Play-off elektrisiert Tschechiens Eishockeyfans – Slavia Prag im Halbfinale

(Foto: ČTK)

Jede Sportart hat ihre Saisonphasen, in der die jeweiligen Sportler um die höchsten Ziele, um Pokale und Medaillen kämpfen. Im hierzulande sehr populären Eishockeysport fällt diese Phase auf die Zeit zwischen Karneval und Ostern. Im Christentum wird diese Periode als Fastenzeit bezeichnet, in der tschechischen Eishockey-Extraliga aber wird gerade jetzt das allerfeinste Menü gereicht: die Play-off-Runde.

Sparta Prag - Oceláři Třinec (Foto: ČTK)
„Das Play-off ist ein ganz spezieller Wettbewerb, in dem kann alles passieren.“

Mit diesen Worten will Sparta Prags Stürmer Petr Tenkrát ausdrücken, dass die Endphase einer jeden Saison, in der der neue Landesmeister ermittelt wird, stets von Rasse, Klasse und allerlei Ungewöhnlichem geprägt ist. Das war auch in den diesjährigen Viertelfinalduellen mehrfach der Fall. Zum Beispiel in der Paarung Oceláři Třinec gegen Sparta Prag, den beiden offensivstärksten Teams der Liga. In der dritten Begegnung, die in Prag stattfand, schossen die Gastgeber ein Eigentor, wie man es nur sehr selten sieht. In der 50. Minute zeigt der Schiedsrichter beim Stand von 2:2 eine Zwei-Minuten-Strafe gegen Třinec an. Die Konsequenz: Sparta Prag nimmt den Torhüter vom Eis, um ihn durch einen sechsten Feldspieler zu ersetzen, denn bei einem Puckbesitz des Gegners wird automatisch abgepfiffen. Doch was passiert? Sparta-Verteidiger Vladimír Sičák bekommt den Pass eines Mitspielers nicht unter Kontrolle, sondern die Scheibe an den Schlittschuh, von dem sie dann ins leere Tor trudelt. Auch wegen dieses Tores verlor Sparta das Spiel, in dem man 2:0 führte, noch mit 3:4.

Dies passiere nun Mal im Eishockey, es sei einfach Pech gewesen, versuchte Petr Tenkrát seinen Teamgefährten zu trösten. Im nächsten Match war das Glück wieder auf Prager Seite – Sparta gewann 5:4 nach Penalty-Schießen.

Sparta Prag - Oceláři Třinec (Foto: ČTK)
Das sportliche Pech ist also relativ schnell zu verschmerzen, solange es nicht um die Gesundheit geht. Im Auftaktspiel der beiden Teams aber wurde Třinecs Torhüter Šimon Hrubec von einem solchen Schicksalsschlag eingeholt. Nach einem Zusammenprall im Torraum verlor er seinen Helm, und als er sich gerade aufrichten wollte, traf ihn die Scheibe mitten ins Gesicht. Die bittere Diagnose: Bruch des Nasenbeins und der Augenhöhle, in der sich Hrubec zudem einen Bluterguss zugezogen hatte. Der Puck, der Hrubec getroffen hat, war dabei noch leicht entschärft, weil abgefälscht gewesen. Angesichts dieser Verletzungen ist kaum zu glauben, dass Goalkeeper noch in den 60er und 70er Jahren ohne Helm und manche sogar ohne Maske gehalten haben. Zum Beispiel der legendäre Torwart Josef Mikoláš, der einst für Vítkovice spielte. Mikoláš sei ein harter Hund gewesen und habe lauter Narben im Gesicht gehabt, sagt Jan Peterek. Der 41-jährige Angreifer aus Třinec weiß aber auch, weshalb der Helm bereits so wichtig ist:

„Heute wird mit ganz anderem Material gespielt. Die Schläger werden anders hergestellt, die Schüsse mit ihnen sind weit härter als früher. Das geben auch die ehemaligen Spieler der älteren Generation zu. Man muss schon viel Mut aufbringen, um sich in den Kasten zu stellen, auch wenn die Torwartausrüstung besser geworden ist. Ich aber könnte niemals ein Goalie werden. Was die Torleute einstecken, ist wirklich unglaublich.“

Noch unglaublicher aber ist, dass Torwart Šimon Hrubec schon zehn Tage nach seiner Verletzung wieder im Tor stand – im sechsten Match der Serie. Das hat Třinec zwar 1:3 verloren, doch nach dem gegenwärtigen Stand von 3:3 Siegen kommt es nun am Mittwoch in Třinec zur Entscheidungsschlacht. Die Mannschaft, die das ultimative siebte Spiel gewinnt, gelangt ins Halbfinale.

