Ökologische Bestattungen in Tschechien: Vorschriften setzen Grenzen für neue Konzepte
Sarg oder Einäscherung: Vereinfacht gesagt sind dies die beiden einzigen Möglichkeiten, die in Tschechien für die Bestattung von Menschen gesetzlich vorgesehen sind. Neben den üblichen Beerdigungsritualen gibt es aber bereits Alternativen wie etwa Friedwälder oder ökologische Grabstätten. Dazu gehört der „Wiesenfriedhof“ im Prager Stadtteil Ďáblice. Er ist vor zwei Jahren eingeweiht worden. Aber wird er auch genutzt? Wie groß ist allgemein das Interesse an alternativen Beisetzungen? Und welche Konzepte der umweltfreundlichen Bestattungen sind in Tschechien noch nicht möglich?
Wer in Prag seine Angehörigen auf umweltschonende Weise beerdigen will, wendet sich am besten an Adam Vokáč. Er ist zuständig für den „Wald der Erinnerungen“ und den „Wiesenfriedhof“ auf dem Friedhof in Ďáblice. Vor drei Jahren hat Vokáč als erster Tscheche überhaupt das Zertifikat der US-amerikanischen Organisation Green Burial Council erlangt. Diese setzt sich für „grüne“ Bestattungsformen ein und gibt online Weiterbildungskurse zum Thema.
Seitdem arbeitet der junge Totengräber daran, auch in Tschechien eine Öffentlichkeit für alternative Beisetzungen zu schaffen. Vokáč ist noch keine 30 Jahre alt – und hat schon einen Lebensweg für sich gefunden, der ihn ausfülle, wie er im Interview mit Radio Prag International sagt:
„Was mich dazu gebracht hat, war ein Gefühl, dass hier etwas vorwärts gehen muss. Und die persönliche Erfahrung, wie leid es mir getan hat, dass bei der Beerdigung meiner Großmutter alles so altherkömmlich war. Es lief so ab, wie es immer zu kommunistischen Zeiten gemacht wurde – eben sehr steif und unpersönlich. Ich sagte mir, es kann doch nicht sein, dass es da in Tschechien keine Veränderungen gibt und niemand über das Thema spricht.“
Dabei gebe es hierzulande ein wachsendes Interesse an neuen Bestattungsformen, betont Vokáč. Mit uninspirierten Ritualen, die noch aus sozialistischen Zeiten stammen, würden sich die Menschen kaum noch zufriedengeben.
Deshalb bringt der junge Friedhofsverwalter alternative Konzepte aus dem Ausland ins Gespräch, etwa aus den USA oder Großbritannien. Dazu gehören vor allem naturbezogene Beerdigungen. Diese seien mit dem aktuellen Bestattungsgesetz in Tschechien relativ gut vereinbar, erläutert Vokáč:
„Ich denke, das Gesetz ist ganz gut geschrieben. Zwar sind hierzulande noch nicht so viele Alternativen erlaubt wie im Westen. Aber das braucht meiner Meinung nach nur ein bisschen Beharrungsvermögen. Schon jetzt ist bei uns mehr möglich als zum Beispiel in Deutschland. Wir können nach der Einäscherung mit der Asche freier umgehen, sie zum Beispiel im eigenen Garten beisetzen – das geht in Deutschland nicht. Unser Gesetz ist also ziemlich liberal.“
Zurück zur Erdbestattung
Es gehe in Tschechien also nicht nur darum, die Gesetzeslage zu ändern, sagt Adam Vokáč. Vielmehr sollten seiner Ansicht nach Bestattungsinstitute Angebote für persönlich gestaltete Zeremonien machen. Und auf den Friedhöfen müssten mehr Areale für naturbelassene Gräber oder Orte zur Kontemplation entstehen – so wie es in Ďáblice schon seit zwei Jahren den „Wiesenfriedhof“ gebe:
„Momentan sind dort fünf Menschen beerdigt, und zwölf Plätze sind vermietet. Es ist also immer noch eine Neuheit, von der viele gar nicht wissen. Man muss dazu sagen, dass in Prag nur drei Prozent der Menschen eine Erdbestattung für ihre Verstorbenen wählen. Der Rest entscheidet sich für die Einäscherung. Der ‚Wiesenfriedhof‘ stellt also eine wichtige Alternative dar, mit der überhaupt zur Möglichkeit der Erdbestattung zurückgekehrt wird.“
Diese Form ist Vokáč zufolge nicht nur ökologischer, da Krematorien einen hohen Energieverbrauch haben. Der Leichnam werde zudem in umweltverträglichen Materialien beigesetzt, und über ihm gedeihe eine ursprünglich belassene Blumenwiese, auf der die Grabstätten nur mit kleinen Namenstafeln markiert seien. Damit kehre der menschliche Körper in den Naturkreislauf zurück, fasst Vokáč zusammen.
