Schloss Dačice – früher Kupka und die schönste Treppe Mährens

Schloss Dačice (Foto: Martina Schneibergová)

Nach der Winterpause sind die meisten Burgen und Schlösser im April wieder geöffnet worden. In der vergangenen Ausgabe der Sendereihe „Reiseland Tschechien“ haben wir Ihnen Schloss Dačice vorgestellt, dort sind seit dieser Saison einige neu gestaltete prunkvolle Säle zugänglich. Die Führung durch die einstige Residenz der Adelsfamilie Dalberg werden wir nun fortsetzen.

Schloss Dačice (Foto: Martina Schneibergová)
Die Adelsfamilie Dalberg kam Anfang des 19. Jahrhunderts nach Dačice. Dies sei teilweise wegen der Napoleonischen Kriege geschehen, erläutert der Kastellan des Schlosses, Jan Mikeš. Geerbte Besitzungen ermöglichten den Dalbergs, aus dem Rheinland, wo ständig gekämpft wurde, in ruhigere Regionen überzusiedeln:

„Die Familie verlor einen Teil ihres Eigentums, den die Franzosen beschlagnahmt hatten. Man kann sagen, dass die Dalbergs zudem ihre Heimat verloren. Sie waren übrigens nicht die einzige Adelsfamilie, die vor Napoleon flüchtete. In unserem Schloss sind aus dem Grund viele Bilder zu sehen, die an die Napoleonischen Kriege erinnern.“

Foto: Martina Schneibergová
Wir sind im Erdgeschoss des Schlosses, der Kastellan führt durch die Renaissancearkaden. In den Glasschränken der Arkaden sind Minerale aus den naturwissenschaftlichen Sammlungen von Friedrich Ferdinand Dalberg ausgestellt. Sein Vater Karl war der erste Dalberg, der sich in Dačice niederließ, nachdem er das Schloss samt weiteren Besitzungen geerbt hatte. Friedrich Ferdinand Dalberg studierte in Würzburg Jura. Nach dem Studium lebte er abwechselnd in Wien und in Dačice. Dalberg war zu seiner Zeit ein anerkannter Naturwissenschaftler, insbesondere wurden seine Erkenntnisse im Bereich der Ornithologie geschätzt.

„Er besaß unter anderem eine Sammlung von 554 ausgestopften Vögeln. Diese war damals im ganzen Schloss verteilt. Gleich nach Dalbergs Tod schenkte die Familie die Sammlung dem Regionalmuseum in Jihlava / Iglau. Deswegen ist die Sammlung erhalten geblieben. Sie war eine der größten Privatsammlungen ausgestopfter Vögel im 19. Jahrhundert und umfasste auch einige inzwischen ausgestorbene Vogelarten. Über seine Sammlung wurde sogar ein Buch geschrieben.“

Treppenhaushalle (Foto: Martina Schneibergová)
Aus den Arkaden im Erdgeschoss kommt man in das geräumige Treppenhaus. Es ist eine monumentale Halle, sie entstand beim klassizistischen Umbau des Schlosses Anfang der 1830er Jahre. Die Halle wurde von Architekt Karl Schleps erbaut.

„Die Treppenhaushalle galt damals sogar als einer der schönsten Bauten in Mähren. So wurde sie 1842 vom mährischen Historiografen Gregor Wolny beschrieben. Aus architektonischer Sicht ist die Treppe bewundernswert, da sie fast in der Luft schwebt. Ansonsten steht in der Halle auch ein Denkmal für Friedrich Ostein-Dalberg. Dieser ältere Bruder von Karl Dalberg starb im Alter von 26 Jahren, wahrscheinlich an den Folgen einer Verletzung, die er während der Kämpfe gegen Napoleon erlitten hatte. Seine Büste ist das einzige erhaltene Portrait von Friedrich. Das Denkmal schuf der Wiener Hofbildhauer Leopold Kiesling erst einige Jahre nach Friedrichs Tod. Als Vorlage nutzte der Bildhauer damals die Totenmaske des Grafen. Wir haben diese Totenmaske erst vor kurzem zufälligerweise im Schloss gefunden. Sie wird hier auch bald ausgestellt.“

