Nürnberg, Lauf, Tangermünde: Auf den Spuren Karls IV. in Deutschland

Goldene Bulle (1356) Foto: public domain

Auf der Frauenkirche am Hauptmarkt in Nürnberg spielt sich täglich um Mittag das gleiche Spektakel ab: Figuren der sieben Kurfürsten laufen im Kreis und huldigen Karl IV. Das „Männleinlaufen“ erinnert an die „Goldene Bulle“, ein Reichsgesetz, das Kaiser Karl 1356 erlassen hat. Welche Bedeutung hatte Karl IV. für das Heilige Römische Reich deutscher Nation? Und welche Spuren hat dieser Kaiser und König in Deutschland hinterlassen? Dazu mehr im Interview mit Jan Zdichynec, Historiker der Prager Karlsuniversität.

Karl IV.  (Foto: Kristýna Maková)
Herr Zdichynec, in Tschechien ist das Bild Karls IV. vor allem davon geprägt, dass er König von Böhmen gewesen ist und heute als „der größte Tscheche“ gilt. Welche Bedeutung hatte er aber für das Römische Reich? Er war ja seit 1346 römisch-deutscher König und seit 1355 römischer Kaiser…

„Darauf lässt sich mit einem Bonmot reagieren: Laut vielen deutschen Autoren auch schon im Mittelalter war Karl IV. ‚der Vater Böhmens, aber Stiefvater Deutschlands‘. Die Beziehung ist also ambivalent, und die Aussage zeigt gut die Wahrnehmung dieses Kaisers in Deutschland. Man kann sagen, dass Karl den Kern seines Machtbereichs sicher in Böhmen gesehen hat. Böhmen diente ihm als Grundlage für seine Machtexpansion nach Deutschland. Dementsprechend soll Karl auch die Reichspolitik vernachlässigt haben. Man muss sich auch dessen bewusst werden, dass Karl als Kaiser viele Urkunden für sich als den König von Böhmen ausgestellt hat. Die Doppelfunktion als Kaiser und König war außergewöhnlich, aber man muss dazu noch betonen, dass wir vom Mittelalter sprechen: Er war vor allem ein Christ, ein Mensch, der sozusagen universalchristlich, transnational diente. Ich würde daher nicht klar trennen.“

„Karl hat den Kern seines Machtbereichs sicher in Böhmen gesehen.“

Karl IV. hat seine Goldene Bulle herausgegeben. Dieses Gesetzbuch war dann im Reich bis ins 19. Jahrhundert gültig.

„Interessant ist, dass Karl zwar im Reich beziehungsweise in Deutschland ein Gesetzbuch durchsetzen konnte, aber nicht in Böhmen. Aber diese Goldene Bulle wird von den deutschen Historikern widersprüchlich gedeutet. Auf der einen Seite klärt sie die Stellung des Kaisers, sie legt die Bedingungen für die Kaiserwahl fest, auf der anderen Seite beinhaltet sie bereits eine Festigung der Territorialstaaten.

Goldene Bulle  (1356) Foto: public domain
Und wie Sie schon gesagt haben, diese Goldene Bulle hatte bis zu den Napoleonischen Kriegen Gültigkeit, sie war also wirklich ein wichtiges Gesetzeswerk. In diesem Kontext ist wichtig zu erwähnen, dass Karl auch gewisse Bestimmungen für die Kurfürsten eingeführt hat, und unter diesen Bedingungen ist, dass die Kinder der Kurfürsten nicht nur Deutsch und Französisch, sondern auch eine slawische Sprache lernen sollen. Er war sich also der Mannigfaltigkeit des Reichs bewusst.“

Nürnberg  (Foto: DALIBRI / CC BY-SA 3.0)
Welche Gebiete und Städte im heutigen Deutschland waren für Karl IV. von besonderer Bedeutung? In Böhmen wird Karls Gründungstätigkeit und Bautätigkeit hervorgehoben. Hat er auf den Gebieten außerhalb Böhmens auch Spuren als Gründer hinterlassen?

