Pavel Kuka: Kann Leistung einiger deutscher Spieler nicht verstehen

Foto: ČTK / AP Photo / Sergei Grits

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland startet an diesem Wochenende in ihre entscheidende Phase, die K.o.-Runde. Alle Favoriten sind trotz einiger Holperer noch dabei, mit Ausnahme eines Schwergewichts: Titelverteidiger Deutschland ist sang- und klanglos ausgeschieden! Auch in Tschechien war man darüber sehr überrascht, besonders unter den ehemaligen Bundesligaspielern. Mit einem von ihnen, dem deutschen Meister von 1998, Pavel Kuka, haben wir über die WM und das deutsche Desaster gesprochen.

Pavel Kuka  (Foto: Pavel Bouda,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Herr Kuka, die Gruppenphase der Fußball-WM in Russland ist zu Ende, das heißt drei Viertel der Spiele sind absolviert. Welchen Eindruck haben Sie bisher von dieser Weltmeisterschaft? Was hat Ihnen gefallen, und was eher nicht so sehr?

„Na ja, was heißt nicht gefallen: Die größte Überraschung ist für mich natürlich, dass die deutsche Mannschaft rausgeflogen und nicht weitergekommen ist. Denn sie war für mich der größte Favorit. Auf der anderen Seite muss man lobend hervorheben, dass fast jedes Spiel ausverkauft ist. Dazu herrscht eine phantastische Atmosphäre und Stimmung in den neuen und schönen Stadien. Ich muss ganz ehrlich sagen, das war für mich die bisher größte positive Überraschung.“

Ein Novum dieser Weltmeisterschaft ist auch die internationale Einführung des Videobeweises. Was ist Ihre Meinung dazu? Hat er etwas gebracht? Und vor allem: Hat die visuelle Bewertung von strittigen Spielsituationen für mehr Gerechtigkeit gesorgt?

Kuka: „Die größte Überraschung ist für mich natürlich, dass die deutsche Mannschaft rausgeflogen und nicht weitergekommen ist. Denn sie war für mich der größte Favorit.“

„Also das ist wirklich eine echte Neuerung. Doch alle müssen damit langsam klarkommen. Ich bin nicht unbedingt dafür, dass wir nach jedem Spielmoment, in dem man sich nicht ganz sicher ist, ob alles korrekt war, vom Videobeweis Gebrauch machen. Aber das ist nun mal die Realität. Es gibt aber immer einige entscheidende Momente, bei denen das Video ein gutes Hilfsmittel ist. Deshalb halte ich den Videobeweis insgesamt für positiv.“

Also Sie wären mehr dafür, dass nicht jede knifflige Sache mit dem Video nachgeprüft wird und es auch mal die eine oder andere Fehlentscheidung gibt. So nach dem Motto: Hauptsache die Emotionalität des Spiels bleibt erhalten…

Videobeweis  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Ganz genau. Denn oft wissen die Zuschauer überhaupt nicht, ob das Tor zählt oder nicht. Für mich am wichtigsten sind nur die entscheidenden Momente, bei denen die Tore fallen. Wenn man sich dabei nicht sicher ist, sollte man das Video zu Rate ziehen. Ansonsten hat man ständig größere Pausen. Und manchmal nutzen die Spieler das auch, um das Spiel so ein bisschen zu unterbrechen.“

Ok, Videobeweis hin, Videobeweis her – am Ende steht immer ein Ergebnis. Und das sagt allgemein: Fast alle Favoriten beziehungsweise großen Fußballnationen taten sich schwer bisher, aber sie sind ins Achtelfinale eingezogen – außer Titelverteidiger Deutschland. Ist das für Sie eine der größten Überraschungen oder sogar die Sensation des bisherigen Turniers?

