„Fahr Rad!“ gibt Antwort auf die Frage, warum man sich auf dem Fahrrad froh fühlt

Viele Menschen erinnern sich an das erste Mal, als sie allein Fahrrad gefahren sind. Woran liegt das? Woher kommt die Faszination fürs Fahrrad? Was macht es mit unserem Körper und unseren Gefühlen, mit unseren Wegen durch Landschaften oder Städte? Wie ist die Idee des Fahrrads entstanden? Diese und viele weitere Fragen werden in dem Kinderbuch „Fahr Rad!“ des Schriftstellers Ondřej Buddeus und des Illustrators Jindřich Janíček beantwortet. Der Band wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert und jüngst auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert.

„Wenn es allein ist, wartet es ab und wirkt wie ein schlafendes Tier. Aber wenn du es aufsattelst, hat es plötzlich die Kraft und Lebenslust, die du ihm gibst.“

Die Rede ist vom Fahrrad, dem Verkehrs- und Vergnügungsmittel, um das sich das Buch „Fahr Rad!“ dreht. Es wurde von Ondřej Buddeus verfasst:

Ondřej Buddeus und Jindřich Janíček | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Das Buch zeigt alles, was zur Fahrradkultur dazugehört. Es geht nicht nur um die Maschine selbst, die zwar schön ist, aber mich und Jindra Janíček, meinen Illustrator, hat interessiert, was alles mit dieser Bewegung und mit der Kultur rund um das Fahrrad zusammenhängt. Sehr einfach gesagt, ich habe mir immer die Frage gestellt, warum man sich auf dem Fahrrad froh fühlt. Und das ist vielleicht der Vibe des gesamten Buches und die Frage, die wir beantworten wollten.“

Ein Familienbuch für Homo Ludens

Der Autor Ondřej Buddeus stammt aus Prag, er ist Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer aus dem Deutschen und dem Norwegischen. Er schreibt Texte für Kinder, Prosa und Poesie und unterrichtet unter anderem an der Akademie der bildenden Künste in Prag. Bei seinen Projekten arbeitet er schon seit langem an der Grenze zwischen Literatur und anderen künstlerischen Disziplinen. Und er ist selbst begeisterter Radfahrer:

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Ich liebe das Radfahren. Für mich war das Fahrrad jahrelang eine Enigma. Aber seitdem ich ein Schriftsteller und Akademiker bin, habe ich die Instrumente dieser Berufe eingesetzt, um Fragen zu beantworten. Karl von Drais hat ein Gerät erfunden, das eigentlich nicht nur zur freien Bewegung, sondern auch dem freien Denken dient. Und das in Verbindung mit noch weiteren Elementen, von denen man in dem Buch lesen kann, macht das Radfahren zu dem perfekten Erlebnis.“

„Fahr Rad!“ ist ein Sachbuch, das für Kinder ab 10 Jahren empfohlen wird:

„Es ist ein Familienbuch. Mein Zielpublikum war immer, bei all den Büchern, die ich gemacht habe, der Homo Ludens, also der spielerische Mensch. Und das hängt nicht mit dem Alter zusammen, sondern damit, wie man sich gegenüber der Welt öffnet.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Das Buch erschien 2024, und zwar parallel im deutschen Karl Rauch Verlag und im tschechischen Verlag Paseka. Die Entstehungsgeschichte geht ein paar Jahre zurück.

„Ich habe vor einigen Jahren eine Essay-Sammlung über die Fahrradkultur für Erwachsene gemacht – auch aus dem Grund, dass die Fahrradkultur es in Prag sehr schwer hat. Sie wird sehr häufig negativ politisiert, und ich wollte dem Argumente entgegenstellen. Als dieses Buch veröffentlicht wurde, habe ich festgestellt, dass eigentlich etwas geschrieben wurde, was Überzeugte überzeugen wollte. Bei dem Kinderpublikum habe ich mir gesagt, okay, das ist eine andere Challenge. Da gehe ich jenen entgegen, die eigentlich keine Vormeinung haben und zu dem Thema ganz offen sind. Für mich war das eigentlich viel spannender, als für Erwachsene zu schreiben. Man musste über vieles nochmals und anders nachdenken.“

