In Pilsen geehrt: Ladislav-Sutnar-Preis für deutschen Grafiker Christoph Niemann
Am vergangenen Mittwoch wurden im Rathaus in Plzeň / Pilsen die Ladislav-Sutnar-Preise verliehen. Einer der Preisträger war der deutsche Grafiker, Illustrator und Designer Christoph Niemann. Martina Schneibergová war bei dem Festakt in Pilsen dabei.
Mit Musik und mit Beifall wurden die diesjährigen Träger des Ladislav-Sutnar-Preises am Mittwochabend im historischen Zeremoniensaal des Rathauses von Pilsen begrüßt. Im Publikum waren Vertreter der Westböhmischen Universität, Studierende sowie Kommunalpolitiker. Der Dekan der Ladislav-Sutnar-Fakultät für Design und Kunst, Vojtěch Aubrecht, überreichte an drei Nominierte die Preise, die nach dem international anerkannten tschechischen Designer benannt worden sind. Mit dem Ladislav-Sutnar-Preis wurde in diesem Jahr auch der renommierte deutsche Illustrator, Designer und Grafiker Christoph Niemann ausgezeichnet. Nach der Preisverleihung entstand das folgende Gespräch mit dem bildenden Künstler.
Herr Niemann, was bedeutet für Sie die Verleihung des Ladislav Sutner-Preises?
„Es ist natürlich ein sehr schönes Kompliment für mich und meine Arbeit, aber ich sehe das schon auch in dem Kontext der Arbeit von Ladislav Sutnar, eines bestimmten Geistes, der hinter der Arbeit steht. Mir geht es sehr darum, Menschen anzusprechen, ein Design zu kreieren, das wirklich den Leserinnen und Lesern oder Betrachtern auf Augenhöhe begegnet. Einerseits ist es natürlich ein schöner Preis für mich, aber gleichzeitig ist es auch ein Statement, dieser Art von Design eine Bedeutung zu geben. Und das finde ich noch wichtiger.“
Hatten Sie zuvor Kontakte zur Fakultät, die Sutnars Namen trägt?
„Davor nicht, erst durch diese Preisverleihung. Aber ich habe auch sehr lange in den USA gelebt und nicht in Deutschland unterrichtet.“
Während der kommunistischen Zeit durfte Sutnar als Exilant gar nicht erwähnt werden und sollte in Vergessenheit geraten. Erst in den letzten Jahren sind er und seine Arbeit hierzulande wieder bekanntgeworden. Könnte auch der Preis dazu beitragen, auf ihn international aufmerksam zu machen?
„Ja, das ist natürlich die Hoffnung. Ich meine, darum geht es ja im Design, dass man durch Dinge wie solch einen Preis auch Kommunikation schafft. Das Werk von Sutnar ist sehr zeitlos und wirkt sehr aktuell, obwohl es jetzt auch schon ein paar Jahre alt ist.“
Herr Niemann, wie entstehen Ihre Zeichnungen? Beobachten Sie bestimmte Ereignisse und Gegenstände und verwandeln Sie dann…
„Bei meiner Arbeit – und ich glaube, das deckt sich auch mit der Arbeit von vielen anderen Designern – gibt es zwei Elemente. Das eine ist das, was bei den Betrachtern passiert. Das soll ein Aha-Moment sein, das soll Überraschung sein, das soll Stimulation sein. Und dann gibt es den anderen Bereich, das ist die Arbeit. Und die Arbeit ist das absolute Gegenteil von Spontanität. Das sind sehr viele winzige, kleine Entscheidungen. Ich schiebe kleine Formen millimeterweise übers Papier, mache hundert verschiedene Versionen, zweifle, fange wieder von vorne an. Und wenn ich irgendwann eine Idee habe, dann brauche ich noch einmal zwei oder drei Tage, damit es so aussieht, als ob es in fünf Minuten passiert wäre. Die Spontaneität ist also Teil des Designs, und es geht darum, bei den Betrachtern das Gefühl von Spontaneität auszulösen. Aber die Spontaneität hat relativ wenig mit dem Designprozess zu tun, der eher schneckenhaft und zäh ist.“
Kann einem künftigen Designer das Studium oder die Begabung helfen? Spielen die Fantasie und die Fähigkeit, gut zu beobachten, eine große Rolle?
„Beobachten ist natürlich wichtig, beim Beobachten geht es darum, auch das zu sehen, was andere Leute sehen. Wenn ich jetzt eine Sache als interessant empfinde, die der Betrachter nicht interessant findet, dann schaffe ich ja dadurch keine Verbindung. Ich muss wissen, was wir beide interessant finden. Das ist der Ausgangspunkt für eine Idee. Ich glaube, Begabung ist relativ irrelevant. Störrisch zu sein, ist viel wichtiger, noch länger dranzubleiben und auch sich vielleicht eine kindliche Naivität zu bewahren, nochmal von vorne anzufangen. Wenn ich einhundert Sachen mache, zeige ich davon zwei oder vielleicht zwanzig – das heißt, man muss wahnsinnig viel verwerfen. Dabei seinen kindlichen Optimismus zu bewahren, ist, glaube ich, die einzige Sache, die einem keine Kunsthochschule beibringen kann. Alles andere ist Handwerk, das ist machbar.“
Sie haben viele Kinderbücher illustriert. Finden Sie Kinderbuchillustrationen schwieriger als andere Arbeiten?
