Schwejk und Europa - Dušan David Pařízek über seine neue Inszenierung

Foto: Archiv Studio Hrdinů

Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek präsentiert mit einem internationalen Team von Schauspielern einen neuen Blick auf die tschechische Kultfigur Schwejk. Seine Inszenierung, „Der Fall Švejk“, wird in Wien, Prag und Bremen zu sehen sein. Ein Interview mit dem Regisseur über Hintergründe und Anliegen des Projektes.

Dušan David Pařízek  (Foto: ČTK)
Herr Pařízek, Sie inszenieren für die Wiener Festwochen eine Adaption von Hašeks Roman „Der brave Soldat Schwejk“. Warum ist diese Geschichte über einen Soldaten im Ersten Weltkrieg heute relevant und aktuell?

„Jaroslav Hašek ist es vor fast hundert Jahren gelungen, das Mitläufertum als kulturelles Axiom zu untersuchen. Er hat sich auch mit weiteren ganz ernsthaften Fragestellungen auseinandergesetzt. Das hat damit zu tun, dass er als Soldat den Ersten Weltkrieg miterlebt hat. Er hat sich mit dem Fremdenhass und dem Militarismus auseinandergesetzt, er hat mit sich dem Versuch von politischen Systemen, irgendwie ihren ganzen Glanz aufrecht zu erhalten – durch ein unglaublich ausgearbeitetes bürokratisches System – auseinandergesetzt. Und er hat dadurch ein ganz spannendes Panorama dieser großen Zeitenwende geschaffen, dieses großen Sündenfalls, der der Erste Weltkrieg war und der in dieses Jahrhundert der Kriege und Weltkriege mündete. Ich glaube, dass man sich mit diesem wichtigsten tschechischen Beitrag zu diesem Thema immer wieder auseinandersetzen kann.“

Ausgabe des Romans mit Illustrierungen von Josef Lada
Was ist das Besondere an der Wirkungsgeschichte des Romans?

„Es gehört mit zum Faszinierendsten, dass schon die Erstausgabe durch die Illustrierungen, die Josef Lada geschaffen hat, ganz konkrete Bilder transportiert hat. Man hat so ein folkloristisches Bild der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit vor Augen. Die wenigsten Leute haben tatsächlich den ganzen Roman gelesen, man erzählt sich von dieser Figur etwas, man glaubt sie zu kennen, aber man hat sich nicht wirklich mit dem Stoff, mit den ganz grundsätzlichen Fragestellungen auseinandergesetzt. Und quasi hinter diesen Vorhang zu blicken, und mal nicht nur das, was tradiert ist, wiederzukäuen, sondern zu überprüfen, was in diesen Geschichten wirklich steckt, was sie über Europa, das immer noch in vielen Fällen seine eigene Geschichte und die gleichen Fehler wiederholt, erzählt, das ist eine lohnende Auseinandersetzung.“

Sie lesen die Geschichte des braven Soldaten also nicht nur als Kritik der österreichisch-ungarischen Monarchie, sondern auch als Kritik am gegenwärtigen Europa?

Foto: Archiv Studio Hrdinů
„Ich glaube, es ist kein Zufall, dass auf diesen Ersten Weltkrieg ein zweiter folgte. Es ist leider auch kein Zufall, dass man glaubte, dass auf diese Art und Weise nie wieder Krieg geführt werden würde. Europa und das, was sich vor nicht allzu langer Zeit im ehemaligen Jugoslawien ereignet hat, hat uns alle eines Besseren belehrt. Wir dachten, das kann sich nicht ein weiteres Mal wiederholen. Was sich jetzt gerade in der Ukraine tut, zeigt uns, dass diese Geschichte noch längst nicht abgeschlossen ist. Wir müssen uns permanent mit unserer Geschichte befassen, damit wir nicht die gleichen Fehler wiederholen. Und ich glaube, dass da in Jaroslav Hašeks Roman eine Art Vermächtnis ist. Er hat eine Art kulturelles Axiom beschrieben, das Europa auf eine ganz besondere Art und Weise ausmacht: diese Angst vor Überfremdung, die Xenophobie auf der einen Seite, den Militarismus auf einer anderen Seite, aber auch das Mitläufertum, das dazugehört, das uns alle in verschiedenen politischen Systemen in verschiedenen Zeiten als Bürger von verschiedenen Staaten einigermaßen funktionieren ließ, die dann wieder einige Jahre später in sich zusammenbrachen. Das alles hat er in dieser Geschichte damals schon angedacht, und ich glaube, dass das jetzt nach wie vor aktuell ist.“

Jaroslav Hašek
Schweik ist immer wieder Gegenstand von Filmen und Theaterstücken. Was macht den spezifischen Wert Ihrer Adaption aus?