Foto: Karl Rauch Verlag

Technische Daten, Kulturgeschichte, Stadtplanung

In dem Buch werden technische Angaben und physikalische Prozesse beim Radfahren erläutert. Es wird beschrieben, aus welchen Teilen ein Fahrrad besteht und wie es in Bewegung versetzt wird. Aber auch ein Exkurs in die Geschichte des Radfahrens liegt vor, zudem Erwägungen über die kulturelle Bedeutung des Phänomens bis hin zur Stadtplanung mit Blick auf das Radfahren. Man erfährt aber auch etwa, auf welcher Oberfläche ein Sturz am schlimmsten ist und wo er weniger wehtut. Genannt werden verschiedene Fahrrad- und Radfahrertypen, ebenso wie Sportarten, bei denen Räder zum Einsatz kommen. Der Schauplatz des Buches ist die ganze Welt. Dabei wird aber keine Geschichte erzählt, die sich um eine Hauptfigur drehen würde:

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Üblicherweise gibt es eine Figur bei Kinderbüchern. Aber ich sehe ein Buch lieber als ein Kaleidoskop, einen Spielplatz. Die Geschichte wird durch diverse Sonden erzählt. Der Titel ist teilweise enzyklopädisch, teilweise liegt er dem Comics nahe. Ich habe sehr viele Strategien verwendet, um die Geschichte zu erzählen, um das Thema lebendig zu halten. Das Ganze ist sehr vielfältig, man weiß nie, was auf der weiteren Seite kommt.“

Dabei musste der Autor nach einem Gleichgewicht zwischen dem sachlichen Inhalt und dem Humorvollen und Spannenden suchen:

„Ich würde sagen, man schreibt so, wie man selbst ist. Es darf nicht vergessen werden, dass ein sehr großer Teil in dem Buch durch die Bilder von Jindřich Janíček erzählt wird. Da befinden wir uns hinter den Wörtern. Es gibt sehr viele Episoden, Momente, Situationen, die einfach nicht mit Wörtern benannt werden müssen.“

Retro-Look in gedämpften Farbtönen

Der renommierte Buchillustrator Jindřich Janíček war fast von Anfang an am Entstehungsprozess beteiligt:

Jindřich Janíček und Ondřej Buddeus | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Ondřej hat mich recht früh angesprochen. Irgendwie kannten wir uns, wir haben uns schon vor einiger Zeit auf Festivals getroffen, und so ergab sich das irgendwie logisch. Ich war als erster dabei, als er mit der Idee kam, ein Buch über das Fahrrad zu machen. Ich wusste, wie man Fahrrad fährt, aber sonst nichts darüber. Als er dann einen Vorschlag machte, was ich zeichnen sollte, stellte ich fest, dass ich doch sehr viel über das Fahrrad wusste, und ich fing an, mitzureden.“

Und Janíček ergänzt:

„Da ich vor Augen hatte, dass ich 120 Seiten illustrieren sollte, habe ich mich sehr viel eingemischt, um zeichnen zu können, was mir Spaß macht – damit es keine Kapitel gibt, von denen ich wusste, dass ich sie nicht zeichnen kann oder dass sie mir keinen Spaß machen würden. Das war so ein ganz funktionaler Prozess. Dann haben wir uns für ein Format entschieden, das uns gefiel. Einmal habe ich zufälligerweise einen gelben Hintergrund auf einem Bild verwendet, das gefiel mir, und deshalb ist der Rest des Buches gelb.“

In der Begründung der Jury, die das Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert hat, heißt es:

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„In klarer Sprache und mit gut verständlichem Fachvokabular wird das Fahrrad in seiner komplexen Dinglichkeit und seinem reichen Gebrauchswert begreifbar. Jindřich Janíčeks Illustrationen verleihen dem Buch einen Retro-Look. In gedämpften Gelb-, Orange- und Fliedertönen fangen sie den Facettenreichtum des Themas visuell ein. Atmosphärische Doppelseiten und technisch präzise Detailskizzen sind dabei gekonnt und abwechslungsreich integriert.“

Jindřich Janíček sagt dazu:

„Ich zeichne einfach, wie ich zeichne. Wenn mich also jemand als Retro bezeichnet, kann ich kaum etwas dagegen tun. Ich habe nichts dagegen, aber das ist auch nicht mein großes Ziel. Obwohl ich zugeben muss, dass ich bei meinen Recherchen, beim Sammeln von Bildern und Referenzfotos die alten Aufnahmen besser fand. Wenn jemand in einer Jeansjacke einen Berg in Kalifornien hinunterfährt, sieht das besser aus, als wenn das jemand heute hyperprofessionell auf einem 300.000-Kronen-Bike macht. Wenn jemand ein normales, billiges Fahrrad fährt, sieht das besser aus. Die Art und Weise, wie ich gefiltert habe, was mir an der Kultur gefiel, hat sich wohl in den Zeichnungen niedergeschlagen.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Auf allen Kontinenten