Insgesamt ist auf der Erinnerungswiese in Ďáblice Platz für 350 Gräber. Vokáč und seine Kollegen pflegen diese mit großer Sorgfalt...
„Das Besondere an den Wiesengräbern ist, dass wir uns selbst um sie kümmern. Dies ist für Friedhöfe eher ungewöhnlich. Darum ist die Miete für einen Platz, die diese Dienstleistungen beinhaltet, auch etwas teurer. Für eine Dauer von zehn Jahren kostet sie 16.200 Kronen (rund 660 Euro). Aber der Rest kann, abhängig von den jeweiligen Wünschen der Angehörigen, wieder günstiger sein, da zum Beispiel kein Steingrab angelegt wird. Zudem gibt es weniger Kosten für das Material, und meist werden auch keine großen Kränze niedergelegt.“
Bisher sieht es nicht danach aus, dass auf dem „Wiesenfriedhof“ mehrere Gräber übereinander angelegt werden. Dies sei auf den herkömmlichen Friedhöfen in Tschechien jedoch üblich, schildert Vokáč:
„Die Ruhezeit beträgt dem Gesetz zufolge mindestens zehn Jahre. Wenn diese vorbei ist, kann an der Stelle wieder jemand beerdigt werden. Es ist aber auch möglich, dass dort noch während der Ruhezeit ein tieferes Loch ausgehoben wird, um einen oder zwei weitere Menschen an der Grabstätte beizusetzen. In Tschechien gilt also nicht ‚ein Grab – ein Leichnam‘, so wie etwa in den USA. Dort ist so viel Platz, dass man ein Grab für einen Menschen anlegt, und danach niemand weiteres dort bestattet wird. In Europa ist es hingegen gängig, einen Platz mehrfach zu nutzen.“
Totengräber-Workshops und Petitionen
Spezielle Orte entstehen auf den Friedhöfen Tschechiens nicht nur für alternative Beerdigungsformen, sondern auch zur Erinnerung an bestimmte Menschen. Im südmährischen Zlín zum Beispiel gibt es einen Waldfriedhof, auf dem im Oktober ein Gedenkplatz eingeweiht wurde für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Initiiert wurde dies von der Organisation Dítě v srdci (Kind im Herzen). Und auch Adam Vokáč hat einen Verein gegründet für seine Aufklärungsarbeit rund um das Thema „grüne“ Bestattung. Diese umfasst etwa „Totengräber-Workshops“, Petitionen an das Ministerium für Regionalentwicklung oder internationale Konferenzen.
