Musen, Havel und Schornsteinrauch: Die literarischen Eindrücke aus Böhmen von Michael G. Fritz
Der Schriftsteller Michael G. Fritz ist in Dresden zu Hause. Heimat bleibe aber doch seine Geburtsstadt Berlin, wie er selbst sagt. Von dieser ist viel zu lesen in Fritz‘ neuestem Buch. Es trägt den Titel „Die Stille ist das Rieseln des Sandes“ und enthält zahlreiche Miniaturen – also kurze Texte, mitunter nicht einmal zehn Zeilen lang. Das zentrale Thema ist den Worten des heute 72-jährigen Künstlers zufolge die Erinnerung, ihre Aufarbeitung und ihre Weitergabe. Ein Kapitel des Buches heißt „Zu Hause in Böhmen“. Es entstand, als Fritz 2022 ein Residenzstipendium am Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren absolviert hat. Warum er sich hierzulande zu Hause fühlt, das erläutert Michael G. Fritz im Interview für Radio Prag International.
Das Buch hat sehr unterschiedliche Kapitel. Gibt es zwischen ihnen einen Zusammenhang, einen roten Faden?
„Ja, das Thema des Buches ist das Rauschen der Zeit, wodurch das Erinnern leider verloren geht. Wenn es so etwas wie die Aufgabe von Literatur gibt, dann liegt sie darin, gegen das Vergessen anzuschreiben. Ein zentraler Punkt des Buches ist die Berliner Mauer und das Festhalten der Erinnerung daran. Die Mauer, die mich geprägt hat wie kaum ein anderes politisches Ereignis. Noch heute gibt es in Berlin die Zeitrechnung vor und nach dem Mauerbau, beinahe wie in der großen Zeitrechnung vor und nach Christi Geburt. Ich war damals acht Jahre alt. Zwangsläufig habe ich mich als Berliner damit beschäftigen müssen, weil ich nun nicht mehr zu Verwandten in den anderen Teil der Stadt fahren konnte, nicht mehr meinen Vater begleiten konnte, der aus dem Westen Berlins stammte, aus Neukölln.“
Vor allem im dritten Kapitel weiß man manchmal nicht, in welcher Zeit die jeweilige Miniaturgeschichte gerade spielt – ob vor oder nach 1989. Hat das für den Inhalt keine so große Bedeutung?
„Wenn es zeitlos scheint, dann weil es Zustände gibt, die in allen Zeiten auftreten. Die Unbehaustheit des Einzelnen, seine Heimatlosigkeit, die Einsamkeit, zudem die Natur mit ihrer unberechenbaren Gewalt – und bitteschön, vergessen wir nicht die Liebe, die genauso unberechenbar ist wie die Natur und mit ebenso großer Wucht zuschlagen kann.“
Du schreibst vom Reisen, dabei auch vom Stranden und Sich-Verlieren. Wo bist Du am liebsten als zielloser Reisender unterwegs? Welche Inspiration steckt darin?
„Ja, ich reise sehr gern. Ich bin aber auch sehr gern am Schreibtisch, um zu arbeiten. Man muss immer eine vernünftige Balance finden. Als Schriftsteller in Deutschland kann man Aufenthaltsstipendien bekommen. Dann ist das Ziel weniger der fremde Ort als das Arbeiten. So war ich in vielen Städten Europas. Vor kurzem eben auch in Prag. Natürlich bleibt neben dem Schreiben auch genug Zeit, sich der Stadt zu widmen. Und für Prag, diese wunderschöne, so geschichtsträchtige Stadt, benötigt man natürlich auch Zeit. Sie ist wie eine schöne Frau, die bewundert werden will. Jeden Tag und immer findet man etwas Neues an ihr. Wie großartig, diese Mischung aus k. u. k.-Zeit, Fenstersturz oder Schlacht am Weißen Berg und der Moderne auf der anderen Seite! Aus jüdischer Geschichte, Franz Kafka und den Spuren von 1968. Mich hat begeistert, wie sorgfältig und aufwendig man die Fassaden der Jugendstilhäuser wiederherstellt. Ich war geradezu hingerissen.“
Und deswegen gibt es in dem neuen Buch eben auch das Kapitel „Zu Hause in Böhmen“. Du hast erwähnt, dass in dem Buch das geteilte Berlin eine sehr präsente Rolle einnimmt. Es gibt eine gemeinsame Geschichte vor 1989 in der DDR und der Tschechoslowakei. Gehören Böhmen und Prag damit auch zu Deiner persönlichen Geschichtsaufarbeitung?
„Ja natürlich, das ist ein Thema für mich. In der DDR litt man genauso unter der Diktatur wie in der ČSSR. Und man suchte nach Möglichkeiten: Einmal, mit ihr zu leben – denn man musste sich ja irgendwie einrichten –, und zum anderen, sie zu überwinden. Das ist unsere gemeinsame Geschichte, die uns sehr stark verbindet. Die Tragik liegt darin, dass man in der ČSSR versucht hat, die Diktatur zu beseitigen, und der Versuch scheiterte. Auch mit Unterstützung wiederum der DDR.“
Hast Du das Empfinden, dass die Geschichte von vor 1989 in Tschechien heute noch sehr präsent ist?
