„Prager Frühling“ in 200 Kartons: Das Nationalarchiv Prag übernimmt das Archiv des Musikfestivals
Autogramme von Leonard Bernstein und Rafael Kubelík, Dokumente aus dem Gründungsjahr 1946 und 80 Jahre Musikgeschichte: Das Internationale Musikfestival Prager Frühling hat seine historischen Schätze dem tschechischen Nationalarchiv übergeben. Der Inhalt von mehr als zwei Dritteln der rund 200 Kartons kann ab sofort von Forschern und Musikbegeisterten im Lesesaal eingesehen werden. Radio Prag International hat mit Jan Kahuda gesprochen, dem Leiter der Abteilung für Bestände nichtstaatlicher Provenienz und Sammlungen im Nationalarchiv.
Herr Kahuda, im Nationalarchiv in Prag wurde vor kurzem feierlich ein Vertrag unterzeichnet. Und zwar hat das Internationale Musikfestival Prager Frühling sein Archiv dem Nationalarchiv übergeben. Was enthält dieser Archivbestand, und was bedeutet diese Übergabe?
„Es wurde eine Schenkungsurkunde unterzeichnet. Das Management des Festivals hat sich entschieden, das gesamte Archiv der Tschechischen Republik – vertreten durch das Nationalarchiv in Prag – zu übergeben. Es dokumentiert das Festival praktisch von den Anfängen im Jahr 1946 bis heute. Dazu gehören alle Festivalprogramme seit der Gründung, verschiedene Begleitpublikationen in mehreren Sprachen, Plakate, Fotografien sowie Jahresberichte, Abschlussberichte und Verwaltungsunterlagen des Festivals. Hinzu kommt eine wertvolle Sammlung von Dokumenten zur Zusammenarbeit und Kommunikation mit einzelnen Künstlern, Ensembles und Agenturen, die allerdings erst die letzten 20 Jahre umfasst.“
Schätze aus dem Gründungsjahr 1946
Der erste Jahrgang der Festspiele fand im Jahr 1946 statt. Gibt es auch Dokumente aus diesem ersten Jahr?
„Selbstverständlich. Damals fand das Festival anlässlich des 50. Jubiläums der Tschechischen Philharmonie statt. Eröffnet wurde es vom damaligen Präsidenten Edvard Beneš und seiner Frau Hana. Rafael Kubelík dirigierte das Eröffnungskonzert, die Tschechische Philharmonie spielte ‚Má vlast‘ (Mein Vaterland) von Bedřich Smetana. Aus diesem ersten Jahrgang sind relativ viele Dokumente erhalten – nicht nur gedruckte Programme und Publikationen, sondern auch von Kubelík und weiteren Künstlern signierte Fotografien. An diesem ersten Festival nahmen viele Künstler teil, wie zum Beispiel Leonard Bernstein.“
Welchen Umfang hat der Archivbestand?
„Es sind ungefähr 200 Kartons. In der Archivsprache ausgedrückt entspricht das etwa 25 Metern Dokumentation.“
Und wie wurden diese Materialien bisher aufbewahrt?
„Bisher wurden sie direkt von der Festivalleitung des ‚Prager Frühlings‘ verwaltet. Bis ins Jahr 2000 war das Festival, kann man sagen, eine staatliche Organisation. Im Kulturministerium gab es eine Vorbereitungskommission, die auch die Dokumentation des Festivals aufbaute. Seit 25 Jahren wird das Festival nun als gemeinnützige Gesellschaft geführt. Die Unterlagen wurden direkt im Sitz der Festspiele verwaltet und teilweise in einem Depot des Musikmuseums aufbewahrt.“
Zwei Drittel der Archivalien ab sofort im Lesesaal
Nun haben der Direktor des Prager Frühlings und der Direktor des Nationalarchivs einen Schenkungsvertrag unterzeichnet. Befinden sich damit auch die eigentlichen Archivalien bereits im Depot des Archivs?
„Ja, es wurde bereits alles übergeben. Die Unterzeichnung erfolgte praktisch nach der tatsächlichen Übernahme der Dokumente. Diese wurden auch schon teilweise sortiert sowie beschrieben und lagern nun im Depot des Nationalarchivs. Die meisten davon kann man bereits zur Einsicht in den Lesesaal bestellen. Das betrifft vor allem die Programme und die Zeitungsdokumentation. Die übrigen Materialien sind gesetzlich noch gesperrt. Das betrifft insbesondere Dokumente aus den letzten 20 Jahren, bei denen die 30-jährige Schutzfrist eingehalten werden muss, oder Unterlagen mit personenbezogenen Daten, bei denen der Datenschutz greift. Aber die meisten – ich schätze mehr als zwei Drittel dieser rund 200 Kartons – können im Lesesaal bereits frei studiert werden.“
Sie haben die Zeitungsdokumentation erwähnt. Es wurden Zeitungsausschnitte gesammelt – und zwar nicht nur aus tschechischen, sondern auch aus ausländischen Zeitungen. Haben die Festspiele auch im Ausland ein Echo gefunden?
„Ja, sicher. Die Ausschnitte stammen vor allem aus deutschen Zeitungen und Zeitschriften, aber es gibt auch einige aus englischen und amerikanischen Printmedien. Von Anfang an nahmen viele Orchester und Künstler aus den deutschsprachigen Ländern am Festival teil, und in der Auslandspresse wurde regelmäßig über ihre Auftritte berichtet. Zudem hatten mehrere Presseagenturen eigene Korrespondenten in Prag, die sehr ausführlich über die einzelnen Konzerte berichteten.“
Kulturaustausch trotz Eisernem Vorhang
Gibt es in der Sammlung ein bestimmtes Dokument, das für Sie einen besonders hohen Stellenwert hat?
„Nun, für mich persönlich... Ich denke, einen großen Wert hat die Sammlung von Programmen, die von den jeweiligen Künstlern signiert wurden. Es gibt dort Programme mit Unterschriften von Leonard Bernstein, Rafael Kubelík, Rudolf Firkušný, Zubin Mehta oder – aus Deutschland – Kurt Masur.“
Was sagt diese Archivsammlung über die Kultur in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit aus?
„Zunächst muss man betonen, dass diese Sammlung des ‚Prager Frühlings‘ eine wichtige Ergänzung zu den Beständen darstellt, die bereits im Nationalarchiv aufbewahrt werden. Dazu gehören die Akten des Kulturministerium (zuvor des Ministeriums für Volksaufklärung) sowie die Archive der Tschechischen Philharmonie, des Nationaltheaters und weiterer Kulturinstitutionen. Für Historiker, die sich mit der allgemeinen Kulturgeschichte befassen, ist dies eine bedeutende Quelle. Trotz der Lage in der Tschechoslowakei und trotz des Eisernen Vorhangs wurden auch in den 1950er bis 1980er Jahren internationale Kontakte im Bereich der klassischen Musik gepflegt. Viele Künstler aus dem Westen gastierten in Prag und gaben Konzerte, die das tschechische Publikum miterleben konnte.“
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