„Phrasendrescherei“ – Akademie der Wissenschaften wehrt sich gegen Premier

Jiří Rusnok (Foto: ČTK)

Interimspremier Jiří Rusnok hat die tschechischen Wissenschaftler gegen sich aufgebracht. In einem Zeitungsinterview am Mittwoch warf er vor allem der Akademie der Wissenschaften vor, Geld zu verschwenden. Dies hat den Chef der Akademie auf den Plan gerufen, er unterstellte Rusnok völlige Unkenntnis der Materie. Auch weitere Politiker haben sich zu Wort gemeldet.

Jiří Rusnok (Foto: ČTK)
Ausgangspunkt war ein Interview für die Tageszeitung Hospodářské noviny. In diesem ging es zunächst um den Haushaltsplan. Die Frage war, warum die Interimsregierung von Premier Jiří Rusnok für Forschung und Wissenschaft weniger ausgeben wolle, als es die gescheiterte konservative Koalition geplant hatte. Für 2014 sind im Vergleich 1,3 Milliarden Kronen (52 Millionen Euro) weniger vorgesehen. Rusnok antwortete darauf, dass die finanziellen Mittel ausreichten, das Problem sei viel mehr die Geldverschwendung in den Forschungsstätten wie der Akademie der Wissenschaften. So würde die Akademie viel zu wenig eigene Einnahmen durch Patente generieren. Der Vorsitzende der Akademie, Jiří Drahoš, zeigte sich geschockt:

„Ich verstehe Premier Rusnok in einigen Punkten nicht. Zum einen hat weder die Grundlagenforschung noch die zielorientierte Forschung zur Aufgabe, Dutzende oder Hunderte Patente zu produzieren. Zum anderen: Falls in der tschechischen Forschung Geld verschwendet wird, dann ganz woanders, als Rusnok glaubt. So werden Privatfirmen bei ihrer Forschungsarbeit mit beträchtlichen Summen aus dem Staatshaushalt unterstützt, in diesem Umfang gibt es das nirgendwo anders in Europa.“

Jiří Drahoš (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Premier Rusnok zieht hingegen aus seiner Kritik die Schlussfolgerung, dass die Akademie der Wissenschaften radikal reformiert werden müsste. Anstatt derzeit über 50 Institute sollte die wichtigste tschechische wissenschaftliche Institution nur noch 30 haben. Zudem sollten strengere Maßstäbe für die Beurteilung von Forschungsarbeit eingeführt werden, glaubt der Regierungsvorsitzende. Darauf antwortete Drahoš:

„Die Forderung nach einer ‚radikalen Reform’ halte ich einfach für eine Fehlbeurteilung. Premier Rusnok hat anscheinend wenig Ahnung von der Akademie der Wissenschaften. Im August habe ich ihm versucht zu erläutern, wie wir funktionieren und uns finanzieren. Die Zahl der Institute auf 30 zu reduzieren, ist nicht das Ergebnis einer vernünftigen Analyse. Das ist Phrasendrescherei. Ich kann die Forderung nach einer Reform nicht ernst nehmen.“

Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Jiří Drahoš erhält in seiner scharfen Replik auf den Premier mittlerweile Unterstützung. Diese kommt sowohl von den Leitern weiterer wissenschaftlicher Institutionen, als auch aus der Politik. Alena Gajdůšková ist Spezialistin für Wissenschaft und Forschung bei den Sozialdemokraten. Sie betont, schon jetzt stecke der Staat zuviel Geld in Forschungsprojekte der Industrie anstatt in die Grundlagenforschung. Noch viel schlimmer sei aber, dass sich die tschechischen Unternehmen praktisch überhaupt nicht an der Finanzierung von Forschungsprojekten beteiligen würden.

Der heftige Streit ist im Übrigen zu einem Zeitpunkt entbrannt, zu dem an den bedeutenden tschechischen Chemiker Otto Wichterle erinnert wird. Er gilt als Erfinder der modernen Kontaktlinsen, sein Geburtstag jährt sich am 27. Oktober zum 100. Mal.