Schauplatz

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Gänzlich unbemerkt und ohne grosses Aufsehen feiert in diesem Jahr eine tschechische Zeitschrift ein kleines Jubiläum: Die Mezinárodní politika (Internationale Politik) wird ein Vierteljahrhundert alt. Ein guter Anlass, Sie , liebe Hörerinnen und Hörer, darüber zu informieren. Damit willkommen zu dieser Ausgabe von Schauplatz, am Mikrophon begrüssen Sie Robert Schuster und Jitka Mladkova.

Die politische Wende des Jahres 1989 brachte in der damaligen Tschechoslowakei viele Veränderungen mit sich. Für den Normalbürger, der nie zur kommunistischen Nomenklatura gehört hatte, eröffneten sich auf einmal Bereiche, die bis dahin streng berwacht waren und in die es vorher praktisch unmöglich war einzudringen. Zu diesen "geschützten" Bereichen gehörte u.a. alles, was auf irgendeine Art und Weise mit internationalen Beziehungen, bzw. mit Aussenpolitik zusammenhing.

Eines der zahlreichen Fenster, die nach 1989 zur westlichen Welt geöffnet wurden, war auch die Monatszeitschrift Mezinárodní politika, auf Deutsch Internationale Politik. Obwohl diese Monatszeitschrift bereits 1956 das erste Mal erschienen ist, musste sie jedoch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1970 eine Art "Zwangspause" einlegen. Erscheinen konnte sie also erst wieder 1990, sich entfalten und ihrem Gründungsanspruch, "objektiv und unvoreingenommen" über das politische Geschechen auf der ganzen Welt zu berichten, gerecht werden. Die neuen Möglichkeiten, die sich nach 1989 ergeben haben, griff sofort der studierte Historiker Dobroslav Matìjka auf, der die Monatszeitschrift bis zu seinem Tod im Frühjahr letzten Jahres als Chefredakteur leitete.

Herausgegeben wird die Mezinárodní politika vom Prager Institut für internationale Beziehungen und zwar in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Das ist zwar nicht besonders viel, aber da die Zeitschrift vor allem über Abonnements zu ihren Lesern kommt, konnte sie sich bislang stets auf dem Markt behaupten, bzw. sie war nicht dem vollen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Auf die Zeit unmittelbar nach der Wende blickt der Politikwissenschaftler Zdenek Zboril von der Prager Karlsuniversität zurück:

"Am Anfang hatten wir vor allem um die pure Existenz dieser Zeitschrift zu kämpfen."

Zboøil ist zwar erst seit November letzten Jahres Chefredakteur der Monatszeitschrift Mezinarodni politika, er war jedoch von Anfang an mit dabei, als der bereits erwähnte Dobroslav Matìjka der Mezinárodní politika eine neue Richtung gab. Vor allem der Übergang vom System des zentralen Verwaltens, wo jede Krone, von vornherein fest verplant war, machte der Mezinárodní politika zu schaffen. Doch laut Zboøil ist es gelungen, in eine Marktnische vorzudringen. Seinen Worten zufolge gibt es in ganz Europa nur höchstens zwei ähnliche Zeitschriften, die eine Ausrichtung, vergleichbar mit der tschechischen Mezinárodní politika haben.

Die Zeitschrift versucht nämlich einen gewissen Mittelweg zu gehen. Den Autoren der einzelnen Beiträge wird ein bedeutend grösserer Raum als in jeder Tages- oder Wochenzeitung gewährt, womit gewährleistet ist, dass auch kompliziertere Zusammenhänge ausreichend beleuchtet werden können. Interessentarerweise gehören die Autoren häufig den aussenpolitischen Ressorts der grossen tschechischen Tageszeitungen wie Mladá fronta Dnes, Lidové noviny oder Právo an und zählen zu den Schlüsselautoren jeder Nummer. Auf der anderen Seite ist jedoch die Internationale Politik keine wissenschaftliche Zeitschrift, welche komplizierte und nur sehr schwer zu verdauende Formulierungen enthält. So etwas würde nämlich die Leser lediglich verschrecken. Letzteres ist insbesondere auch deswegen wichtig, weil sich die Mezinárodní politika oft an ein relativ junges Publikum wendet, wie Zdenek Zboril hinzufügt:

"Die Leute, die uns abonniert haben, sind oft zwischen 17 und 20 Jahren alt und wollen zum Beispiel Publizistik, Politikwissenschaften oder andere ähnliche Fächer studieren. Da man sich in dieser Altersklasse keine teueren Abonnements von rennomierten ausländischen Zeitschriften leisten kann, vermitteln wir diesen jungen Leuten somit häufig den ersten Kontakt mit der grossen Weltpolitik. Wichtig ist uns auch, dass wir uns bemühen, mit der Zeit zu gehen und die neuesten Entwicklungen im Bereich der internationalen Beziehungen nachvollziehen versuchen. Deshalb legen wir zum Beispiel auch grossen Wert auf Besprechungen von kürzlich erschienen Büchern. Und nicht zu vergessen: Wir tragen immer so eine stille Hoffnung in uns, dass sich unter diesen jungen Lesern einige befinden, die hier vielleicht mit uns in ein paar Jahren zusammenarbeiten werden."

Seit einigen Jahren widmet sich Mezinárodní politika intensiv dem Thema Europäische Union. Zunächst wurde den Entwicklungen in der EU in regelmässigen Zeitabständen eine Sondernummer gewidmet. Doch das konnte das grosse Interesse vieler Tschechen an der immer noch fremden EU nicht befriedigen.

Seit dem letzten Jahr wird deshalb eine spezielle Europabeilage jeder Nummer von Mezinárodní politika beigefügt. In dem Heft werden nicht nur die wichtigsten Ereignisse, die sich im Rahmen der Europäischen Union ereignet haben, festgehalten. Sechsmal im Jahr beinhaltet nämlich die Beilage eine Art Ratgeber in Sachen Europa. Dort können sich Interessierte mitunter auch über ziemlich detaillierte Informationen zu ganz konkreten europäischen Problemfeldern informieren.

Das sei eine wichtige Weiterentwicklung der Mezinárodní politika, glaubt Chefredakteur Zboøil. Seiner Meinung nach ist somit die Zeitschrift nicht nur für Leser attraktiv, die sich schon immer theoretisch für den europäischen Einigungsprozess interessiert haben, sondern sie erhält damit auch einen gewissen Servicecharakter, weil sie auf die europäische Praxis bezogene Ratschläge erteilt.

Dabei geht es um Themen wie europäischer Verbraucherschutz, Hilfsprogramme für die Unterstützung von kleinen und mittleren Betrieben oder die Freizügigkeit im Rahmen der Europäischen Union. Das sind alles Bereiche, die entscheidend das tägliche Leben der Tschechen nach einem Beitritt des Landes zur EU beeinflussen werden.

Die Themenpalette von Mezinárodní politika ist breit gefächert. Seit einigen Jahren bildet immer ein bestimmtes Thema den Schwerpunkt jeder Nummer. Ganz konkret bedeutet das, dass vier oder fünf Beiträge miteinander stets zusammenhängen und ein Problem von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten. Einer solcherart komplexen Untersuchung wurden im vergangenen Jahr Themen wie die Globalisierung, Russland unter dem neugewälten Präsidenten Wladimir Putin usw. unterzogen. Daneben versucht Mezinárodní politika auch die aktuellen Ereignisse nicht aus den Augen zu verlieren. Doch das ist nicht immer so einfach, wie Chefredakteur Zboril meint:

"Häufig werden wir dafür kritisiert, dass wir zu abstrakt sind und zu wenig auf aktuelle politische Entwicklungen reagieren. Das ist aber leider bei einer Monatszeitschrift nicht anders zu machen. So kann es dann schon eben vorkommen, dass wir wichtige politische Ereignisse im Ausland erst einen Monat später, also in der nächsten Nummer berücksichtigen können. So war es zum Beispiel beim Fall des Regimes von Slobodan Miloševiè von Anfang Oktober letzten Jahres. Es finden sich jedoch auch Leute, die am liebsten alles Tagespolitische aus der Mezinárodní politika verbannen würden. Das ist, denke ich, der sprichwörtliche Beweis dafür, dass es uns in jeder Nummer mehr oder weniger gelingt den richtigen Mix an Themen zusammenstellen".

Gegenwärtig versucht das Redaktionsteam der Internationalen Politik die Aufmerksamkeit auf Felder zu richten, die zwar schon lange Zeit vorgesehen sind, aus irgendeinem aktuellem Anlass dann jedoch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

Desöfteren sind gerade diese Analysen für Tschechen interessant, wie Zboril abschließend bemerkt:

"Wir hatten zum Beispiel schon vor Jahren vor, einmal nach Lateinamerika zu schauen und uns mit dem dortigen Übergang von der Diktatur zur Demokratie zu befassen. Es gibt dort nämlich erstaunliche Ähnlichkeiten mit Tschechien."