Die Farbgebung des Buches ist nicht gerade üppig. Die gedämpften Gelb-, Orange- und Fliedertöne wurden bereits erwähnt:

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Ich beschäftige mich schon lange mit dem Genre der Familien- und Kinderbücher, eigentlich seit meiner Studienzeit, aber ich habe noch nie ein Buch in allen Farben gemacht oder gedruckt. Jetzt dachten wir, es wäre gut, ein buntes Buch zu haben. Aber es würde die Nutzung einer endlosen Menge von Farben im Computer und im Tablet erfordern, und damit möchte ich absolut nicht anfangen. Der erste Schritt beim Illustrieren des Buches bestand also darin, eine schöne Palette zu erstellen, sie zu begrenzen und dann zu versuchen, die wenigen wiederkehrenden Farben für alle Kapitel zu verwenden.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Janíček war auch für den Satz und die Grafik des Buches verantwortlich. Er wählte nicht nur die einzelnen Bilder aus, sondern gestaltete auch den Fluss des gesamten Buches und entschied, wo ein großes Bild auf einer kompletten Seite und wo hingegen viele kleine Bilder stehen sollen. Manche Kapitel und Themen seien schwierig zu veranschaulichen. Eine Herausforderung sei etwa die Beschreibung der Materialien gewesen, aus denen Fahrräder hergestellt wurden und werden, sagt Janíček. Was hat ihm hingegen besonders Spaß gemacht?

„Die Stadt. Da ich in einer Stadt lebe, die für Radfahrer schrecklich ist, wollte ich, dass dieses Kapitel ein starkes Kapitel wird. Gleichzeitig macht es mir Spaß, Städte zu zeichnen, aber mein Anliegen war es, das Fahrrad als das womöglich beste Verkehrsmittel darzustellen. Ich habe die damit verbundenen Recherchen sehr genossen. Sie führten mich an interessante Orte, von denen ich einiges festgehalten habe. Aber ich will noch etwas ganz anderes hervorheben: Unabhängig davon, was Ondřej schrieb, war es von Anfang an mein Ziel, so viele Länder des Planeten Erde wie möglich zu zeichnen. Das bedeutete, dass ich nach verschiedenen Fotos, Menschen auf Fahrrädern und Rad-Subkulturen auf allen Kontinenten suchen musste. Ich wollte zeigen, dass das Fahrrad universell ist und überall eingesetzt werden kann.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Ein Verkehrsmittel der Zukunft

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Der deutsche Titel enthält den Imperativ „Fahr Rad!“. Die Übertragung aus dem Tschechischen von Lena Dorn wurde von der Jury des Jugendliteraturpreises sehr geschätzt. Im Original heißt der Band „Kolo. Dopravní prostředek budoucnosti.“ („Das Fahrrad. Ein Verkehrsmittel der Zukunft“). Ondřej Buddeus erläutert den Untertitel:

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Sich zu bewegen ist nötig. Und die üblichen Weisen, wie wir das machen, machen sehr wenig Spaß, besonders in der Stadt, wo mehr als die Hälfte der Weltpopulation heutzutage lebt. Wir sehen an Städten wie London, Paris, selbstverständlich Amsterdam, inwieweit die Stadt vermenschlicht, wenn einfach mehr Fahrräder dort fahren, die leiser, ökologischer, gesünder sind und einfach mehr Spaß machen. Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der man auch in der Stadt bei der Bewegung von A nach B einfach ein bisschen Freude haben kann.“

Foto: Karl Rauch Verlag

Dafür ist gerade Prag leider kein gutes Beispiel…

„Prag könnte ein gutes Beispiel sein, ist es aber noch nicht. Prag ist zwar ziemlich hügelig, aber die Hügel sind mit einem Schaltwerk kein Thema. Die Stadt hat das Problem mit der Fahrzeugkultur im öffentlichen Raum. Das verbessert sich sehr langsam. Und die Fahrräder sind eine Weise, wie wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen und mit Respekt und ohne Worte auf der Straße zu kommunizieren.“

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