Kuka: „Ich bin nicht unbedingt dafür, dass wir nach jedem Spielmoment, in dem man sich nicht ganz sicher ist, ob alles korrekt war, vom Videobeweis Gebrauch machen. Aber das ist nun mal die Realität. Ich halte den Videobeweis aber für positiv.“

„Bis jetzt schon. Na klar, es gibt auch andere Ergebnisse, bei denen wir schon ein bisschen überrascht sind, doch das ist normal für solche Turniere. Aber noch einmal: Das Ausscheiden der Deutschen ist eine Überraschung für alle, glaube ich, und in Deutschland wohl auch die größte Enttäuschung. Denn dort hat sicher niemand damit gerechnet.“

Sie bestimmt auch nicht, denn Sie haben schließlich sieben Jahre in der Bundesliga gespielt, sind sogar mit Lautern Meister geworden und haben dort die wohl beste Zeit Ihrer Karriere verbracht. War das auch für Sie selbst eine Enttäuschung, vor allem unter dem Blickwinkel betrachtet, dass Sie vielleicht einiger ehemaliger Mitspieler wegen für Deutschland mitgefiebert haben?

„Ja, in der Tat. Ich habe das erste Spiel der Deutschen gegen Mexiko für das Tschechische Fernsehen mitkommentiert, das war natürlich nicht einfach. Für mich war diese Begegnung bereits eine negative Überraschung. In der zweiten Partie gegen Schweden hat man wieder eine deutsche Mannschaft gesehen, die bis zur letzten Minute gekämpft hat. Und die dafür auch mit dem Siegtor in der 95. Minute belohnt wurde. Nach diesem Treffer herrschte eine Superstimmung und ich glaubte, jetzt haben die Deutschen ihre Blockade gelöst und legen danach erst richtig los. Das ist aber leider nicht passiert. Für mich fehlte so eine Führungspersönlichkeit wie es früher Lothar Matthäus oder Michael Ballack waren. Zudem vermisste ich einen echten Spielgestalter im deutschen Team. Und ich kann einige Dinge nicht verstehen, zum Beispiel die Nervosität im abschließenden Gruppenspiel gegen Südkorea. Das war etwas, was ich so nicht kenne von der deutschen Nationalmannschaft.“

Deutsche Mannschaft  (Foto: ČTK / AP Photo / Lee Jin-man)
Sie waren also schon etwas schockiert, dass eine sogenannte Turniermannschaft wie Deutschland… (Kuka fällt ins Wort und ergänzt):

„Mir fehlte die Mentalität, ganz einfach! Also die Einstellung, nach der die Deutschen aus der Kabine rauskommen, die Ärmel hochkrempeln, hart kämpfen und unverzagt weiterspielen. Natürlich, im Fußball ist es ganz normal, dass manchmal mehr Qualität auf dem Platz steht und manchmal weniger. Aber die Grundvoraussetzung, das Engagement, hat mir einfach gefehlt.“

Über diese Mentalität wurde auch in Deutschland viel gesprochen in den Medien. Sie wurde eigentlich nur gelobt in der zweiten Halbzeit des Schweden-Spiels, in der die deutschen Kicker endlich Druck gemacht und die Schweden immer mehr hinten reingedrängt haben. Und nach dem Siegtor durch Kroos hat man auch in Deutschland geglaubt, das ist die Initialzündung, jetzt läuft es wieder. Umso erschreckender war aber dann die Vorstellung gegen Südkorea. Da hat man von den Deutschen über 90 Minuten lang nur Angsthasen-Fußball gesehen, weil kein Spieler den ersten gravierenden Fehler machen wollte. Und so ist dieses Resultat zustande gekommen. Sie sagen, Sie kennen die Gründe für das deutsche Scheitern nicht genau, deshalb will ich mal nur einen Punkt in die Diskussion einstreuen. Und zwar den Umbruch im Kader nach einer so erfolgreichen WM, wie sie Deutschland vor vier Jahren mit dem Titelgewinn hatte. Doch wie geht man später damit um? Ich spreche von dem Thema, wie harmonieren die gestandenen Weltmeister mit den Spielern der nachrückenden Generation? Also Spielern, die in der Regel sehr erfolgshungrig sind und neues Leben in das Team bringen.

