Projekt „Jenseits von Prag“: Marion Brasch entdeckt Pilsen
Der Verlag Větrné mlyny und das Prager Goethe-Institut schicken im Projekt „Minout Prahu / Jenseits von Prag“ zwölf Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Deutschland in jeweils eine tschechische Kreisstadt. Einen Monat lang sollen die Kunstschaffenden bewusst einen anderen Ort als immer nur Prag in Tschechien erleben, ihn für sich entdecken und sich dort zu einer Kurzgeschichte inspirieren lassen. Marion Brasch, die 2012 im Alter von 51 Jahren mit ihrem Roman „Ab jetzt ist Ruhe!“ debüttiert hat, ist derzeit in Plzeň / Pilsen und hat sich Zeit genommen für einen Stadtspaziergang samt Gespräch mit Daniela Honigmann.
Wir stehen in Pilsen auf dem Marktplatz, dem Náměstí republiky. Ich bin hier mit Marion Brasch, die hier einen Aufenthalt über den Verlag Větrné mlýny absolviert. Wo gehen wir als erstes hin?
„Wir gehen einmal quer über den Platz. Wir sehen ein paar Gebäude, die ich schon ein bisschen kenne und die vielleicht auch eine Rolle spielen werden in meiner Geschichte – wir sollen am Ende des Aufenthalts ja eine Geschichte schreiben. Da drüben ist das Rathaus, dort gehen wir vorbei.“
Wenn Sie durch die Stadt gehen und Dinge recherchieren, sind Sie da eher auf der Suche nach Geschichte oder nach Gegenwart?
„Eher nach Geschichte und Geschichten. Ich habe so eine Idee, über Figuren, die in dieser Stadt gelebt haben, eine magisch-realistische Geschichte zu erzählen, die im Heute spielt, aber auf Vergangenheit verweist. Pilsen hat eine ganz große Puppenspielertradition, und es gibt hier ein tolles Marionettenmuseum. Und das wird im Prinzip der Faden sein, an dem die Geschichte erzählt wird – also buchstäblich. Dabei werden historische Figuren mit fiktiven Figuren zusammentreffen, und es wird vielleicht ein nächtliches Puppenspiel geben, das in Pilsen stattfindet. Die Stadt ist ja untertunnelt und hat ein ganz verzweigtes Tunnel- und Gewölbesystem, das ich mir auch schon angeguckt habe. Und da wird das stattfinden. Es ist natürlich total inspirierend, wenn man dann noch historische Figuren findet, die da eine Rolle spielen könnten. Und die habe ich inzwischen gefunden, von irgendwelchen Architekten und Baumeistern, die pleite gegangen sind oder sich erhängt haben in der Synagoge, bis hin zu Spejbl und Hurvínek, die von hier kommen, oder Karel Gott, der hier geboren wurde. Da kann man hier aus dem Vollen schöpfen.“
Gerade Spejbl und Hurvínek oder Karel Gott waren Figuren oder Künstler, die auch in der DDR bekannt waren. Sie stammen aus Ostberlin. Hatten Sie denn schon als Kind oder als junger Mensch eine Beziehung zur Tschechoslowakei?
„Es gab ganz fantastische tschechische Filme, von Pan Tau bis hin zu Animationsfilmen. Ich kann mich erinnern, dass es eine reiche, fantasievolle Filmwelt gab, und Spejbl und Hurvínek gehörten dazu. Aber eben auch Spielfilme und Kinderfilme, daran habe ich eine ganz, ganz lebendige Erinnerung. Außerdem ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘, das war ja eine Koproduktion. Das ist alles Kulturgut, auch hierzulande.“
Tragische Figur aus der Synagoge
Das Programm „Minout Prahu“, mit dem Sie hier sind, ist gegen den Pragozentrismus angelegt. Das heißt, die Schriftsteller aus Deutschland halten sich in den verschiedenen Kreisstädten auf und eben nicht in Prag. Ist das ein gutes Konzept?
„Ich finde das ein tolles Konzept – eben jenseits von Prag die Schriftsteller und Schriftstellerinnen sich selbst zu überlassen und ihnen auch die Freiheit zu geben zu überlegen, was sie eigentlich wollen. Wie inspiriert dieser Ort einen Monat lang eine Geschichte, die zu erzählen ist? Da hat jeder von uns ganz andere Ideen, und das wird diese Anthologie wahrscheinlich total interessant und vielfältig machen. Unabhängig von den Orten.“
Dann gehen wir weiter…
„… und kommen zu einem Ort, der auch eine Rolle spielen wird in der Geschichte, die ich schreibe und die in meinem Kopf immer klarer wird. Das ist das Hotel Continental. Da gibt es eine Figur, Eugenie, das war die Frau des Hotelbesitzers, der dann umgekommen ist. Und sie wird auf jeden Fall in dieser Geschichte eine Rolle spielen. Sie ist keine so symbolhafte Figur, sondern eher eine interessante, faszinierende Person in der Geschichte dieser Stadt.“
Wir sind jetzt in der Synagoge von Pilsen. Ihr Vater hatte jüdische Wurzeln, ist dann aber, wie Sie schreiben, konvertiert zunächst zum Katholizismus und dann zum Kommunismus. Ist die Synagoge hier für Sie ein Ort, der Sie angezogen hat oder den Sie unbedingt sehen wollten?