„Wenn ich die kaputten Häuser außerhalb des Zentrums sehe, dann weiß ich, dass diese Geschichte noch sehr präsent ist. Natürlich ebenso in der Ex-DDR. Und wenn ich mir das schlichte Denkmal für Jan Palach auf dem Wenzelsplatz ansehe und beobachte, wie ehrfurchtsvoll die Menschen damit umgehen, dann weiß ich, dass die Zeit vor 1989 noch im Bewusstsein der Menschen eingebrannt ist. Ich kann mich entsinnen, dort eine Mutter gesehen zu haben, die ihr Kind zurechtwies, dass man da nicht drauftreten darf. Und dann hat sie dem Kind vorgelesen, woran dieses Denkmal erinnert. Ich fand das sehr bewegend.“
Bist Du hier tatsächlich zu Hause? Und was meinst Du damit, wenn du schreibst, dass es in Böhmen noch so schön heimelig ist?
„Als Teenager war ich in Kladno Fußball spielen. Kladno ist ein Vorort von Prag, damals war ich wohl zum ersten Mal dort. Das muss ein Jahr vor dem Ende des Prager Frühlings gewesen sein, also 1967. Unsere Trainer zeigten plötzlich ihr anderes Gesicht: Wenn westdeutsche Mannschaften kämen, hätten wir nicht gegen sie spielen dürfen, sondern wir hätten nach Hause reisen müssen. So stark war die Abgrenzung, vorgeschrieben von oben. Einige Jahre später war ich wieder in Prag, oben in Strahov, im Studentenwohnheim mit meiner Schulklasse. Jeden Abend natürlich im Studentenclub, wo ich mich wie im Westen fühlte, weil er so international war – was natürlich Unsinn war. Aber das waren die Vorstellungen eines 16-Jährigen. Als ich zu meinem Literaturstipendium anreiste, war es dann wie eine Rückkehr ins Vertraute, wo man sich zu Hause fühlen konnte. Auf Schritt und Tritt stieß ich auf Bekanntes. Böhmen? Ja, Böhmen. Es riecht dort, wie es bei mir zu Hause roch. Es riecht nach Abgasen der Autos, nach den Zweitaktern, nach dem Rauch von Briketts. Das ist ein Kindheitsgeruch. In den Straßen meiner Kindheit stand dieser Geruch manchmal über viele Tage hinweg. Dazu kam noch der Rauch von glimmendem Laub. Über lange Zeit roch es nach diesem Rauch, das war einfach ein markanter Geruch. Vor einigen Jahren war ich im Winter in Böhmen wandern, gegenüber von Zinnwald, und hatte mich verlaufen. Die Dämmerung setzte ein. Quasi als Rettung stieg dieser bekannte Geruch in die Nase – Häuser mussten in der Nähe sein. Ich war zu Hause. Bald fand ich eine Kneipe, in der es anheimelnd warm war. Der Text darüber heißt tatsächlich ‚Zu Hause in Böhmen‘.“
Ist Prag als Tourismusort und Gegenstand von Literatur nicht auch schon etwas abgeschmackt? Gibt es da nicht woanders viel spannendere Orte?
„Das ist natürlich eine provokatorische Frage. Im Gegenteil, Prag ist auch ein Ort der Ost-West-Begegnung gewesen. In den Westen geflohene DDR-Bürger trafen sich hier mit Zurückgebliebenen – für meinen nächsten Roman ein ganz aufregender Punkt. Dieser wird hoffentlich bald im Mitteldeutschen Verlag erscheinen und trägt den Titel ‚Was wir suchten‘. Und man denke bitte an die Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Prag war immer mit deutschem Schicksal verbunden. Ein spannendes Thema, das natürlich seinen Niederschlag in der deutschen Literatur finden muss. Ich war hier sehr fleißig, habe diese Miniaturen geschrieben. Und ich habe meinen nächsten Roman angefangen, der hauptsächlich in Prag spielen wird und all jene Handlungsorte aufweist, die ich selbst durchlebt und erlebt habe. Ich war täglich nach dem Abendessen für eine gute Stunde auf der Moldauinsel Střelecký ostrov, wo immer eine andere Band spielte. Dieses Leben dort faszinierte mich, dieser ungezwungene, friedlich Umgang miteinander. Und es gab dort kaum Touristen. Die liefen oben auf der Straße entlang und haben höchstens hinuntergeguckt. Aber sie sind nie wirklich heruntergegangen, weil sie zu den Highlights gehen wollten. Ich fand es jedoch sehr angenehm, den Abend dort zu verbringen und dann wieder an den Schreibtisch zurückzukehren. Ich wohnte gegenüber auf dem Masarykovo nábřeží in einem faszinierenden Jugendstilhaus, unmittelbar an der Moldau. Ich erinnere mich, dass die Figuren, die dort auf der Fassade stehen, alles Musiker und Komponisten sind. Und dann hat mich das jüdische Viertel angezogen, nicht zuletzt, weil ich auch in der Zeit dort mein Buch über Israel mit meinem Lektor druckreif gemacht habe. Das jüdische Leben in Prag war das größte in Europa bis zum Einmarsch der Wehrmacht – wieder eine Verbindung zwischen deutschem und tschechischem Schicksal, wenn auch eine sehr tragische.“
Und aus einem Text spricht auch ein großer Respekt vor Václav Havel. Woher kommt der? Und hast Du den auch bei anderen Menschen oder in der Atmosphäre in Prag verspürt?