Der Verein heißt Poslední stopa (Letzte Spur), und aktuell setzt er sich für die Legalisierung der sogenannten Reerdigung in Tschechien ein. Dabei wird der Leichnam in einem Spezialbehälter durch Zugabe von Stroh und Luftzufuhr zu Humus verwandelt. Diese Bestattungsform werde auch Human-Kompostierung genannt, fährt Vokáč fort:
„Die entstehende Erde – oder sagen wir ruhig der Kompost – wiegt dann 100 bis 120 Kilogramm. Es ist also eine ziemlich große Masse. Und diese fruchtbaren menschlichen Überreste können wunderbar an die Natur zurückgegeben werden. Die Verwandlung ist also real, sie ist nicht nur eine Vorstellung. Es passiert wirklich, dass wir auf einmal zu fruchtbarer Erde werden, die eine Pflanze ernähren kann – sei es unter einem Baum oder in einem Beet.“
Weiter berichtet der junge Totengräber von Gewohnheiten in den USA, bei denen sich die Angehörigen die entstandene Erde untereinander aufteilen würden und jeder einen symbolischen Teil des Verstorbenen in seinen Garten einbringen könne. Als Bestattungsform habe die Reerdigung nur einen geringen Energieverbrauch und sei äußerst nachhaltig, unterstreicht der Experte. Und auch darum arbeite sein Verein Poslední stopa an ihrer Einführung in Tschechien:
„Hierzulande ist die Reerdigung noch nicht legal. Denn es wird noch nicht laut genug gefordert, dass sie möglich wird. Verhandlungen im Ministerium drehen sich ja oft um viel dringendere Probleme. Es wird einfach noch nicht ausreichend darauf bestanden, dass diese Nachfrage in der tschechischen Bevölkerung besteht. Das muss noch kommen, und das ist eines der Ziele unseres Vereins.“
Eine weitere ökologische Variante der Beerdigung könnten zudem flachere Gräber sein. Bisher sieht das tschechische Gesetz eine Mindesttiefe von anderthalb Metern vor. Vokáč sieht dort Reformbedarf:
„Ich denke, ein Meter ist genug. Dies wäre ein optimaler Kompromiss, bei dem immer noch keine Geruchsbildung droht. Und so würden auch Tiere nicht auf die Stelle aufmerksam werden. Es wurde bereits belegt, dass diese Tiefe ausreicht. Gleichzeitig gäbe es dann mehr Luftzufuhr für die Zersetzung des Leichnams, denn in der oberen Erdschicht befinden sich mehr Mikroorganismen.“
Eine solche Bestattungsvariante wäre außerdem kostengünstiger, fügt Vokáč hinzu, da nicht so viel Erde ausgehoben werden müsste.
Beerdigung als angenehme Erfahrung
Während für mögliche Gesetzesänderungen noch ein langer Weg vor Adam Vokáč und seinem Verein liegt, werden auf dem „Wiesenfriedhof“ in Ďáblice die Alternativen zu den gängigen Bestattungsformen schon praktiziert. Dabei sind auch ein sparsamer Umgang mit Ressourcen und die Vermeidung von Müll wichtig – und nicht zuletzt der individuelle Kontakt zu den Angehörigen. Vokáč beschreibt die Wirkung des Ortes auf die Trauernden:
„Wir haben das Glück, dass es auf dem Friedhof Ďáblice, konkret im Friedwald und auf dem ‚Wiesenfriedhof‘, eine Menge Grün gibt. Das Areal bietet viel Raum zum Spazierengehen und Nachsinnen. Die Zeremonien verlaufen dort immer sehr entspannt und ohne jeden Zeitdruck, wie man ihn aus den üblichen Trauerhallen kennt. Dadurch wirken die Beerdigungen bei uns eher befreiend. Und das Grün hat auf Menschen bekanntermaßen eine positive Wirkung. Draußen in der Natur lässt es sich besser trauern und einfacher mit dem Verlust umgehen.“
Bei dem Begräbnis würde so weit wie möglich auf die Bedürfnisse der Hinterbliebenen eingegangen, sagt Vokáč. Und die Menschen scheinen ihn in seinen Bemühungen und seinen Ideen zu bestätigen:
„Ich sehe eine Veränderung durch meine Arbeit. Die Hinterbliebenen teilen mir ihre Eindrücke von der Zeremonie mit und sagen, dass diese für sie eine angenehme Erfahrung gewesen sei. Der Gedanke, dass eine Beerdigung eine angenehme Erfahrung sein kann, fällt wohl vielen Menschen so gar nicht ein. Aber diese Möglichkeit gibt es.“