Kuka: „Mir fehlte die Mentalität, ganz einfach! Also die Einstellung, nach der die Deutschen aus der Kabine rauskommen, die Ärmel hochkrempeln, hart kämpfen und unverzagt weiterspielen.“

Ich glaube, Sie kennen diese Situation nur allzu gut. Sie wurden 1996 in England Vize-Europameister, doch nur ein Jahr später ist die tschechische Mannschaft in der WM-Qualifikation kläglich gescheitert. Sie belegte in ihrer Gruppe hinter Spanien und Jugoslawien nur den dritten Platz. Sie waren dabei. Beschreiben Sie das Ganze mal aus der Sicht eines Vize-Europameisters: Was geht da in einem vor? Fühlt man sich unantastbar und denkt, es geht alles auch nur mit 80 bis 90 Prozent Einstellung?

„Bei uns war das ein bisschen anders. Uns fehlte damals die Konzentration, denn jeder Spieler hat nach der Europameisterschaft ein neues Engagement bekommen. Mehrere Akteure wechselten zu großen Vereinen ins Ausland, doch für sie war es auch eine völlig neue Situation. Spieler wie Pavel Nedvěd, Karel Poborský, Vladimír Šmicer und Patrik Berger mussten in ihren neuen Clubs zunächst einmal um einen Stammplatz kämpfen. Miroslav Kadlec und ich wiederum haben mit Kaiserslautern in der zweiten Liga gespielt. Das war auch etwas Besonderes. Deshalb war dieses eine Jahr in der WM-Qualifikation auch bisschen komisch. Wir haben gar nicht so schlecht gespielt, aber mit den Ergebnissen haben wir auch etwas Pech gehabt. Und dann ist dieses Problem da, mit dem man nicht mehr viel ausrichten kann.“

Joachim Löw  (Foto: ČTK / AP Photo / Lee Jin-man)
Also an der Einstellung hat es nicht gelegen. Die Erfolgsspieler von 1996 hatten damals zu viele neue Dinge um die Ohren, die sie vom eigentlichen Fußball abgelenkt haben. Kann man das so sagen?

„Ganz genau.“

Zurück zur deutschen Mannschaft. Die Entscheidungen, die Trainer Joachim Löw getroffen hat, wird er im Nachhinein wohl alle selbst hinterfragen. Nach dem Südkorea-Spiel wirkte er ziemlich geknickt und konnte sich das Alles selbst nicht erklären – vor vier Jahren hochgejubelt und jetzt das schlechteste Ergebnis einer deutschen Mannschaft bei Weltmeisterschaften aller Zeiten. Das hat es so noch nicht gegeben, deshalb meine Frage: Wo sehen Sie den deutschen Fußball gegenwärtig? Ist die jetzige Mannschaft vielleicht gar nicht so stark, wie die verlustpunktfreie Qualifikation hat erahnen lassen? Sie haben ja das schmeichelhafte 2:1 der Deutschen in Prag gegen Tschechien auch gesehen. Hat Sie das überzeugt, oder spürten Sie schon damals, in diesem Team stimmt was nicht?

Foto: ČTK / AP Photo / Sergei Grits
„Deutschland hatte in Russland eine starke Mannschaft genau wie vorher. Nur kann ich einige Leistungen von manchen Spielern nicht verstehen. Die Frage ist, was für eine Stimmung in der Mannschaft war. Diese Frage kann ich von außen nicht beurteilen. Doch dieses Theater um Özil und Gündogan vor dem Turnier, und dies und das, ich weiß nicht, was für eine Rolle das alles gespielt hat. Ich kann es wirklich nicht verstehen: Wenn man die vollen Stadien sieht und auch die tolle Stimmung spürt, die bei den Übertragungen rüberkommt, eine bessere Motivation gibt es doch nicht. Deshalb kann ich nicht verstehen, welch schwache Leistung einige Spieler geliefert haben. Auch von der Taktik her habe ich keine deutsche Mannschaft gesehen, wie ich sie kenne. Schon in der ersten Partie herrschte im deutschen Spiel eine gewisse Panik. Obwohl ich sagen muss, die zweite Halbzeit gegen Mexiko war nicht so schlecht, genauso wie das Auftreten nach der Pause gegen Schweden. Doch gegen die Mexikaner hat Deutschland kein Tor gemacht. Ich sehe nicht alles so schlecht, wie es jetzt gemacht wird. Und für mich gilt das ungeschriebene 24-Stunden-Gesetz, wonach man das Geschehene einen ganzen Tag lang durch den Kopf gehen und sacken lassen muss. Denn alle Akteure müssen das Unfassbare erst einmal verarbeiten.“