„Einleitend will ich dazu zwei Sachen sagen. Wir sprechen von einer Zeit, in der die sogenannte Reiseherrschaft der Könige zu Ende ging. Bis zu Karls Zeit, bis zum 14. Jahrhundert, waren die Könige und Kaiser wirklich viel unterwegs. Sie hatten mehrere Residenzen. Karl hatte auch mehrere Residenzen, gleichzeitig baute aber vor allem Prag zielbewusst aus. Wenn man also nach Karls Spuren sucht, muss man dies in Böhmen machen. Zugleich liegt Nürnberg nicht weit von der Grenze, und die Stadt war für ihn sehr wichtig. Dort wurde Karls Sohn Wenzel geboren, und Nürnberg wurde durch Karls Bautätigkeit geprägt. Nennen ließe sich die Liebfrauenkirche, die am Hauptmarkt steht. Dort lässt sich auch eine Abbildung des Kaisers finden. Interessant ist, dass die Liebfrauenkirche nach dem großen Juden-Pogrom gebaut wurde. Manche Historiker bezichtigen Karl dieses Pogroms. Es ist nicht ganz klar, aber es scheint, dass der Kaiser eine Rolle dabei gespielt hat. In Bayern muss man zudem die Burg Lauf erwähnen, die oft sogar Wenzelsburg genannt wurde. Diese Burg wurde von Karl zielbewusst und planmäßig gebaut. Sie hat einen gut erhaltenen Wappensaal und eine Wenzelskapelle. In Süddeutschland kommt noch zum Beispiel Sulzbach hinzu, das zum Zentrum der Oberpfalz wurde. Im Norden ist es dann Tangermünde, teilweise Frankfurt an der Oder und in der Lausitz, die heute auch zu Deutschland gehört, Oybin und Bautzen. Es gibt also viele solche Orte.“

„Nürnberg ist eine Stadt, in der Karls Sohn Wenzel geboren ist, eine Stadt, die durch Karls Bautätigkeit gekennzeichnet ist.“

Im heutigen Bayern, konkret in der Oberpfalz, liegt ein Gebiet, das „Neuböhmen“ benannt wurde. Was hat es damit auf sich?

„Es ist sehr interessant. Zuerst muss man sagen, dass der Namen ‚Neuböhmen‘ sich erst im 19. Jahrhundert durchgesetzt hat. Zu Karls Zeiten gab es mehrere Bezeichnungen wie etwa Oberpfalz und Land von Sulzbach. Was ist also Neuböhmen? Karl versuchte eine sichere Verbindung von Prag nach Frankfurt am Main zu bauen. Er als König und auch seine Nachfolger mussten aus Böhmen ins Reich fahren, und es war besser, einige Stützpunkte auf dem Weg zu haben.

Jan Zdichynec  (Foto: Prager Karlsuniversität)
Das war meiner Meinung nach seine erste Motivation. Und zweitens hatte er Glück, wie so oft: Er heiratete Anna von der Pfalz, die ihm dabei half, dieses Gebiets zu erhalten. Karl hat auf dem Gebiet der damaligen Oberpfalz systematisch Städte und Burgen gekauft oder durch die Ausübung von Druck erworben und dort seit den 1360er Jahren systematisch sein Verwaltungssystem ausgebaut. Er ernannte einen Hauptmann in Sulzbach und versuchte, dort sozusagen ein neues Kronland zu errichten. Das ist ihm aber nicht dauerhaft gelungen. Nach Karls Tode gingen manche Besitzungen an die Wittelsbacher verloren, aber einige böhmischen Lehen blieben dort bis zum 19. Jahrhundert erhalten.“

Welche Position hatten die Ober- und die Niederlausitz in Karls Politik?

„Was für Karl besonders wichtig war, das war Brandenburg.“

„Die Lausitz war der Weg nach Norden. Für Karl besonders wichtig war jedoch Brandenburg. Die Oberlausitz hatte er bereits von seinem Vater geerbt. Zwar gilt Karl als guter Staatsmann und sehr erfolgreicher Herrscher, aber er konnte auch an seinen Vater und dessen Erfolge anknüpfen. Die Oberlausitz war also strategisch sehr wichtig. Bautzen, das bis heute als Zentrum der Oberlausitz gilt, hat Karl mehrere Male besucht. 1350 gab es dort ein Fürstentreffen, und Karl kam dort zu Verhandlungen mit den Wittelsbachern und Wettinern zusammen. Die Oberlausitz war sicher auch wirtschaftlich von Bedeutung, weil es dort viele königliche Städte gab. Und man darf die Burg Oybin nicht vergessen. Das dortige Zölestinerkloster wurde von Karl gebaut, und man geht davon aus, dass auch Peter Parler an diesem Bau gearbeitet hat.“

Sie haben Brandenburg erwähnt, als ein besonders wichtiges Gebiet. Welche Bedeutung hatte dieses Land für Karl IV.?

