Schwieriges Verhältnis zur Heimat: Wie Otakar Božejovský im Schweizer Exil zum erfolgreichen Verleger wurde

Otakar Božejovský wurde 1948 in Prag geboren. Seine Familie entstammte dem Adelsgeschlecht Rawennoff. Božejovský emigrierte 1968 in die Schweiz und gründete dort später den Kinderbuchverlag Bohem Press. Die Publikationen wurden mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht und ebenso Božejovský selbst, der etwa 1988 mit dem Venezianischen Löwen für kulturelle Verdienste der Stadt Venedig geehrt wurde. In Zürich gründete er zudem die Galerie für moderne Kunst, und gerade hat er in Český Krumlov / Krumau den Palác ilustrace (Palast der Illustration) eingeweiht. Otakar Božejovský hat dieses Jahr den Preis Gratias agit des tschechischen Außenministers bekommen, und aus diesem Anlass haben wir ihn zum Gespräch in unser Studio eingeladen.

Herr Božejovský, Sie haben am 26. Juni die Auszeichnung Gratias agit vom tschechischen Außenminister erhalten. Hatte denn Minister Jan Lipavský bei der Übergabe einige persönliche Worte für Sie?

Otakar Božejovský und Jan Lipavský | Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Ja, sicher. Aber ich kann mich nicht erinnern, was er gesagt hat, es tut mir leid. Ich war natürlich aufgeregt, für mich war das eine Ehre. Und ich muss noch dazu sagen, dass ich Herrn Minister Lipavský sehr schätze. Wenn ich den Preis von Václav Klaus bekommen hätte oder von Miloš Zeman, dann wäre ich nicht hingegangen. Aber bei Lipavský schon. Von seiner Ukraine-Politik bin ich ein großer Fan.“

Mit dem Preis Gratias agit werden Menschen ausgezeichnet, die sich im Ausland für den guten Namen Tschechiens verdient machen. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Otakar Božejovský | Foto: Palác ilustrace

„Wissen Sie, ich habe schon so viele Preise bekommen. Das war zehnmal der Preis der Buchmesse in Bologna. Dann der Goldene Venezianische Löwe, das bedeutet mir am meisten. Und nun dieser Preis… Ich habe, sagen wir, nicht gerade eine gute Beziehung zu meiner Heimat, leider. Ich bin Emigrant, Flüchtling wegen der Kommunisten. Ich habe jetzt ein Museum mit den Buchillustrationen in Český Krumlov, und der Preis ist schon dort – in einer Vitrine mit den anderen Preisen. Und ich bin natürlich froh, weil hier habe ich noch keinen Preis bekommen. Hier haben mich die Kommunisten nur rausgeschmissen.“

Sie haben lange, etwa vier Jahrzehnte in der Schweiz gelebt, wohnen jetzt abwechselnd in Prag und in Italien. Wie sehr fühlen Sie sich denn Tschechien, also Ihrer alten Heimat, noch verbunden? Oder wie sehr sind Sie eher ein Weltbürger?

Foto: Archiv von Otakar Božejovský

„Ich bin sicher ein Weltbürger. Meine Bücher sind in 67 Sprachen erschienen. Ich selbst spreche sechs, sieben Sprachen. In Tschechien fühle ich mich nicht wohl, denn hier wird man als Emigrant bestraft. Wenn man noch dazu Erfolg hat, dann ist man verpönt. Denn hier haben alle ein schlechtes Gewissen. In der Schweiz bin ich zu Hause. Ich bin auch Schweizer Bürger und habe eine Schweizerin als Frau.“

Sie sind 1968 emigriert – als Sie 20 Jahre alt waren und die Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten. Warum sind Sie damals gerade in die Schweiz gegangen?

„Ich habe Angst gehabt, dass die Russen weitergehen. Die Schweiz ist ein neutrales Land, immerhin. Von der Schweiz konnte man dann besser nach Amerika flüchten als von Österreich. Denn dort war ich drei oder vier Tage, und dann bin ich weitergezogen in die Schweiz. Eigentlich war es ein Zufall. Als ich den Genfer See mit den Weinbergen gesehen habe und dahinter die Alpen, da habe ich gesagt: Hier bleibe ich.“

Otakar Božejovský | Foto: Palác ilustrace

Und im Exil haben Sie 1973 dann gemeinsam mit Ihrem guten Freund Štěpán Zavřel den Kinderbuchverlag Bohem Press gegründet. Warum gerade ein solches Unternehmen?

„Meine Mutter war Konzertpianistin, und mein Vater war Kunstsammler. Er hatte eine öffentliche Sammlung. Und ich bin einfach mit der Kunst aufgewachsen.“

Und was waren das dann für Kinderbücher, die Sie herausgebracht haben?

