Schulreform in Tschechien: Schüler sollen mit der Welt Schritt halten können

Dass die Welt sich dreht, weiß seit mehreren Jahrhunderten jedes Schulkind. Dass sie sich immer schneller dreht, für die, die in ihr Leben und zurechtkommen wollen und dass viele das Tempo einfach nicht mehr halten können, das ist eine Erkenntnis vielleicht der zwei letzten Jahrzehnte. Eine Schulreform, die seit einigen Jahren vorbereitet wurde und wird, soll das Übel an der Wurzel packen. Sie hält heute Einzug in die Schulwirklichkeit der tschechischen Grundschulen.

Martin Sevcik ist Direktor der Prager Grundschule in der Londynska-Straße. Seine Schule war in den letzten Jahren Pilotschule bei der Entwicklung eines eigenen Schulprogramms, das die Schüler auf eine sich schneller drehende Welt vorbereiten soll:

"Wir müssen alle fähig sein uns den neuen Bedingungen anzupassen. Wir brauchen Mechanismen, wie wir uns Informationen beschaffen und wie wir sie für unser Leben nutzbar machen."

Was bedeutet das für den Unterricht? Die Grundschüler werden nicht mehr eine Stunde Physik und danach eine Stunde Chemie oder Bio haben, sondern das Fach "Der Mensch und die Natur". Das gilt auch für Gesellschaftswissenschaften, wie Martin Sevcik erklärt:

"Die Fächerintegration sieht konkret so aus: Es gibt jetzt das neue Fach ´Der Mensch und die Gesellschaft´ und dabei handelt es sich um Themen, die miteinander zusammenhängen, zum Beispiel aus den Fächern Geschichte und Erdkunde. Sie werden jetzt zusammen unterrichtet. Denn, warum sollten wir nicht Parallelen zur heutigen europäischen Staatenordnung suchen, wenn wir das antike Rom durchnehmen. Das ist für die Kinder wesentlich interessanter, weil sie selbst Erfahrungen damit haben. Viele waren auch zum Beispiel schon in Italien oder am Mittelmeer."

Foto: Archiv ČRo 7
Ziel der Reform ist es, dass Schüler die Fähigkeit erhalten, sich zu orientieren und sich selbständig das Wissen anzueignen, das sie gerade brauchen. Martin Sevcik erinnert sich an seinen eigenen Erdkundeunterricht zur kommunistischen Zeit, bei dem es hingegen um das sture Aneignen von Fakten ging:

"Meine Lehrerin hat uns damals beigebracht, dass es in der Stadt Gottwaldov Schuhindustrie gibt. Das musste ich dann lernen, wir konnten das alle hübsch aufsagen und ich weiß es heute noch. Aber dieses faktografische Wissen kann ich nicht gebrauchen. Denn: heute finde ich die Stadt Gottwaldov nicht mehr auf der Karte. Aber wenn ich dann herausgefunden haben sollte, dass die Stadt heute wieder Zlin heißt, dann werde ich dort keine Schuhindustrie mehr suchen, weil sie dort kaum noch von Bedeutung ist. Die industrielle Infrastruktur setzt sich heute anders zusammen. Was soll ich mit dem Wissen noch anfangen. Ich brauche also solche Fähigkeiten, dass ich mich in den neuen Bedingungen und Gegebenheiten orientieren kann."

Gehört das Büffeln von Zahlen, Daten und Namen in der tschechischen Schule der Zukunft also der Vergangenheit an? Martin Sevcik:

"Faktografisches Wissen ist nötig, aber nur als Mittel zum Zweck."