Litvínov - Plzeň (Foto: ČTK)
Genauso packend und spannend verläuft die Viertelfinalserie zwischen den Mannschaften aus Plzeň / Pilsen und Litvínov. Auch hier steht es nach sechs Partien 3:3. Ein Grund dafür ist der, dass die Mannschaft aus Litvínov in der vierten Begegnung der Serie ihren Nimbus einbüßte – sie verlor in dieser Saison das erste Mal im Shootout. Litvínovs Stürmer Viktor Hübl musste danach konstatieren:

„Es ist Pech, dass uns die Niederlage im Penalty-Schießen gerade in so einem wichtigem Spiel ereilt. Aber es steht 2:2, also fahren wir jetzt nach Pilsen, um uns dort den Vorteil zurückzuholen.“

Es ist der Vorteil eines gewonnenen Auswärtsspieles, denn den braucht Litvínov, um in der Serie zu triumphieren. Das fünfte Spiel in Pilsen haben die Schwarz-Gelben dann auch tatsächlich gewonnen, das sechste Match zu Hause aber postwendend verloren. In dieser Partie trumpfte endlich auch der Superstar der Pilsener, der Kapitän der Mannschaft und Eigner des Clubs Martin Straka auf. 17 Spiele in Folge hatte er zuvor nicht das Tor getroffen, in dieser Begegnung aber traf er gleich doppelt. Die Freude darüber war bei ihm danach auch zu spüren:

Litvínov - Plzeň (Foto: ČTK)
„Das war eine Erleichterung für mich, denn mein letztes Tor war schon solange her. Man beginnt zu zweifeln und denkt, man trifft das Tor überhaupt nicht mehr. Hauptsache aber ist, dass wir gewonnen haben. Das ist das Wichtigste.“

Für Pilsen war dieser Sieg sogar überlebenswichtig, denn bei einer Niederlage wäre die Saison für die Westböhmen schon zu Ende gewesen. Nun aber kommt es auch in dieser Serie am Mittwoch zum entscheidenden siebten Spiel. Olympiasieger und Ex-NHL-Spieler Straka weiß, worauf es dabei ankommt:

„Im siebten Spiel ist alles möglich. Ich habe schon einige dieser Spiele miterlebt. Meine Erfahrung ist die, dass jene Mannschaft in die nächste Runde einzieht, die mehr Einsatz und Herz in die Waagschale wirft.“

Slavia Prag - Rytíři Kladno (Foto: ČTK)
Eine einzige Serie verlief nicht so eng und spannend. Es war das Duell zwischen Slavia Prag und Rytíři Kladno, dem Verein des populären NHL-Spielers Jaromír Jágr. Die Mannschaft aus der nahe Prag gelegenen Industriestadt Kladno hatte vor dem Playoff-Viertelfinale noch Sonderschichten einlegen müssen – in den Pre-Playoffs schlugen sie Titelverteidiger Pardubice mit 3:2 Siegen. In diesen Begegnungen hatten die „Ritter“ bereits viel Kraft gelassen, andererseits sind sie besonders im Angriff zu schwach besetzt. Das zeigte sich ganz deutlich in den Vergleichen mit Slavia, in denen Kladno nur ganze drei Tore erzielte. Deshalb kam für die Blau-Weißen auch sehr schnell das Aus: Von den fünf Begegnungen mit Slavia konnten sie nur eine mit 1:0 gewinnen. Nach dem 0:4 am Montag in der Prager O2-Arena können die Mittelböhmen nun bereits die Koffer für den Urlaub packen. Kapitän Pavel Patera ist darüber sehr enttäuscht:

„Das war nicht das Gelbe vom Ei. Die Slavia-Spieler haben mehr für den Erfolg getan, so wie wir gegen Pardubice. Das ist eine große Enttäuschung, das hatten wir uns anders vorgestellt. Wir wollten Slavia mehr ärgern, aber es ist uns nicht gelungen.“

Slavia Prag - Rytíři Kladno (Foto: ČTK)
Slavia Prag hingegen ließ auch im dritten Heimspiel gegen Kladno nichts anbrennen. Dem ungefährdeten 4:0-Sieg lag auch das sehr gute Überzahlspiel zugrunde. Drei Zwei-Minuten-Strafen des Gegners bestrafte Slavia gnadenlos mit jeweils einem Tor. Die hundertprozentige Effizienz beim Überzahlspiel hat dann auch Torjäger Vladimír Růžička jun. überrascht:

„Das ist eigenartig. Uns kommt es allen so vor, dass wir in der Überzahl ein unglückliches Bild abgeben, doch jetzt gelingen uns dabei viele Tore. Das freut uns, doch für dieses Glück muss man auch stets etwas tun.“

Vítkovice Steel - PSG Zlín (Foto: ČTK)
Mehr von ihrem Können dürfen die Slavia-Spieler nun im Halbfinale zeigen, das ab Sonntag beginnt. Wer aber der nächste Gegner der Prager sein wird, stand zum Redaktionsschluss noch nicht fest. Denn auch im vierten Viertelfinalduell zwischen PSG Zlín und Vítkovice Steel war bis zum Dienstag noch keine Entscheidung gefallen. Nach fünf Begegnungen lag Hauptrundengewinner Zlín in dieser Best-of-seven-Serie mit 3:2 Siegen vorn.

Autor: Lothar Martin
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