„Das waren Bilderbücher. Štěpán Zavřel hat mich dazu überredet, das wir das zusammen machen. Er war damals schon sehr berühmt und hat in Italien gewohnt. Er hat mich also zur Kunst für Kinder überredet. Denn ich wollte Kunst machen, kann aber selbst nicht zeichnen. Aber ich habe es immer sehr geliebt. Und es hat mich reich gemacht, aber ich meine geistig. In der Schweiz hatte ich keinen Fernseher. Fast jeden Abend, wenn ich zu Hause war, habe ich Kunstbücher studiert. Das war einfach mein Hobby. Und jetzt unterrichte ich das in zwei Universitäten in Italien.“

Und welche Erfolge konnten die Publikationen von Bohem Press feiern?

Otakar Božejovský | Foto: Palác ilustrace

„Je nachdem, was Sie meinen. Wir haben natürlich sehr viele Preise bekommen, hatten aber auch hohe Auflagen. Einige Bücher sind dreieinhalb Millionen Mal erschienen. Natürlich in 30 oder 40 Jahren und nicht über Nacht, es war ja kein Harry Potter. Aber wir haben angefangen, wie ich immer sage, mit der Generation Woodstock. Das waren junge Menschen, die haben Bob Dylan oder Joan Baez gehört. Sie wollten kein ‚Hänsel und Gretel‘ oder ‚Rotkäppchen‘, sie wollten etwas anderes. Das erste Buch, das wir herausgebracht haben – das habe ich selbst geschrieben, denn wir hatten damals noch keine Autoren –, war ein Umweltschutzbuch. Das war ein wahnsinniger Erfolg. Und in dieser Richtung hatten wir mehreres, nachher zum Beispiel – das war auch ziemlich revolutionär – über Tod in der Familie. Oder über Drogen. Das hatte einen riesengroßen Erfolg, denn die Politiker hatten auf so etwas gewartet.“

Viele dieser Illustrationen sind jetzt in Český Krumlov zu sehen. Dort haben Sie am letzten Juni-Wochenende ein neues Projekt eingeweiht. In der dortigen historischen Münzstätte, der mincovna, sind nun 800 Original-Illustrationen aus den Kinderbüchern von Bohem Press gelagert. Erzählen Sie uns von dem neuen Palác ilustrace!

Ausstellung von Kinderbuchillustrationen in Český Krumlov; Otakar Božejovský  (rechts) | Foto: Petr Kubát,  Tschechischer Rundfunk

„Zuerst muss ich sagen, dass dies in Europa absolut einmalig ist. Es gibt eine sehr bedeutende Sammlung – und dort haben wir auch Ausstellungen gehabt – in der Nähe von Tokio. Dort haben sie allerdings fast nur japanische Illustratoren. Sie sind sehr gut. Aber nach Europa passen sie nicht, da sind sie ein bisschen fremd. Aber sie sind wunderbar. Ich war dort vor der japanischen Kaiserin eingeladen, das war für uns eine große Ehre. Und dann gibt es eine Sammlung in der Nähe von Boston, sie ist riesengroß. Sie umfasst ungefähr dreimal so viele Illustrationen, als ich sie habe. Aber auch die amerikanischen sind wieder anders als die europäischen. In Europa ist unser Haus in Český Krumlov einmalig. Ich bin natürlich sehr froh über dieses Museum und dass ich endlich für diese Sammlung eine Heimat gefunden habe. Ich habe überhaupt gar nicht gewusst, wie viele Illustrationen ich eigentlich habe. Die ursprüngliche Idee war nicht, etwas zu sammeln. Wenn ein Illustrator kein Geld hat, dann kann man ihm keine Almosen geben. Das wäre eine Beleidigung. Also habe ich dann immer eine oder zwei Illustrationen gekauft. Dann ist es zur Gewohnheit geworden, und ich habe ganze Bücher gekauft. Dann ist es zur Krankheit geworden, und schlussendlich habe ich auch etwas von jenen Illustratoren gekauft, die nicht für uns gearbeitet haben. Ich weiß jetzt nicht, von wie vielen. Aber sie sind aus mehr als 20 Ländern. Sie kamen aus Litauen, Russland, bis hin zu Südafrika. Es waren Engländer, Franzosen, Skandinavier, dann vor allem Leute aus Finnland oder auch Spanien.“

Und die neue Ausstellung in Český Krumlov ist für Kinder frei zugänglich...

„Sie ist aber auch für Erwachsene: Es gibt Leute, die sind total begeistert. Denn wir engagierten Künstler, die ein sehr hohes Niveau hatten. Das wollte ich natürlich. Das war für mich der einzige Weg, einen Verlag machen. Ich habe angefangen mit nichts. Also musste ich die Konkurrenz mit der Qualität schlagen. Es ging nicht anders. Ich bin auch stolz darauf, dass Künstler dabei sind, die bei uns angefangen haben und heute Weltstars sind. Wie zum Beispiel Peter Sís. Er hat bei mir in der Küche gezeichnet, jetzt ist er ein Weltstar in New York. Darunter waren auch Franzosen oder Tschechen, die im Ausland wohnten. Ich bin froh, dass ich ihnen die Möglichkeit gegeben habe. Das ist die eine Sache, und die andere: Ich habe den Verlag nicht wegen des Geldes gehabt. Denn für Geld macht man etwas anderes. Aber ich habe Millionen von Kindern glücklich gemacht. Was wollen Sie mehr? Ich bin also zufrieden.“

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