Prager Nationaltheater: Berger-Gorski transponiert Norma nach 1940
Nach 72 Jahren kehrt sie auf die Bühne des Prager Nationaltheaters zurück: Vincenzo Bellinis Oper "Norma", von der viele nur die einzige Arie "Casta diva" kennen. Ein internationales Team hat die wenig gespielte Belcanto-Oper einstudiert.
Bellinis Norma kann man auf verschiedene Weise inszenieren, für welche Art haben Sie sich diesmal entschieden?
"Sie sagen richtig ´diesmal´, denn es ist meine zweite Inszenierung von ´Norma´. Meine erste Inszenierung war im Amazonas Theater in Manaus in Brasilien. Damals habe ich es inszeniert bezogen auf den Amazonas als eine Art historisches Drama im Wald. Jetzt in Prag als einer Hauptstadt von Europa habe ich mich mit Daniel Dvorak und Osmany Laffita für ein zeitloses Konzept entschieden, d. h. zeitlos insofern, dass wir die Geschichte nach 1940 transponiert haben. Das ist die Zeit des Krieges, aber eines allgemeinen Krieges. Es ist nicht Gallien, okkupiert von Römern, sondern es ist ein Seelenraum. Es ist ein abstrakter Raum, der okkupiert wird, ein geschlossenes Seelengefängnis dieser Frau Norma, die weiß, dass sie zwei Kinder von einem Feind geboren hat. Und in diesem engen Raum von Daniel Dvorak, dem bekanntesten Bühnenbildner und Architekten der Tschechischen Republik, gibt es dann am Ende der Oper diese große utopische Öffnung für die Wiedervereinigung von Pollione und Norma. In diesem utopischen Finale verschwinden alle okkupierenden Elemente. In dieser Zeit ist eine Vereinigung mit dem Feind nicht möglich und die Liebe ist nicht fortsetzbar. Ich habe gesehen, dass hier im Nationaltheater Smetanas ´Libuse´ (Libussa) aufgeführt wird. Das ist die tschechische Norma. Die Geschichte ist ein wenig ähnlich, Libuse ist Seherin, sie kann in der Zukunft lesen. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema. Und wer ist eine Norma von heute?"
Es ist Ihre dritte Opernregie in Tschechien - nach Brünn und der Prager Staatsoper. Könnten Sie sich vorstellen, eine tschechische Oper hier einzustudieren?
"Ich würde es sehr gern machen, aber muss gleich dazu sagen, dass ich natürlich zur tschechischen Oper einen anderen Bezug habe. Ich liebe besonders Smetana. Ich habe schon Janacek inszeniert und bin immer noch ein Janacek-Fan. Was mich im Moment völlig berührt hat, war Smetanas Oper ´Der Kuss´, den habe ich vorher nicht gesehen. Ich finde diese Geschichte so interessant: Es sind wieder die weiblichen und die männlichen Gegenpole und der Respekt von der Hauptdarstellerin, die einfach sagt: ´Ich akzeptiere das Kind und werde mich darum kümmern, aber ich weiß, dass jede Nacht die tote Mutter kommt, um zu sehen, wer sich um ihr Kind kümmert. ´Der Kuss´ ist leider eine Oper, die international noch gar nicht entdeckt wurde. Es ist etwas von Smetana, was ich gerne aus Tschechien ins Ausland mitnehmen würde."







