Ostern lässt Tschechien eiern

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In Prag eiert es einem zurzeit überall entgegen: Am unteren Ende des Prager Wenzelsplatzes verschwinden die Fast-Food- zwischen den Ostermarkt-Buden. Auf dem ebenfalls voll gestellten Altstädter Ring hängen laut Veranstaltern 400 Eier im Osterbaum. Auch in Kaufhäusern und Läden, selbst in der Metrostation I. P. Pavlova biegen sich die Verkaufstische unter der Last von Schokoladenfiguren in Hasen-, Hühnchen- und Ostereiform. Der ovale Verkaufsschlager, ein Symbol für Lebenskraft und Fruchtbarkeit, bestimmt derzeit das Stadtbild – hier eine Würdigung.

Christlich gedeutet gilt das Ei als Zeichen für den Sieg des Lebens über den Tod durch Jesus Christus. Aber die Christen ließen sich damit nichts Neues einfallen: Die Ägypter verehrten den Feuervogel Phönix, der wie das Universum aus einem von Göttern geschaffenen Ur-Ei hervorging. Bei den Griechen der Antike legte die mythische Königin Leda dem Zeus ein Ei – drin waren Zwillinge. In Südkorea wird die Legende eines Babys erzählt, das wie ein Küken schlüpfte und alle Stämme geeint haben soll. Und die Kelten opferten das Ei bei rituellen Frühlingsfesten, wenn auch nicht unbedingt am Frühstückstisch. Die Erfolgsgeschichte des Eis reicht bis heute: Die Zweige der Ostersträuße in Wohnzimmern, Vorgärten und Kirchen biegen sich unter ovaler Last. Die ist meistens farbenprächtig.

In Tschechien wird der Brauch des Eierbemalens vor allem in Südmähren gepflegt. Vielfältig und zeitintensiv sind die Techniken zur Verzierung, gut der Absatz. Die Batik ist bei deutschen Kunden am beliebtesten, sagt eine, die es wissen muss: Milena Rudolfová. Sie verkauft in Prag selbst bemalte Ostereier. Wie stellt sie diese her?

Schritt eins ist bei allen Eiern die gründliche Reinigung vom Stallmist, dann erst kann es losgehen - beim Batiken mit dem aufwendigen Auftragen von Farbschichten:

„Mit heißem Wachs male ich auf das Ei Ornamente, und wenn ich mit diesem Grundmuster fertig bin, tauche ich das Ei in gelbe Farbe. Auf die Stellen, die gelb bleiben sollen, trage ich mit einem speziellen Holzstiftchen oder einer Stecknadel wieder Wachs auf, damit das auch exakt wird. So entstehen diese kleinen Tränchenformen hier. Dann tauche ich das Ei nochmals in rote Farbe. Wenn ich noch Schwarz dazu möchte, trage ich alles noch einmal genauso auf und bin dann mit dem Färben am Ende angelangt. Ich gebe das Ei in den Ofen oder über ein Flämmchen, das Wachs tropft ab und das mehrfarbige Ei wird sichtbar. Zum Schluss fädle ich es auf eine Schnur und so macht es dann Freude“, schildert die Frau aus Südmähren einen halbstündigen Arbeitsprozess mit Happy End.

An ihrem Stand auf dem Prager Ostermarkt verkauft Milena Rudolfová für 80 bis 200 Kronen nicht nur blaue und rote Batik-Eier, sondern auch schlichte weiße, aus deren Schale kleine Herzchen gestanzt sind. Man kann in das hohle Innere sehen und auf der anderen Seite wieder hinaus. Dieses Ei wirkt sehr, sehr zerbrechlich. Bei dem Ei daneben umhüllt ein eng sitzendes, mit Glasperlen verziertes Netz aus Draht die Schale.

„Dieses Netz entsteht so: Man beginnt mit einem einzelnen Kreis aus Draht und knüpft daran an. Bei jeder Schlaufe wird eine Perle aufgefädelt, das Netz ausgeweitet. Gegen Ende des Eis lässt man es wieder enger werden. Dies ähnelt sehr der Technik des Häkelns, Sie umhäkeln im Grunde das Ei“, schildert die Verkäuferin ihre einstündige Arbeit an dem kleinen Kettenhemd.

Dieser ovalen Kunst ist im nordböhmischen Libotenice / Liboteinitz eine eigene Dauerausstellung gewidmet. Libotenice liegt rund acht Kilometer entfernt von Terezin / Theresienstadt.