Elisabeth von Pommern  (Foto: Michaelsanders / Public Domain)
„Zunächst war mit Brandenburg eine Kurfürstenstimme verbunden. Es war für Karl sehr wichtig, nicht nur seine Macht im Reich zu stärken, sondern auch seinen Söhnen eine starke Machtposition zu hinterlassen. Dafür brauchte oder wollte er diese Stimme. Dann war Brandenburg wichtig für seine Nord-Politik. Wir dürfen nicht vergessen, dass seine letzte Frau Elisabeth von Pommern war, das heißt aus dem heutigen Gebiet Norddeutschlands und Nordpolens stammte. Und die Mark Brandenburg bildete eine Verbindung zur Hanse, zur Ostsee. Die Bedeutung war also auch da wieder strategisch und wirtschaftlich, obwohl die Mark Brandenburg nicht so reich war. Das Allerwichtigste war jedoch die Stimme des Kurfürsten.“

Wie gelang es Karl, die Mark Brandenburg zu erwerben?

„Dies ist eine interessante Geschichte. In der Historiographie heißt es meist, die Mark Brandenburg sei von Karl gekauft worden. Er hat auch wirklich dafür viel Geld ausgegeben, aber zugleich hat er Machtmittel eingesetzt. Brandenburg war bis dahin in den Händen der Wittelsbacher, der Nachkommen von Kaiser Ludwig von Bayern. Karl hat sozusagen die Söhne seines Vorgängers gezwungen, Brandenburg ihm zu verkaufen.“

Er hat in der Mark die Stadt und Burg Tangermünde gegründet und dort in seinen letzten Lebensjahren viel Zeit verbracht…

Tangermünde  (um 1650),  Foto: public domain
„Tangermünde ist bis heute eine schöne Stadt. Man kann dort bis heute Karls Spuren sehen. Er hat anscheinend geplant, Tangermünde zu einer Residenz eines seiner Söhne zu machen, entweder Sigismund oder Johannes von Görlitz. Wie in anderen Städten hat Karl auch dort eine Residenz erbauen lassen und ein Kollegiatstift gegründet. Man muss in Verbindung mit Tangermünde vielleicht sagen, dass Karl nicht nur die Söhne Siegmund und Wenzel hatte, sondern auch noch Johann von Görlitz. Das war der jüngste Sohn. Und dieser Johann erhielt den östlichen Teil der Oberlausitz, die Niederlausitz und auch die sogenannte Brandenburgische Neue Mark.“

In Böhmen gibt es mehrere Darstellungen und Bildnisse von Karl IV. aus Lebenszeit und aus nachfolgenden Jahrhunderten. Wie ist das in Deutschland?

„Wir finden auf fast allen Gebieten um Böhmen die Wappen von Böhmen. Das sind sehr sichtbare Beweise Karls Präsenz, seiner Repräsentation.“

„Am wichtigsten sind vielleicht die Statuen an der Frauenkirche in Mühlhausen in Thüringen. Das sind Bildnisse von Karl IV. und seiner letzten Frau Elisabeth von Pommern. Über die Zeit der Entstehung und den Bildhauer ist nicht viel bekannt, aber die Statue wird doch als ein Porträt von Karl angesehen. Sonst gibt es, würde ich sagen, nicht so viele Porträts. Aber es lassen sich in fast allen Gegenden um Böhmen herum die Wappen von Böhmen finden. Das sind sehr sichtbare Beweise von Karls Herrschaft. Und was schon erwähnt wurde – Lauf. Die Burg Lauf ist vielleicht seine sichtbarste Spur jenseits der böhmischen Grenzen.“