bloß seltene Exponate in Archiven und Bibliotheken sind. Sie sind vielmehr die Stimme jener Generationen, die uns ihr Wissen und ihren Glauben überliefert haben – und ein lebendiges Zeugnis unserer christlichen Wurzeln.“
Die Ausstellung in Aquileia dauert bis zum 25. April 2027. Das Prager Fragment wird jedoch nur sechs Wochen lang zu sehen sein, bevor es durch eine Replik ersetzt wird. Dasselbe gilt für das Gegenstück aus Cividale. Der venezianische Teil hingegen bleibt während der gesamten Laufzeit in der Schau, da er in seinem schützenden Reliquiar präsentiert wird.







