Debussys „Pelléas et Mélisande“ im Prager Nationaltheater
Eine Neuinszenierung der Oper „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy hat an diesem Donnerstag, 15. Oktober, ihre Premiere im Prager Nationaltheater. Martina Schneibergová hat nach der Generalprobe mit dem Regisseur der Oper, Christof Loy, gesprochen.
Herr Loy, wie ist es Ihnen in dieser Inszenierung gelungen, die Spannung zwischen den einzelnen Personen und diese versteckten Bedeutungen irgendwie hervorzuheben?
„Es ist ein bisschen meine Methode bei den Probenarbeiten, den Sängern sehr viel zu erklären, was alles im Hinterkopf abläuft. Die gesungene Sprache ist nur eine Schicht – die vordergründige Schicht –, dahinter laufen sehr viele andere Gedanken, zum Teil auch widersprüchliche Gedanken. Was ich den Sängern mitgebe, ist das, was man auch als Zuschauer spürt: dass irgendetwas noch auf einen zukommt, mit dem man nicht rechnet. Das heißt, irgendetwas braut sich da zusammen. Ich habe auch immer den Sängern gesagt, man dürfe sich nicht verführen lassen, weil die Musik, die fürs Orchester geschrieben wurde, sehr oft wie so ein scheinbar ruhiger Untergrund ist. Aber das, was die Sänger, Darsteller und Personen miteinander verhandeln, muss doch immer sehr konkret sein. Man darf sich nicht verführen lassen, in so allgemeinen Gewässern zu schwimmen.“
Die Musik fließt in dieser Oper wie ein Strom. Würde man nicht das sehen, was sich auf der Bühne abspielt, könnte man meinen, dass alles ganz ruhig weitergehe. Ist das nicht ein Widerspruch?
„Ja. Es ist aber interessant, dass Debussy immer darauf hingewiesen hat, dass man heute in der Oper aufpassen müsse – und das galt auch für sein Werk ,Pelléas et Mélisande‘ –, dass nicht zu viel gesungen wird. Man sollte sich in einem Klang nur um des Klanges wegen nicht verlieren, sondern dass diese Personen miteinander wirklich etwas verhandeln. Deswegen denkt man jetzt eher, man sehe eine Vertonung von Bergmans ,Szenen einer Ehe‘. Der Librettist, der Dichter Maeterlinck, ist Belgier gewesen. Und ich bin bei der Ästhetik ein bisschen von einer gewissen nordischen Welt inspiriert. Ich habe Ingmar Bergman genannt, aber auch Ibsen ist nicht weit davon entfernt. Wenn man an die Bildwelt des Malers Hammershøi (Gemeint ist der dänische Maler Vilhelm Hammershøi, 1864–1916, Anm. d. Red.) denkt, der diese seltsamen Einrichtungen gemacht hat, bei denen man sich immer fragt, ob dort überhaupt jemand lebt oder alles schon vergangen ist, beziehungsweise ob die Leute irgendwann diese Räume wieder bewohnen werden. Das spielt alles ein bisschen mit bei dieser Arbeit. Auch heute Abend, also gleich, werde ich noch einmal ein bisschen mit den Sängern reden. Mir fallen dann immer noch Sachen auf – man muss manchmal mehr daran denken, was die Figur in der Szene vorher gespürt hat und dass man, wenn die Figur wieder auftritt, genau an dem Punkt auch wieder ansetzt. Was mir auch wichtig war bei der Arbeit, dass man die Figuren nicht moralisch beurteilen sollte. Im Leben kommt man damit nicht weiter – und im Theater schon gar nicht.“
Mussten die Sängerinnen und Sänger lernen, aufeinander zu reagieren?