Denkmal Dalbergs von Leopold Kiesling (Foto: Martina Schneibergová)
Die Treppe führt aus der Halle hinauf in die erste Etage und zum Appartement des renommierten Naturwissenschaftlers Friedrich Ferdinand Dalberg. Einige im Vorzimmer platzierte ausgestopfte Vögel sollen an die große ornithologische Sammlung des Grafen erinnern. Dalberg lebte in dem Appartement bis zu seinem Tod im Jahre 1908. Seine zwei Söhne waren zerstritten, erzählt der Kastellan:

„Aus dem Grund wurde damals ein sehr ausführliches Inventarverzeichnis erstellt. Zudem wurden mehrere Fotos des Interieurs gemacht. Nach 100 Jahren haben sie uns als wichtige Dokumente gedient bei der Umgestaltung der Räume in dieser Etage. Denn noch vor fünf Jahren befand sich hier nur eine Ausstellung von Empire-Möbeln. Mittlerweile sieht man hier auch wieder die ursprünglichen Tapeten. Anhand des Inventarverzeichnisses haben wir versucht, die Räume wieder so einzurichten, wie sie vor etwa 100 Jahren ausgesehen haben.“

František Kupka: Therese Dalberg (Foto: Archiv des Nationalen Denkmalschutzamtes)
Der größte Raum des Appartements ist das Arbeitszimmer von Friedrich Ferdinand Dalberg. Es wirkt sehr authentisch, da der Tisch voll von Familienfotos und kleinen Alltagsgegenständen ist. Dem Kastellan zufolge ist der Großteil der Korrespondenz zwischen Dalberg und seiner Frau Kunigunde erhalten geblieben. Wenn er auf Reisen war, schrieb er seiner Frau angeblich jeden Tag einen Brief. Das jüngste Kind der Dalbergs war Tochter Therese, die 1866 geboren wurde:

„Sie war eine sehr begabte Dichterin. Therese war aber oft krank, später war sie halb gelähmt und verbrachte den Großteil ihres Lebens im Rollstuhl. Sie starb im Alter von 27 Jahren an Tuberkulose. Nach ihrem Tod ließ der Vater einen ihrer Gedichtbände herausgeben. Die Dichterin war im regen Briefkontakt mit dem anerkannten tschechischen Dichter Otokar Březina gewesen, der Thereses Poesie sehr lobte. Vater Dalberg ließ nach Thereses Tod noch ein Porträt von ihr machen, und zwar beim damals jungen Maler František Kupka, dieser studierte zu der Zeit in Wien. Kupka malte das Porträt nach einem Foto. Das Gemälde, das hier hängt, ist eines von Kupkas frühesten Werken.“

Kleine Bibliothek (Foto: Martina Schneibergová)
Aus dem Appartement kommt man in die „Kleine Bibliothek“, in der rund 7000 Bände aufbewahrt sind. In dem Raum können sich die Besucher eine Vorstellung davon machen, wie das Innere des Schlosses nach dem Umbau der Residenz in den 1830er Jahren aussah, erzählt Jan Mikeš.

„Die Möbel stammen aus dem Jahr 1830, genauso wie die Malereien an Decke und Wänden. So sah ungefähr das ganze Schloss zu Karl Dalbergs Zeiten aus, mit dekorativen Malereien und einfachen Biedermeier-Möbeln.“

Beim Umbau des Schlosses in den 1830er Jahren entwarf Architekt Karl Schleps die zentralen Gesellschaftsräume in der ersten Etage als zwei identische Säle, die nur durch eine Tür getrennt waren. Wenn man die Tür öffnete, entstand ein großer Salon daraus.