„Ich glaube man muss, wenn man das heutzutage erzählen will, diese Bilder, die wir alle mit dieser Geschichte und ihren Grundmetaphern assoziieren – ein Mensch, der sich benimmt wie ein Idiot und auf eine unfassbar direkte Art und Weise Wahrheiten absondert – überwinden. Man muss unter die Oberfläche dieser Metapher dringen. Man darf sich nicht nur mit dieser Figur in diesem nicht gut sitzenden Militärmantel, mit dieser Mütze, mit dieser roten Nase beschäftigen, die Josef Lada gezeichnet hat, Sie müssen weiter. Man muss einfach nur die Menschen, die mit ihm zu tun haben und zu tun hatten, die sich mit seinem Fall auseinandersetzen, ganz konkret über ihre Konflikte, über ihre Beziehungen zu ihm, über ihre ganzen Vorbehalte und Vorurteile so offen wie möglich sprechen lassen. Und wenn man dann all das, was die Figuren beizutragen haben, auf sich wirken lässt, dann wird ein Bild von Jaroslav Hašeks Figur Josef Schwejk in den Köpfen der Zuschauer entstehen.“

Schwejk  (Foto: Jirka.h23,  Wikimedia CC BY-SA 4.0)
Hašeks Figuren sind oft Archetypen von Menschen: Schwejk ist der klassische Mitläufer. Welche anderen Figuren, welche anderen Menschentypen interessieren Sie und versuchen Sie in Ihrer Inszenierung zu zeigen?

„Wir haben in einem General, die Figur nennen wir Fink, im Prinzip den Militarismus und das Gewaltpotential einer großen Monarchie zusammengefasst. Das Ganze wird konterkariert durch eine weitere österreichische Figur, den Kadetten Biegler, der in unserer Fassung den ganzen bürokratischen Apparat repräsentiert, der eine solche Vielvölkermonarchie zusammengehalten hat. Wir haben uns für einige tschechische Einzelschicksale entschieden, die zum Teil auf eine andere Art und Weise das Mitläufertum porträtieren: Das ist der Rechnungsfeldwebel Vaněk, der es schafft, sich immer und unter allen Umständen irgendwie durchzuschlagen und über Wasser zu halten. Dann haben wir den klassischen Kaffeehausintellektuellen und Philosophen, der fantastisch über Gewalt räsonieren und nachdenken kann, sich selbst aber immer ganz bewusst aus Konflikten heraushält. Wir haben eine Tschechin, die gerne Österreicherin wäre, die es schafft, sich in einer männlichen Welt als Oberleutnant durchzusetzen. Es ist eine Welt, in der sie, wie die Männer hin und wieder in unserer Fassung zu verstehen geben, nichts zu suchen hat. Wir haben einen Ungarn, der diesen ganzen Männlichkeitswahn, der hin und wieder in solchen Zeiten in den Vordergrund rückt, offenlegt und es möglich macht zu zeigen, was passiert, wenn man verschiedene Nationalitäten in einem relativ kleinen Raum aufeinanderhetzt.“

Leseprobe des Theaters Studio Hrdinů zu dem Stück „Der Fall Švejk“  (Foto: Offizielle Facebook-Seite von Studio Hrdinů)
In der Inszenierung wird Deutsch, Tschechisch und Ungarisch gesprochen. Wie funktioniert diese Vielsprachigkeit?

„Es funktioniert im Prinzip überhaupt nicht, und gerade deshalb ist das Ganze ein Bild eines Landes, einer Monarchie, die diesen Krieg einfach verlieren musste. Ich finde, es ist ein sehr schönes Bild dafür, dass man Machtinstrumente sehr vorsichtig einsetzen muss und dass man auch die Sprache als Machtinstrument nicht so einfach auf andere Menschen, auf andere Ethnien anwenden kann. Man sieht, wie übergriffig es ist, wenn Österreicher versuchen, einer Tschechin die richtige Aussprache von relativ komplizierten Worten beizubringen. Man sieht, wie kompliziert es ist, wenn sich Tschechen mit Ungarn streiten und das im Beisein von Österreichern tun, weil plötzlich gar nicht mehr klar ist, in welche Sprache gedolmetscht werden soll. Viele Vorbehalte, viele Vorurteile kommen da immer wieder zum Vorschein, viele Spannungen, sehr viel an Konfliktpotential. Und das ist ein ganz entscheidender Motor unserer Arbeit. Es wird wirklich in allen Sprachen gesprochen. Die Amtssprache dieser ganz besonderen Verhandlung, dieser Anhörung, die wir dem Publikum anbieten werden, ist Deutsch. Und alle bemühen sich um diese Amtssprache. Es wird aber immer wieder deutlich, dass das Ganze ein Machtinstrument ist, das den Menschen aufgezwungen wurde. Ich glaube, das ist das Reizvollste, was wir durch diese Inszenierung, durch diese Arbeit an diesem Roman dem Publikum mitteilen können.“

Und das Publikum versteht alles, auch wenn die Zuschauer nicht alle drei Sprachen beherrschen?

„Es müssen nicht alle alles verstehen. Es ist manchmal sogar reizvoll, ein Publikum dazu anzuregen dabei zuzusehen, wie um Kommunikation durch Kommunikation gerungen wird.“


Dušan Pařízeks Inszenierung „Der Fall Švejk“ hat am 11. Juni bei den Wiener Festwochen Premiere, im November wird das Theaterstück außerdem in Prag und Bremen zu sehen sein.

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