Olympische Sommerspiele in Sydney (Bilanz)

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Ahoi und herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe des Sportreports von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßen Sie Bettina Schlener und Lothar Martin.

Na, liebe Hörerinnen und Hörer, haben Sie auch schon olympische Ringe unter den Augen vom vielen Fernsehen auf die Wettkämpfe der XXVII. Olympischen Sommerspiele in Sydney? "Gott sei Dank sind sie an diesem Wochenende zu Ende," wird so manch einer sagen, "schade, dass alles schon wieder vorbei ist" andererseits der gehörige Teil der Sportinteressierten innerhalb der Bevölkerung. Nun, für alle die, die der zweiten Kategorie angehören und von denen uns jetzt sicher nicht wenige zuhören, wollen wir in den nachfolgenden Minuten einen kleinen Rückblick auf die Ereignisse von Sydney 2000 geben. Und das natürlich - wie Sie es von uns gewohnt sind - aus tschechischer Sicht. Wenn Sie wissen wollen, wie die Bilanz der tschechischen Olympiamannschaft ausfällt, dann bleiben Sie doch ganz einfach dran.


Wenn man im olympischen Sport eine Bilanz ziehen will, dann schaut man zwangsläufig zuerst immer auf die Medaillenausbeute. Und da kann man in Tschechien davon sprechen, dass sie ähnlich erfolgreich ausgefallen ist wie die vor vier Jahren in Atlanta, als tschechische Sportler mit 4 x Gold, 3 x Silber und 4 x Bronze im Gepäck die Heimreise antraten. Bis zu Beginn des 15. Wettkampftages am Freitag hatte die tschechische Equipe in Sydney bereits acht Medaillen gewonnen. Zwei goldene, zwei silberne und drei bronzene waren sicher verbucht, die Wertigkeit des achten Edelmetalls lag buchstäblich in den Fäusten von Boxer Rudolf Kraj, der sich in der Gewichtsklasse bis 81 kg bis ins Halbfinale durchgeboxt hatte. Dort besaß er die Chance, durch einen Sieg über den Ukrainer Fedtschuk die sichere Bronzemedaille noch zu versilbern oder gar zu vergolden. Und ähnliche Medaillenambitionen hegte auch noch der zweifache Olympiasieger von Atlanta im Kanurennsport Martin Doktor, der sich auch in Sydney wieder bis ins Finale der Einer-Canadier-Konkurrenzen über 500 und 1000 m vorgekämpft hat. Über die kürzere, die Sprintdistanz allerdings mehr mit einem teils diplomatischen, teils unschönen Nachspiel. Nach dem Vorlauf hatte der Trainer des siegreichen Deutschen Andreas Dittmer nämlich Protest gegen die Fahrweise des Titelverteidigers eingelegt, obwohl der zweitplatzierte Doktor seinen Schützling gar nicht behindert hatte. Die Regeln sehen einen fünf Meter breiten Abstand zwischen den einzelnen Bahnen vor, den Doktor nicht eingehalten haben soll. Die Jury annullierte die zwischenzeitlich ausgesprochene Disqualifikation von Martin Doktor und bestätigte somit dessen Endlaufteilnahme. Eine Entscheidung im olympischen Geist, wie wir finden, was man vom Protest des deutschen Trainers, aber auch von so manch anderen fragwürdigen Auslegungen, die in Sydney getroffen wurden, nicht ohne weiteres behaupten kann.

Doch überlassen wir es anderen, über all die bekannt und nicht bekannt gewordenen Dopingfälle vor und während der Olympiade, über strittige Schiedsrichterentscheidungen und dergleichen zu richten. Wenden wir uns nun dem Abschneiden der tschechischen Athleten zu. Und da lagen - wie im Sport nicht anders üblich - Freud und Leid ganz dicht beieinander.

Beginnen wir zunächst mit den Enttäuschungen. Da wären in erster Linie die Fußballer zu nennen, die - mit viel Vorschusslorbeeren nach Australien gereist - in der Vorrundengruppe C mit zwei Unentschieden und der unnötigen 2:3-Niederlage gegen Kuweit nur den vierten und letzten Platz belegten. Damit waren ihre Medaillenträume genauso früh geplatzt wie die des einst erfolgreichen Ruderskullers Václav Chalupa, der im Hoffnungslauf scheiterte, oder die von Sárka Kasparková, die als Bronzemedaillengewinnerin von Atlanta diesmal aufgrund dreier Fehlversuche schon in der Qualifikation zur Dreisprungkonkurrenz strauchelte. Noch härter traf es die sicheren Medaillenanwärter Ludmila Formanová und Tomás Dvorák. Beide mussten ihren Verletzungen, die sie sich im Vorfeld von Sydney zugezogen hatten, hohen Tribut zollen. Die 800-m-Weltmeisterin scheiterte so bereits im Vorlauf, während sich der zweifache Weltmeister und Weltrekordler im Zehnkampf während des gesamten Wettbewerbs förmlich bis auf den abschließenden 6. Platz durchquälte.