Kuka: „Ich kann nicht verstehen, welch schwache Leistung einige Spieler geliefert haben. Auch von der Taktik her habe ich keine deutsche Mannschaft gesehen, wie ich sie kenne.“

Vielleicht noch eine andere Frage: Was bedeutet das Ganze für den tschechischen Fußball? Muss man jetzt, wenn selbst Deutschland als Sieger der eigenen Gruppe in der WM-Qualifikation beim Turnier lahmte, nicht erst recht die Ärmel hochkrempeln? So nach dem Motto: Man kommt nur voran, wenn die Einstellung zu 100 Prozent stimmt, man nie nachlässt und sich auch nichts schönredet. Wie sehen Sie die aktuelle Lage im tschechischen Fußball?

„Stimmt, wir haben im Moment auch keine Gründe zu feiern. Aber ich habe Hoffnung und sehe, dass eine neue Generation nachkommt. Wir haben schon ein paar gute junge Talente wie Patrik Schick, der für AS Rom spielt, und noch einige weitere, die in Italien unter Vertrag stehen. Diese Jungs brauchen noch ein wenig Zeit, um Erfahrung zu sammeln, aber sie kommen. Ich glaube, wir werden binnen zwei, drei Jahren wieder eine gute und starke Mannschaft haben.“

Pavel Nedvěd  (Foto: Ondřej Tomšů)
Aber die Jungs müssen auch lernen, sich durchzusetzen, so wie es zum Beispiel Pavel Nedvěd damals bei Lazio Rom und später bei Juventus Turin geschafft hat…

„Natürlich, aber das braucht eben etwas Zeit. Zuerst müssen wir den Mut haben, den Jungen eine Chance zu geben, müssen auf der anderen Seite aber ebenso die nötige Geduld haben. Der einzige Weg für uns in der Zukunft sind die jungen talentierten Spieler, und mit denen muss man sorgfältig arbeiten.“

Hoffen wir das Beste. Zum Abschluss noch ein, zwei Fragen zur WM, die ja noch nicht vorbei ist. Welche Mannschaften haben Sie bisher überzeugt? Wen sehen Sie jetzt als ihren Favoriten an? Oder welcher Mannschaft würden Sie es wünschen, dass sie möglichst weit kommt?

Engländer  (Foto: ČTK / AP Photo / Matthias Schrader)
„Ich habe es schon vor dem Turnierbeginn gesagt, dass für mich der heiße und Geheimfavorit die Engländer sind. Ich glaube, dass sie in den zurückliegenden Jahren viel Pech gehabt haben und dass sich das Blatt einfach mal wenden muss. Mit etwas Glück werden sie ganz weit kommen.“

Da hauen Sie aber so richtig in eine Kerbe, die sich jetzt aufgetan hat. Die Engländer haben nun natürlich so eine gewisse Schadenfreude gegenüber den Deutschen, denn eines ist – sicher auch sehr bewusst – schon festgestellt worden: England ist nämlich das erste Mal seit der Heim-WM 1966 besser als Deutschland! Damals hat man gegeneinander in London das Finale ausgespielt, das England auch mit Hilfe des sogenannten Wembley-Tores mit 4:2 in der Verlängerung gewann. Das ist doch schon kurios, und vielleicht packen die Engländer diese Gelegenheit tatsächlich beim Schopfe und machen das Beste daraus.

„Na sicher, irgendwann muss das kommen. Vor dem Turnier habe ich auf die Engländer gesetzt, und ich glaube, dass ich gewinne!“

Autor: Lothar Martin
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