Schweizer Bürgergesellschaft als Beispiel

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Während seiner zweitägigen Reise in die Schweiz sprach der tschechische Präsident Vaclav Havel vor allem mit seinem Kollegen Moritz Leuenberger. Statt bilateralen Fragen haben sie sich in ihren Diskussionen mehr der Reform der Staatsverwaltung und der Verantwortung aller Länder für den aktuellen Zustand der Welt gewidmet. Dagmar Keberlova war in der Schweiz mit dabei.

Die Schweizer Bürgergesellschaft könne ein Beispiel sein, vor allem was die Organisation der öffentlichen Selbstverwaltung betrifft, sagte der tschechische Präsident zum Abschluss seiner Reise:

"Die Bürgergesellschaft hat mehrere Pfeiler. Einer ist die Selbstverwaltung, und diese ist, wie wir wissen, in der Schweiz sehr ausgeprägt. Ein weiterer sind die Non-Profit-Organisationen, an die der Staat gewisse Pflichten delegiert."

Von großer Bedeutung sei ebenfalls das Vereins- und Verbandswesen, das einen Hintergrund des Gemeinschaftslebens schaffe, auf das sich sowohl die Politik als auch die öffentliche Verwaltung stütze. Die Schweiz gehöre Präsident Havel zufolge zu Ländern, in denen sich die Menschen in verschiedensten Verbänden sehr engagieren. Er sieht auch einen Zusammenhang zwischen dem Schweizer Wohlstand und der Bürgergesellschaft. Am zweiten Tag des offiziellen Staatsbesuchs traf das tschechische Staatsoberhaupt auch mit den in der Schweiz lebenden Emigranten zusammen. In diesem Zusammenhang äußerte Havel seine Überzeugung, dass auch diese Bürger über das Wahlrecht verfügen sollten:

"Ich meine, dass sie das Wahlrecht haben sollten. In einem gewissen Maße haben sie es schon. Ob man es noch so ausdehnen kann, dass es tatsächlich umsetzbar wäre, bleibt jedoch die Frage."

Dem tschechischen Staatsoberhaupt zufolge verdienen diese Menschen das Wahlrecht auch deshalb, weil sie ihrem Land im Ausland sehr viel helfen.

Vaclav Havel traf am Freitag in Luzern des weiteren mit Vertretern des Kantons der Stadt und der Universität zusammen. Hauptthema der Gespräche war die föderative Staatenstruktur und die Verwaltung. In diesem Zusammenhang äußerte Vaclav Havel seine Ansicht, dass eine vielfältig strukturierte Bürgergesellschaft, deren unabdingbarer Teil eine starke Selbstverwaltung und regionale Verwaltung sind, die beste Sicherung der politischen Stabilität sei. Der tschechische Präsident hat in Begleitung des Präsidenten Leuenberger und der Stadtvertreter die Stadt Luzern besichtigt und besuchte auch das Kultur- und Kongresszentrum, dass er 1998 feierlich hätte eröffnen sollen. Damals vertrat ihn aber seine Frau Dagmar, da er sich gerade von einer Operation erholen musste.

Vaclav Havel auf der Rütliwiese
Am Freitagnachmittag nahm Vaclav Havel an einer Rundfahrt auf dem Vierwaldstätter See teil und besuchte auf seinen Wunsch die unweit gelegene Rütliwiese, wo die Idee zur Gründung der Schweizer Konföderation geboren wurde. Der Schweizer Präsident wollte ursprünglich die Rütliwiese nicht besuchen, da es seiner Ansicht nach für eine Schweiz stand, die sich abschlissest und alte Mythen konserviert. Doch er habe mit Vaclav Havel eine neue Bedeutung finden können:

"Ich habe das Rütli auch in ihrer Heimat gefunden, lieber Vaclav Havel. Beim Rütli-Schwur sowie bei der Charta 77 sind drei Individuen im Mittelpunkt gestanden, welche sich gegen ungerechten und übermächtigen Strukturen auflehnten. Die drei Eidgenossen kämpften für den sozialen Frieden und ihre Freiheit von einem Reichsverband. Die Charta 77 kämpfte für die Menschenrechte und die Freiheit innerhalb eines totalitären Systems. Beide vorbereiteten im Rahmen der jeweiligen Verhältnisse den Weg für den Sieg der Freiheit des Individuums und der Demokratie. Das Rütli ist ein Symbol für alle, die Freiheit und Frieden für alle Menschen wollen. Vaclav Havel, Sie haben mir das Rütli zurückgegeben."