Dvorák, ein Athlet durch und durch, quälte sich aber auch für seine beiden Mannschaftskameraden, von denen sich Roman Sebrle zu einer famosen Leistung aufschwang, die mit der Silbermedaille belohnt wurde. Ebenso famos hatte sich Jan Rehula im erstmals bei Olympia ausgetragenen Triathlon geschlagen, wo er sich in der Männerkonkurrenz die bronzene Plakette abholte. Silber und Bronze steuerten auch die Schützen durch Petr Málek im Skeet und Martin Tenk in der Disziplin Freie Pistole bei. Im Wildwasserkanal von Penrith war ebenso Verlass auf die Slalomkanuten, von denen Marek Jiras und Tomás Máder die Bronzemedaille im Zweier-Canadier gewannen. Und auf dem obersten Treppchen der Einer-Kajak-Konkurrenz der Frauen kam - wie vor vier Jahren in Atlanta - Stepanka Hilgertová ein. Dementsprechend groß war die Freude der 32-jährigen Pragerin bei ihrer Rückkehr in der Heimat, wo sie - nach ihren Glücksgefühlen befragt - erwiderte: "Also je größer der Abstand zum Wettkampf, um so schöner sind sie, denn es gibt nichts Schöneres als den Erfolg zu durchleben mit denjenigen, die einem den Erfolg wünschen. Und das sind in erster Linie meine Familie und meine Freunde, auf die ich mich freue und mit denen ich den Olympiasieg feiern und auskosten werde."

Der ungekrönte König unter den tschechischen Athleten ist jedoch der 34-jährige Jan Zelezný. In Sydney gelang ihm das Kunststück, nach 1992 und 1996 zum dritten Mal in Folge den olympischen Speerwurfwettbewerb der Männer zu gewinnen. Den Wettkampf selbst charakterisierte er wie folgt: "Nun, das war ein unerhört schwerer Wettkampf, denn die Konkurrenz legte gleich große Weiten vor. Doch es war gut für mich, dass auch ich von Anfang an vorn dabei war. Mein erster Wurf flog über 85 Meter, aber da er technisch nicht sonderlich gelungen war, hatte ich einfach ein gutes Gefühl und glaubte daran, gewinnen zu können."

Mit seinen drei Olympiasiegen und der Silbermedaille von 1988 in Seoul ist Jan Zelezný nach Emil Zátopek, der viermal Gold gewann, der erfolgreichste tschechische Leichtathlet aller Zeiten. Doch diese Erfolgsbilanz ist ihm alles andere als zu Kopf gestiegen: "Also das ist schon ein Supererfolg. Aber ich sehe darin nichts Einmaliges oder historisch Besonderes, denn es gibt eine Mege Sportler, die über einen längeren Zeitraum gut waren. Mir ist das halt auch gelungen, ich bin darüber glücklich, freue mich für mich selbst und mehr brauche ich nicht."

Teilen wir also die Freude mit Jan Zelezný gemeinsam. Für alle sportinteressierten Hörer haben wir jedoch n o c h eine erfreuliche Meldung zum Schluss. Der bereits erwähnte legendäre Leichtathlet Emil Zápotek ist am Mittwoch nach dreiwöchiger Behandlung einer schweren Lungenentzündung wieder aus dem Krankenhaus in Prag entlassen worden. Der heute 78-jährige hatte in seiner beispiellosen Karriere nicht nur vier Olympiasiege errungen, sondern auch 18 Weltrekorde über die Langstreckendistanzen aufgestellt. Mit seiner gleichaltrigen Frau Dana, die 1952 in Helsinki Speerwurf-Gold gewann, konnte und kann er das letzte Viertel der Olympiade von Sydney nun schon vor dem heimischen Fernsehgerät verfolgen. Wünschen auch wir ihm auf diesem Wege weiterhin gute Besserung!

Autoren: Lothar Martin , Bettina Schlener
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