Bibliothek (Foto: Martina Schneibergová)
„1909 erbte der Sohn des Ornithologen Dalberg das Schloss. Den Sohn nennen wir Friedrich Egbert – das sind aber nur zwei von den vielen Vornamen, die er hatte. Er ließ die Decke des Großen Salons neu ausmalen und eine Zentralheizung sowie Spültoiletten und eine neue Wasserleitung im Schloss einrichten. Friedrich Egbert konnte sich über das neu gestaltete und modernisierte Schloss nicht lange freuen. Er starb 1914 - kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.“

Als ein Juwel des Schlosses gilt die von Friedrich Egbert gegründete Bibliothek. Der Kastellan:

„Die Bibliothek wurde nach den Entwürfen des jungen Architekten Hans Prutscher errichtet. Sein ins Holz geschnitztes Porträt ist auf einer der Seitensäulen der Bücherregale zu sehen. Die Bibliothek umfasst fast 17.000 Bände. Es handelt sich um Bücher, die Generationen von Osteins und Dalbergs gesammelt haben. Jede Generation konzentrierte sich meistens auf einen Fachbereich. Ganz oben gibt es beispielsweise naturwissenschaftliche Bücher, die Ferdinand Friedrich Dalberg gehörten. Unten werden Reiseberichte und kunsthistorische Bände aufbewahrt, die Friedrich Egbert sammelte. Man findet hier Bücher in insgesamt 26 Sprachen, nur zwölf Bücher sind tschechisch geschrieben. Die Dalbergs konnten Tschechisch, aber gelesen haben sie vor allem Deutsch, Französisch oder Englisch.“

Foto: Martina Schneibergová
Die Säulen an den Seiten der Bücherregale sind mit vielen holzgeschnitzten Köpfen geschmückt. Sie stellen bekannte Persönlichkeiten dar – wie Kaiser Franz Josef I., Thomas Alva Edison oder den Polarforscher Robert Edwin Peary.

Aus der Bibliothek geht es weiter ins Boudoir der Baronin. Die weißen Möbel erinnern an den Stil Ludwigs XVI.. Der Raum diente den Damen auch zu kleinen gesellschaftlichen Treffen. Ein weiterer Saal ist in den historischen Inventarverzeichnissen als „Sitzzimmer“ bezeichnet. Er ist wiederum mit zahlreichen Bücherschränken eingerichtet. Die Tür ist hinter einem orientalischen Teppich versteckt, den der reiselustige Friedrich Egbert Dalberg höchstwahrscheinlich von seiner Palästina-Reise mitgebracht hatte.

Foto: Martina Schneibergová
„Er reiste Ende der 1880er Jahre nach Palästina und schrieb einen ausführlichen Reisebericht darüber, der bei Leo Werle in Leipzig erschien. Das Buch ist in der Bibliothek ausgestellt. Friedrich Egbert war wirklich ein hoch gebildeter Ethnologe, kein Laie.“

Dalberg kannte sich auch in den Volkstrachten aus. Im „Sitzzimmer“ sind daher auch einige Volkstrachtenpuppen aus Galizien und anderen Regionen zu sehen. Mehrere Volkskunstgegenstände – wie bunt bemalte Teller oder ländliche Keramik - schmücken den Speisesaal der Dahlbergs, der im schlichten bäuerlichen Stil eingerichtet ist.

Denkmal der Erfindung des Würfelzuckers (Foto: Martina Schneibergová)
Die Führung durch das Schloss endet mit der Besichtigung des Damenappartements. Im Schlossareal ist zudem ein kleines Stadtmuseum von Dačice untergebracht, in dem vor allem die Erfindung des Würfelzuckers in der Zuckerfabrik des Ortes ausführlich dokumentiert ist. Zugänglich ist zudem die Schlosskapelle, in die derselbe Eingang führt wie ins Museum.

Schloss Dačice ist im April nur an Wochenenden geöffnet, und zwar von 10 bis 16 Uhr. Vom Mai bis September ist das Schloss aber dann täglich außer montags zugänglich, und zwar im Mai und im September von 10 bis 17 Uhr, von Juni bis August von 10 bis 18 Uhr.

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