Schloss Dačice – der Sitz der Osteins und Dalbergs

Schloss Dačice (Foto: Martina Schneibergová)

Anfang April wurden die meisten Burgen und Schlösser in Tschechien nach der Winterpause wieder geöffnet. Oft warten die Verwalter der historischen Sehenswürdigkeiten zur neuen Saison mit einigen Neuheiten für die Besucher auf. Dies ist auch im Schloss Dačice der Fall. So sind seit vergangener Woche einige Salons und Zimmer zugänglich, die die Öffentlichkeit zuvor nicht sehen konnte.

Dačice (Foto: Martina Schneibergová)
Dačice / Datschitz liegt etwa 30 Kilometer östlich von Jindřichův Hradec / Neuhaus. Es ist eine der ältesten Städte auf dem Gebiet des historischen Südwestmährens. Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes stammt aus dem 12. Jahrhundert. Heute hat Dačice knapp 8000 Einwohner und gehört zum Kreis Südböhmen, auch wenn es an der Mährischen Thaya liegt.

Wenn man sich von Jindřichův Hradec her mit dem Auto Dačice nähert, dann hat man das ganze Stadtpanorama direkt vor sich: Der mächtige Turm der St.-Laurentius-Kirche und das grünliche Empire-Schloss sind nicht zu übersehen. Nach dem Haupteingang des Schlosses muss man von der Straße aus allerdings etwas suchen. Denn den ehemaligen Adligensitz betritt man von der anderen Seite, wo sich ein großer Park erstreckt. Die Führung beginnt Kastellan Jan Mikeš im Schlosshof:

Jan Mikeš (Foto: ČT24)
„Die Renaissancearkaden sind der erhalten gebliebene Teil des ältesten Baus, der an diesem Ort stand. Errichtet wurde der Bau Ende des 16. Jahrhunderts für die Adelsfamilie Kraiger von Kraigk (Krajíř z Krajku), sie besaß auch die nahe Burg Landštejn / Landstein. Zur selben Zeit ließen die Kraigers auch das hiesige Rathaus bauen. Diese bedeutende Familie hat das Antlitz der Stadt stark geprägt. Die Kraiger von Kraigk starben Anfang des 17. Jahrhunderts indes aus und das Schloss wechselte danach oft seinen Besitzer. In die Geschichte des Schlosses eingegangen sind später noch zwei weitere Adelsfamilien: die Osteins und die Dalbergs.“



Ahnensaal im Schloss Dačice (Foto: Martina Schneibergová)
Die Renaissanceräume im Erdgeschoss des Schlosses waren einst mit Wandmalereien geschmückt. In den 1950er Jahren wurden die Wände jedoch weiß angestrichen und die Originaltapeten beseitigt, erzählt Jan Mikeš im so genannten „Ahnensaal“. Überall hängen Porträts, es sind alles Mitglieder der Adelsfamilie Dalberg – bis auf eine Ausnahme: „Dieser Herr ist Graf Ostein. Er stammte von einem alten oberrheinisch-elsässischen Adelsgeschlecht ab. Sein Vater, der unter anderem kaiserlicher Botschafter in St. Petersburg war, hatte 1724 die Besitzungen gekauft. Damit begann eine glänzende Epoche dieses Schlosses. Graf Ostein und seine Frau, eine geborene Dalberg, hatten nur eine Tochter, die im Kindesalter starb. Sie adoptierten dann einen Neffen seiner Frau, er hieß Friedrich Ostein-Dalberg.“

Geschenk von Franz Josef I. (Foto: Martina Schneibergová)
Friedrich Ostein-Dalberg trat in die österreichische Armee ein und kämpfte gegen Napoleon. Dabei wurde er schwer verletzt und starb einige Monate später im Alter von 26 Jahren. Das ganze Eigentum der Familie, einschließlich des Schlosses in Dačice, erbte sein jüngerer Bruder Karl. Dessen Porträt sowie das Porträt seiner Frau Charlotte gehören zu den schönsten Bildern in der Ahnengalerie. Und das ist kein Wunder, angesichts der Bedeutung von Karl Dalberg:

„Er ließ das Schloss zweimal umbauen. Er besaß zudem Anteile an der hiesigen Zuckerfabrik, und eben zu seiner Zeit wurde in Dačice der Würfelzucker erfunden. Karl Dalberg heiratete seine Kusine Charlotte. Zu dieser Hochzeit wäre es aber beinahe nicht gekommen. Denn Karls Bruder Friedrich sollte die andere Kusine – Louise – heiraten. Als Friedrich aber starb, hielt seine Mutter dies für ein böses Zeichen und eine Art Warnung vor der Vermählung von Verwandten. Karl heiratete trotzdem Charlotte. Aber es ist interessant, dass ihre Schwester Louise nie geheiratet hat. Sie wurde Hofdame und Erzieherin von Franz Josef I. Zum Andenken schenkte dieser ihr einen kleinen Tisch, an dem er als Kind immer gesessen hatte. Es steht auch eine Widmung an Tante Louise drauf. Der kleine Tisch steht im Ahnensaal und ist ein Andenken an den jungen Kaiser.“