„Nein, ich finde Kinderbücher nicht per se schwieriger. Bei jedem Publikum muss man sich ein bisschen überlegen, was die visuelle und metaphorische Ebene ist, mit der ich arbeiten kann. Und da ist für mich Kinderbuchillustration einfach eine andere Form. Ich denke gar nicht, dass ein Kinderbuch eine weniger intelligente Form eines Erwachsenenbuchs wäre. Ich glaube, es ist natürlich eine Sprache, in der bestimmte Vokabeln anders zu nutzen sind. Aber ansonsten finde ich, kann es genauso lustig, spannend, dramatisch oder frustrierend sein wie jedes andere Buch auch.“
Woran arbeiten Sie derzeit?
„Ich arbeite sehr gern an sehr vielen verschiedenen Dingen gleichzeitig. Gestern habe ich an Landschaftszeichnungen gearbeitet. Ich habe gecodet an einer interaktiven Videoinstallation, die Gesichtszüge erkennt. Ich bereite gerade eine große Ausstellung in Oldenburg vor, die nächste Woche aufmacht, und habe auch an einer Zeitschriftenillustration gearbeitet.“
Mit dem Ladislav-Sutnar-Preis wurden außer Christoph Niemann auch die Elisava School of Design and Engineering aus Barcelona und der niederländische Verlag Valiz ausgezeichnet. Der Dekan der Ladislav-Sutnar-Fakultät für Design und Kunst, Vojtěch Aubrecht, erläuterte gegenüber Radio Prag International, wie die Preisträger ausgesucht werden.
„Die Kandidaten werden entweder von den vorherigen Preisträgern oder vom künstlerischen Rat der Fakultät vorgeschlagen. Außerdem kann die Fachöffentlichkeit ihre Vorschläge einreichen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf welchem Weg die Kandidaten für den Preis nominiert werden.“
Preise, die den Namen des namhaften tschechischen Designers Ladislav Sutnar (1897-1976) tragen, wurden in diesem Jahr zum 14. Mal verliehen. Wie entstand der Preis? Vojtěch Aubrecht:
„Dies geschah auf Anlass von Radoslav Sutnar (1929-2023, Anm. d. Red.), dem Sohn des Designers. Er verlieh unserer Fakultät den Namen seines Vaters. Radoslav Sutnar hielt es für wichtig, auf würdige Weise an das Werk seines Vaters zu erinnern und Verbindungen mit Institutionen zu pflegen, die er selbst kannte und die ihm nahestanden. Die Idee mit dem Ladislav-Sutnar-Preis schien passend zu sein. Unsere Fakultät kann damit Künstler und Institutionen würdigen, die in ihrem Fach zur Spitze gehören.“
Ladislav Sutnar stammte aus Pilsen. Er war in unterschiedlichen Bereichen der bildenden Kunst erfolgreich und erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen. In der Zwischenkriegszeit wurde er unter anderem 1929 in Barcelona mit der Goldmedaille für das Ausstellungswesen geehrt. Bei der Internationalen Ausstellung der Kunst und Technik im modernen Leben, die 1937 in Paris stattfand, gewann Sutnar den Grand Prix und 14 Goldmedaillen für das Ausstellungswesen, für Bücher und Nutzgegenstände. Seit 1939 lebte der Designer in den USA. 2001 wurde er von Präsident Václav Havel in Memoriam mit der Staatsauszeichnung für Verdienste im Kulturbereich ausgezeichnet.
Nicht nur in seiner Heimatstadt Pilsen, sondern auch in ganz Tschechien war der namhafte Designer Jahrzehnte lang kaum bekannt. Dekan Aubrecht:
„Er wurde hierzulande nicht auf natürliche Weise vergessen. Es war ein während der kommunistischen Zeit geleiteter Prozess, um den international berühmten Designer, der im Exil lebte, aus dem Bewusstsein der Bevölkerung zu drängen. In den letzten Jahren ist Sutnar in der Öffentlichkeit in Pilsen wieder bekannter geworden. Dies verdanken wir der unermüdlichen Arbeit meines Vorgängers im Amt des Dekans, Josef Mištera, und auch der Arbeit von weiteren Personen, darunter von Ex-Oberbürgermeister Martin Baxa. Sutnar ist nicht nur in unserer Region, sondern in ganz Tschechien wieder ein Begriff geworden. Ich denke, dass dem renommierten Designer hierzulande endlich jene Aufmerksamkeit geschenkt wird, die er bereits während seines Lebens verdient hätte.“
Verbunden
-
„Identita“: Großangelegtes Projekt stellt tschechisches Grafikdesign in den Fokus
Das großangelegte Projekt „Identita“ rückt das tschechische Grafikdesign in den Fokus. Entstehen sollen Ausstellungen, Publikationen oder auch ein Film.