„Interessante Frage. Das ist tatsächlich das, was ich gerade in den letzten Tagen immer wieder gesagt habe: ‚Jetzt, da Ihr den ,Parcours‘ kennt, also wo eine Figur entlanggeht, jetzt macht Eure Ohren noch weiter auf, um zuzuhören, was der Partner sagt, und um darauf dann zu reagieren. Nicht nur die Ohren, sondern auch irgendwie das Herz sollte man weiter aufmachen für das, was um einen herum passiert.“
Wie ist die Zusammenarbeit mit den Solistinnen und Solisten? Zu ihnen gehören sowohl Gäste, die jetzt in Prag auftreten, als auch Mitglieder des Opernensembles des Nationaltheaters…
„Ich muss sagen, es hat sich sehr schnell in den ersten Tagen schon ergeben, dass man unglaublich schön zusammengearbeitet hat. Manchmal ist das ja das Wunder in der Oper, dass verschiedene Menschen, verschiedene Nationalitäten aufeinanderprallen, aber dann so ein Universum von Debussy es ganz schnell schafft, dass man ein gemeinsames Ziel hat. Ich bin von Herzen überzeugter Europäer. Ich finde es einfach wunderbar, dass man hier am Národní divadlo diese Möglichkeit hat, ein Stück zu kreieren, das noch zudem aus dem Zeitraum stammt, in dem dieses Haus gebaut wurde. Das finde ich alles sehr inspirierend. Ich bin jemand, der auch sehr mit dem Geist eines Theaters operiert. Ich habe auch immer gesagt, dass die Mélisande ein bisschen eine Schwester der Rusalka ist. Das hat uns, glaube ich, bei der Arbeit mit begleitet."
Haben Sie den Theaterraum vorher gekannt?
„Ich bin, glaube ich, vor vier Jahren zum ersten Mal hier gewesen. Damals haben wir schon angefangen, über ein Projekt zu reden. Und ich bin sehr froh, dass ich damals schon hier war, die Nähe zum Fluss gespürt und auch Prag ein bisschen kennengelernt habe. Ich möchte es noch besser kennenlernen, weil wenn man an einem Projekt arbeitet, ist man nicht wie ein Tourist in der Stadt.“
Sie haben auch den Fluss erwähnt. Spielt das Wasserelement in der Oper eine Rolle? Denn es gibt dort diesen Brunnen der Blinden…
„Ja. Wasser als lebensspendendes Element, als Element von ständiger Bewegung, Durchlässigkeit und Transparenz ist, glaube ich, ein Thema.“
Diese Oper ist hierzulande unter den Theaterbesuchern vielleicht nicht so bekannt wie andere Werke, die häufiger gespielt werden. Denn zum ersten und bisher letzten Mal wurde hier das Stück vor etwa 14 Jahren aufgeführt…
„Das Stück, ist unter Kennern natürlich sehr bekannt. Es ist auch allgemein anerkannt als eines der zentralen Werke von Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich hoffe, dass das Publikum nicht diese Berührungsangst hat, sondern dass sich auch sehr schnell in der Stadt herumspricht, dass wir hier einen spannenden Opern-Theaterabend machen. Zudem hoffe ich, dass es die Neugier gibt. Und wie gesagt, denke ich, dass viele Menschen, die es gesehen haben, dann andere Menschen überreden und überzeugen, es zu sehen.“
Wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Prager Opernensemble?
„Eigentlich verbindet mich mit Per Boye Hansen (künstlerischer Leiter des Opernensembles, Anm. d. Red.) eine sehr alte Geschichte, weil wir zwar nie zusammengearbeitet, aber zusammen studiert haben. In meiner Heimatstadt Essen war ich an der Folkwang Hochschule, die auch die Hochschule von Pina Bausch und weiteren Künstlern war. Unsere Wege haben sich dort ganz am Anfang unserer Ausbildung gekreuzt. Ich muss sagen, ich habe nicht die Jahre gezählt. Ungefähr 40 Jahre später habe ich die Einladung bekommen, bei ihm hier zu arbeiten. Es war von ihm in den Raum gestellt, dass ich auch einen Titel nennen darf, der mich sehr interessiert. Als ich dann ,Pelléas et Mélisande‘ sagte, war er sofort sehr begeistert, sodass ich dieses Stück in diesem Haus kreieren kann.“
Die Premiere von Debussys „Pelléas et Mélisande“ findet an diesem Donnerstag um 19 Uhr im Prager Nationaltheater statt. Die zweite Premiere steht am Sonntag, 18. Oktober, auf dem Programm. Reprisen gibt es am 21. und 31. Oktober und am 5., 8. und 19. November. Für alle Vorstellungen gibt es noch Restkarten. Mehr erfahren Sie unter https://www.narodni-divadlo.cz/en.
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