Selbstbewusstsein oder Selbstüberschätzung? - Junge Politiker in Tschechien
Sie haben häufiger den Ruf von Strebern und Emporkömmlingen, denen es an Lebenserfahrung mangelt – junge Politiker. In Tschechien gibt es recht viele von ihnen. Junge Politiker verursachen in Tschechien schon lange keinen Aufschrei mehr – auch nicht, wenn sie in Spitzenpositionen sind. Politikverdrossenheit in der jungen Generation scheint hier weniger eine Attitüde zu sein als in zum Beispiel in Deutschland. Christian Rühmkorf ist in der jungen Politikerszene auf Stimmenfang gegangen.
Tomáš Strejček hat für die konservativen Bürgerdemokraten, die ODS, kandidiert. Und zwar auf einem Listenplatz, der kaum Aussicht auf Erfolg hatte. Nur, dass die Wahlen für die ODS im Stadtteil Prag 11 sehr gut ausgefallen sind. Tomáš Strejček sah sich mit Anfang 20 von heut auf morgen im Stadtrat. Mit einem Male war er also jemand, der das Leben von rund 90.000 Menschen beeinflussen kann. Er musste feststellen, dass er mit der neuen Funktion auch Verantwortung übernommen hat.
„Freunde und Kommilitonen veräppeln mich natürlich ab und zu, nach dem Motto: Mach dies für uns, mach das für uns. Aber oft man kann wirklich Probleme lösen – wenn auch kleine. Ein Freund meinte neulich, dass schon Ewigkeiten auf seinem täglichen Weg zur Uni ein Teil der Fahrbahnbegrenzung kaputt ist und fragte ob ich da nicht etwas unternehmen könnte.“Er konnte: „Ich sitze im Verkehrsausschuss und habe meinem Freund versprochen, das auf der nächsten Sitzung anzusprechen. Das habe ich getan und das Problem wurde gelöst. Ich versuche zu tun, was ich kann.“
Tomáš Strejček hat keine größeren politischen Ambitionen. Er möchte das machen, wovon er etwas versteht und das sind kommunale Probleme. Aber was sagt er den Leuten, die meinen, dass junge Leute in der Politik nichts zu suchen haben.
„Egal, ob es sich um irgendeinen jungen Minister oder irgendeinen anderen Politiker handelt, man sollte die Personen individuell beurteilen. Das heißt: Nicht alle in einen Topf schmeißen! Wenn man weiß, dass sich dieser junge Mensch schon ausgiebig und lange mit bestimmten Problemen befasst hat und entsprechend ausgebildet ist, dann gibt es keinen Grund, prinzipiell den Älteren den Vorzug zu geben.“
Petr Dolínek ist mit 17 der erste stellvertretende Vorsitzende der CSSD-nahen Organisation „Junge Sozialdemokraten“ in Prag gewesen. Andere spielen in seinem Alter Fußball spielen oder machen ihre ersten Disko-Erfahrungen.
„Als ich auf dem Gymnasium in der neunten, zehnten Klasse war, hab ich eben angefangen mich mehr damit zu beschäftigen. Dazu gebracht hat mich die Prager Veranstaltung von „Modell UN“, wo ich gemerkt habe, dass mir das Diskutieren mit anderen über politische Dinge Spaß macht.“
Das „Modell UN“ ist eine Simulation der Vereinten Nationen. Sicherheitsrat, Generalversammlung und die einzelnen Kommissionen werden hier nachgestellt. Die Schüler vertreten dabei ein bestimmtes Land auf der Welt und bereiten sich darauf intensiv vor. Eine Art Rollenspiel also, das im Falle von Petr Dolínek Folgen hatte:
Heute ist Petr Dolínek Chef der „Jungen Sozialdemokraten“. Zehn Jahre Politikerfahrung, dass klingt aus dem Munde eines jungen Menschen in der Tat eigenartig. Die Chancen, von der kleinen Politik in die große aufzusteigen, sind dabei gar nicht mal schlecht. Bei den „Jungen Sozialdemokraten“ haben zum Beispiel auch der ehemalige Premier Stanislav Gross und der heutige stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokraten, Bohuslav Sobotka, ihre Karriere gestartet. Gross war mit 31 Jahren Innenminister und mit 34 Regierungschef – der jüngste in der Geschichte des Landes. Steil war auch die Karriereleiter bei Bohuslav Sobotka, der mit 31 vom Parlament in das Finanzministerium hinüberwechselte und so vier Jahre eine Schlüsselfunktion innerhalb der Regierung besetzte. In Tschechien werden die Karrieren schnell geschmiedet, solang das Eisen noch heiß ist, könnte man sagen. Und das gilt für alle möglichen Bereiche – ob in der Wirtschaft, in den Medien oder eben in der Politik.
Der jüngste Fall eines jungen Politikers in hoher Position ist Ondřej Liška. Vor gut einem Monat ist der Grünenpolitiker zum Schulminister ernannt worden. Er ist 30 Jahre alt. Wenige Tage vor seiner Ernennung hatte ich mit ihm gesprochen – auch über sein Alter:
Herr Liška, Sie sind erst 30 Jahre alt. Dem Präsidenten Václav Klaus würde deshalb die Hand bei der Unterschrift unter Ihre Ernennung zittern, wie er sagte…
„Man könnte es sicher als freche Haltung ansehen, zu glauben fähig zu sein, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich bin kein Neuling in der Politik. Ich habe auf der Kommunalebene, aber auch auf der europäischen Ebene im Europaparlament lange Jahre gearbeitet. Ohne ein gutes Team von Mitarbeitern kann kein Minister seine Aufgabe schaffen. Ich habe – das hat der Premierminister klar gesagt – sein Vetrauen, was die Fähigkeit angeht, politische Entscheidung zu treffen. Ich bin 30 Jahre alt, abe es war doch Vaclav Klaus als Premier, der in seiner Regierung Herrn Pilip als Minister nominiert hat, der auch 30 Jahre alt war. Es gibt Richter, die 30 Jahre alt sind, die er als Präsident ernennt. Und es gab auch schon jüngere Minister, die in der Vergangenheit nominiert und ernannt wurden. Das ist also nicht Neues und es sollte auf keinen Fall das wichtigste Parameter sein für eine Beurteilung meiner Fähigkeiten, diese Aufgabe zu bewältigen.“
Die Schüler an den Gymnasien, Mittelschulen und Grundschulen, können die sich auf Sie freuen, Herr Liška?„Ich hoffe schon! Ich habe natürlich die vielen Äußerungen der Bildungswissenschaftler und Akademiker verfolgt, als sie meinen Namen gehört haben. Und die waren durchaus sehr positiv. Viele haben auf die Reaktion von Präsident Klaus hin gesagt, dass mein Alter nicht ein Nachteil, sondern ein Vorteil sein könnte. Ich will den Vorteil meines Alters auch dazu nutzen, eine moderne Sprache zu sprechen und einen besseren Kontakt nicht nur zu den Studenten und den Schülern, sondern auch zur Öffentlichkeit zu finden - in Sachen Schulwesen.“
Es gehören sicher Mut und Selbstbewusst – in manchen Fällen auch Selbstüberschätzung – dazu, sich blutjung in Spitzenpositionen der Politik vorzuwagen. Aber es erfordert auch flexibles und unkonventionelles Denken seitens der Gesellschaft. Und das scheint es – jedenfalls jetzt, 18 Jahre nach der Samtenen Revolution – in Tschechien noch zu geben.