„Zwei wichtige Ereignisse haben mich geprägt. Einmal der Bau der Berliner Mauer, zum anderen der Prager Frühling, der 1968 niedergeschlagen wurde. Ich war damals 15. Einer der wichtigsten Vertreter war Václav Havel. Er war ein Glücksfall für die Tschechen wie für die Deutschen, der den Ausgleich gesucht hatte. Aber auch ein Glücksfall für Europa. Ich war im Café Slavia. Da habe ich mit einem Kellner gesprochen und ihn nach Václav Havel gefragt, der doch immer dort gesessen haben soll. Er war sehr erfreut, dass ich ihn darauf ansprach, und zeigte mir den Platz, auf dem Havel in seiner Mittagspause saß und geraucht hat. Er hätte sicherlich nicht mehr rauchen dürfen, aber er saß dort, rauchte und schaute hoch auf seinen Arbeitsplatz, auf die Prager Burg. Also ich denke mir, die Erinnerung wird in Prag auch noch an Havel sehr präsent sein.“
Ansonsten schreibst Du auch von einer Muse auf dem Fahrrad. Gibt es denn in Prag viele solcher Musen? Vielleicht mehr als anderswo?
„Das ist ein literarischer Text. Die Vorlage war tatsächlich die beschriebene junge Frau. Ich denke, so ähnliche Frauen habe ich oft in Prag gesehen. Natürlich können sie nicht alle meine Muse werden.“
Bei der Buchpremiere in Dresden im Dezember hast Du gesagt, dass man sich bei Auslandsaufenthalten gut mit sich selbst auseinandersetzen und sich finden kann. Was hast Du in Prag über Dich selbst herausgefunden?
„Ich habe mich als Teenager und junger Mann wiedergefunden. Mein erster Weg, als ich mich halbwegs eingerichtet hatte, war hoch zum Strahov-Hügel ins Studentenwohnheim, nach über 50 Jahren. Das war alles wie damals, nur seltsam kleiner als seinerzeit. Ich bin die alten Wege abgegangen und fand natürlich auch neue.“
Und in einem Text erkennt ein Hund den Auswärtigen in Dir, wie Du schreibst. Bist Du in Prag eben auch als Fremder erkannt und behandelt worden?
„Nicht nur Hunde haben mich als Fremden erkannt, sondern natürlich wurde ich sofort als Fremder ausgemacht. Mein Tschechisch ist sehr rudimentär, Deutsch habe ich mich gar nicht zu sprechen getraut. Sobald man Englisch spricht, ist man eben der Fremde. Natürlich erkennt man dann auch in mir den Deutschen. Kaum irgendwo aber habe ich so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erfahren wie in Prag – freundliche Menschen wie vielleicht nur in den USA oder in Cornwall in Südengland. Ich war geradezu begeistert von der Offenheit und von dem Entgegenkommen der Menschen, die ich dort getroffen habe.“
Ein weiteres Buchkapitel handelt von Venedig...
„In Venedig war ich ebenfalls zu einem Stipendium. Und dazu gehörte auch die Villa Massimo in Rom. Venedig war mir völlig neu. Also ging ich voller Neugierde durch die Stadt. Ich habe angefangen, Italienisch zu lernen, und viel zugehört. Ich konnte nicht an meinem Roman arbeiten, weil die Stadt so aufregend war, also habe ich aus Verlegenheit ein Buch über Venedig geschrieben: ‚La Vita e Bella‘. In Prag hingegen war ich irgendwie zu Hause. Das war so wie ein Ankommen, und da hatte ich gar nicht die große Neugierde. Ich kannte vieles ja. Ich habe das einfach nur wieder getroffen und das sehr genossen. Im Ausland muss man sich immer auch mit Sprache auseinandersetzen und findet zu der eigenen Sprache. Und je fremder man sich fühlt, desto besser kann man schreiben.“
Das Buch „Die Stille ist das Rieseln des Sandes. Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit“ von Michael G. Fritz ist im Mitteldeutschen Verlag (mdv) erschienen und hat 128 Seiten.