Schloss Dačice (Foto: Martina Schneibergová)
Aus dem Ahnensaal geht es weiter in den Gesellschaftssaal, wo früher die Besucher empfangen wurden. Von der Straße gab es einen so genannten „Kutscheneingang“ direkt in den Saal. Hier ist auf einem Gemälde ein altes Privileg der Dalbergs dargestellt, erklärt der Kastellan:

„Die Dalbergs waren ein sehr altes Adelsgeschlecht. Sie stammten vom Mittelrhein. Die Anfänge des Adelsgeschlechts gehen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Seit 1452 hatten die Mitglieder der Familie das Recht, als erste zum Reichsritter geschlagen zu werden. Auf dem Gemälde schlägt Kaiser Friedrich III. Wolfgang von Dalberg in Rom zum Ritter. Wenn ein neugekrönter Kaiser die neuen Ritter schlug, fragte der Herold immer, ob ein Dalberg darunter sei. Wenn ja, wurde er als erster zum Ritter geschlagen. Das Privileg hatten die Dalbergs dafür erhalten, dass einer der Vorfahren Kaiser Friedrich Barbarossa das Leben gerettet haben soll.“

Burgruine Dalburg (Foto: Archiv des Nationalen Denkmalschutzamtes)
Das Privileg galt als Beweis für die alten Wurzeln des Adelsgeschlechts. Das Gemälde entstand jedoch erst im 18. Jahrhundert. Es scheint, dass der Maler wahrscheinlich nie in Rom gewesen war. Hinter der Engelsburg sind die Alpen zu erkennen, auf der anderen Seite erhebt sich der Petersdom. Bedeutend realistischer ist das Bild der Burgruine Dalburg, die als Stammsitz des Adelsgeschlechtes gilt.

Wertvolle Porträts schmücken den großen Speisesaal. Die Gemälde hängen dem Kastellan zufolge bereits seit 250 Jahre am selben Ort. Sie zeigen hohe kirchliche Würdenträger aus der Adelsfamilie Schönborn. Die Frau des ersten Ostein, der in Dačice lebte, war eine geborene Schönborn.

Karl von Dalberg und seine Frau Charlotte (Foto: Archiv des Nationalen Denkmalschutzamtes)
Der gotische Saal des Schlosses stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern wurde erst 1818 gestaltet. Der damalige Schlossbesitzer Karl von Dalberg wollte das Schloss für seine Frau Charlotte nach seinen Vorstellungen ausschmücken, erzählt der Kastellan:

„Er lud den Wiener Maler Franz Josef Altmann ein, der von einer bekannten Künstlerfamilie aus Dačice abstammte. Er verwandelte diesen Saal in eine Art Gartenhäuschen. Die Wände sind mit Landschaftsmalereien geschmückt. Der Saal diente aller Wahrscheinlichkeit nach als so genannte ´Sala Terrena´ - also Wintergarten, in dem man Kaffee trinken konnte, wenn draußen schlechtes Wetter war. Ursprünglich war der Raum viel heller. Auf der Stirnwand sind noch die Umrisse eines Fensters zu sehen, das damals viel größer war als die jetzigen Fenster. Aber 1830 erhielten alle Fenster auf dieser Seite beim großen Umbau des Schlosses dieselbe Größe. Deswegen wurde auch das große Fenster in diesem gotischen Salon durch kleinere ersetzt. Leider wurden dabei auch die Wandmalereien übermalt. Erst 2007 konnten sie wieder entdeckt und in Stand gesetzt werden. Der gotische Saal wird heutzutage als Zeremoniensaal genutzt, zum Beispiel werden hier Hochzeiten gefeiert.“

Schloss Dačice (Foto: Martina Schneibergová)
Die Führung durch die neu gestaltete erste Etage des Schlosses Dačice werden wir in der nächsten Ausgabe des Reiselands Tschechien fortsetzen. Das Schloss ist im April nur an Wochenenden geöffnet, und zwar von 10 bis 16 Uhr. Vom Mai bis September ist das Schloss aber dann täglich außer montags zugänglich, und zwar im Mai und im September von 10 bis 17 Uhr, von Juni bis August von 10 bis 18 Uhr.

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