„1998 haben wir die ´Vereinigung der Ostereimaler und -malerinnen´ gegründet. In unserer Galerie sind 1200 Eier ausgestellt, insgesamt umfasst unsere Sammlung 3000 Stück“, erklärt Olga Hovorková.

Hovorková ist sowohl die Vorsitzende des Vereins, als auch Leiterin des kleinen Museums. Alle Ausstellungsstücke sind in überlieferten Techniken verziert:

„In Mähren gibt es die meisten Maler und Malerinnen. Dort hat sich die Tradition gut erhalten, weil die Eier gezielt für den Verkauf produziert wurden. Als die Maler umzogen, verbreitete sich ihre Fertigkeit auch in andere Gegenden.“

Die Vereinigung der Maler und Malerinnen hat ihren Hauptsitz also nicht im Ursprungsgebiet des bunten Ostereies - „weil in Mähren in jedem Haus gemalt wird, wir aber auch den Böhmen die Schönheit des verzierten Eies näher bringen möchten“, so Hovorková. Wer sich die Eiersammlung ansehen möchte, muss sich vorher telefonisch bei ihr anmelden.


Ungeplant vorbeischlendern kann man bei Antonín Hepnar. Der pensionierte Innenarchitekt bessert auf dem Prager Ostermarkt seine schmale Rente auf, indem er Holz-Eier verkauft. Das Besondere: Sie sind von Hand mit Stecheisen und Schmirgelpapier gefertigt, nicht gedrechselt. Welches Ei zu welchem Kunde gehört, ist für den 75-Jährigen sternenklar:

„Jede Holzart hat etwas Einzigartiges. Zum Beispiel gehört die Pappel zum Wassermann, der Ahorn zu den Fischen, die Akazie zum Widder, der Nussbaum zum Stier und so weiter. Meine Kunden, die Bezug haben zu Holz, schauen und fassen die Eier an. Sie lächeln dann anerkennend, auch wenn sie diese nicht unbedingt kaufen. Es ist offensichtlich, dass sie daran Freude haben, vielleicht entdecken sie gerade eine Eigenheit oder etwas Neues.“

Vom Edelholz aus dem Urwald bis zur heimischen Fichte, vom einfarbigen schlichten Ei bis zum mehrfarbigen Intarsienkunstwerk: Die Auswahl an seinem Stand ist groß. Und was macht man dann zu Hause mit so einem Holz-Ei?

„Inspiriert haben mich diese Bastelfritzen, die gerne mit den Händen arbeiten, immer etwas zu tun brauchen und selbst vor dem Fernseher nicht still sitzen können. Ihretwegen nenne ich meine Eier ´Haptische Eier´, also Tast-Eier, denn sie sind zum Spielen und Anfassen gedacht. Natürlich können sie auch irgendwo in der Wohnung als interessantes Objekt liegen, dazu eignen sich vor allem die großen hier“, erklärt der Prager und zeigt auf ein besonders großes Ei.

In natura würde hier sogar der Straußennachwuchs reinpassen. Oder doch lieber dieses kleinere, natürlich marmorierte Ei daneben? Die Entscheidung, welches nun mit soll nach Hause fällt schwer, aber wenigstens bleibt einem hier die ewige Verbrauchergewissensfrage erspart: bio oder Batteriehaltung? die Herkunft des Eies ist hier erfrischend obsolet.

Für den vollendeten Genuss des Frühstückseies bietet Antonín Hepnar Basisausrüstung erster Güte: Eierbecher aus Holz.

„Keramik, Glas, Porzellan, das sind alles Materialien, die dem Ei die Wärme entziehen. Von einem Becher aus Holz hingegen wird sie bewahrt und das Ei auf dem Tisch bleibt während des ganzen Frühstücks warm.“

Eine Empfehlung also speziell für alle Leser mit Glas-, Keramik- oder gar Metalleierbechern: Entweder Sie legen sich eine neue Garnitur aus Holz zu, damit das Frühstücksei auf ihrem Tisch nicht nur irgendeinen Platz, sondern einen ihm würdigen bekommt. Oder Sie essen schnell auf. Guten Appetit und frohe Ostern!


Die Galerie voller traditionell bemalter Eier in Libotenice / Liboteinitz wird nur nach Bedarf geöffnet. Mit der Leiterin Olga Hovorková können Interessierte per Telefon einen Besuch vereinbaren. Sie ist unter der tschechischen Nummer 416 848 088 zu erreichen.