„Ja. Das hat natürlich auch familiäre Gründe, weil meine beiden Eltern Juden waren. Allerdings hat die jüdische Tradition bei uns zu Hause keine Rolle gespielt. Ich bin in einem sozialistischen Haushalt groß geworden. Und trotzdem ist diese Geschichte meiner Familie natürlich geprägt durch die Flucht von Juden, das zieht sich durch. Aber für mich ist es kein Identifikationsraum. Sondern es ist ein Raum, der zu meiner Geschichte gehört. Eine Synagoge in einer Stadt, also jüdische Tradition, gehört eben auch zu meiner Familiengeschichte dazu, auch wenn sie nicht gelebt wurde. Insofern gehe ich zum einen schon mit einer gewissen Verbindung hierher, aber auch ein bisschen wie ein Tourist. Und hier finde ich den Baumeister Rudolf Stech interessant, der sich mal mit háček, mal ohne háček geschrieben hat. Er hat diese Synagoge fertiggebaut und hat eine sehr tragische Geschichte. Er baute den Bahnhof, das Hauptpostamt und so weiter und hat sich restlos verschuldet. Er war so sehr verschuldet, dass er sich erhängt hat – und zwar hier in der Synagoge. Da dachte ich: Was ist das für eine tragische Figur! Wenn so eine Geschichte in so einen Raum kommt, die nicht unbedingt auf der Hand liegt, dann finde ich das total interessant.“
Sie sind jetzt gerade in Westböhmen, das heißt die Grenze nach Deutschland ist nicht so weit. Treffen Sie hier auch auf deutsch-tschechische Geschichte?
„Weniger. Die Recherche zu diesem Mann zum Beispiel ist verbunden mit deutschsprachigen Zeitungen. Ich weiß also, dass es hier deutsch-tschechische Geschichte gab und alles sehr stark geprägt davon ist. Aber man muss danach suchen. Und dann findet man zum Beispiel den Innenarchitekten Adolf Loos, dessen Wohnungseinrichtungen man hier besichtigen kann. Man stößt also immer wieder auf etwas. Wenn man gezielt danach sucht, dann findet man ganz viel. Aber die Geschichte kommt einem nicht entgegen.“
Spät zur Literatin geworden
Das erste, was ich je über Sie wusste, war, dass Sie beim DDR-Jugendsender DT64 waren. Und ohne es zu wissen, begleiten Sie mich schon sehr viele Jahre beim Berlin-Brandenburger Sender Radio 1. Sie haben erst relativ spät angefangen zu schreiben und Ihren Roman zu veröffentlichen. Warum?
„Der Impuls kam von außen. Ich komme ja aus einer schwierigen Familie, die nicht mehr existiert. Meine drei großen Brüder und meine Eltern, die leben alle nicht mehr. Und das Interessante an dieser Familie ist, dass sich im Kleinen ein Konflikt abgespielt hat, der im Großen in diesem Land DDR passiert ist. Das heißt, die Väter, die autoritären, und die Elterngeneration kommt mit den Kids und den jungen Leuten, die ihre Idee anders umsetzen wollen (Sozialismus) nicht klar. Und das ist in dieser Familie passiert. Es gab dann immer die Impulse von außen, dass ich diese Geschichte doch aufschreiben müsste und sie interessant sei. Ich wusste aber nicht, wie. Irgendwann hatte ich aber die Idee, das als Roman zu erzählen – als meine Version der Familiengeschichte, und das habe ich gemacht.“
Sie haben am 16. September hier in Pilsen eine Lesung mit Publikumsgespräch und am 18. September dann in Prag. Was werden Sie da lesen?
„Hier werde ich ein Stück aus meinem Familienroman lesen. Denn es gibt in ihm eine ganz wichtige Geschichte, die mit Tschechien beziehungsweise mit dem Prager Frühling zu tun hat und an der sich auch die Geschichte der Familie bricht, buchstäblich. Denn mein Bruder hat nach dem Einmarsch der Truppen in Prag Flugblätter verteilt und ist in den Knast gegangen, und mein Vater hat dadurch seinen Job als stellvertretender Kulturminister verloren. Die jüngere tschechische Geschichte, der Prager Frühling, spielt also in meine Familiengeschichte hinein. Und in Prag… Ich habe ein Kinderbuch geschrieben, das heißt ‚Winterkind und Herr Jemineh‘. Und dort werde ich vor Kindern aus diesem Buch lesen.“
Der Text ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Die Langfassung hören Sie in der Audioversion auf dieser Seite. Der Erzählband, der im Rahmen von „Jesneits von Prag“ entsteht, soll 2026 sowohl auf Deutsch als auch auf Tschechisch erscheinen. Er wird nächstes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, bei der Tschechien Gastland sein wird.
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