September 1938

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Jetzt erwartet Sie Katrin Bock bei einem neuen Kapitel aus der tschechischen Geschichte, diesmal über die Ereignisse des Septembers 1938.

Deutsche Besetzung der Sudetengebiete, Oktober 1938 (Foto: Wikimedia Commons / PD)
Vor 63 Jahren, im September 1938, schien Europa am Abgrund eines neuen Krieges zu stehen. Gespannt blickte alle Welt nach Prag und Berlin: würde die Sudetenkrise ohne Blutvergiessen gelöst werden oder ein neuer Krieg beginnen. Hitler hatte seine Forderung nach dem Anschluss der überwiegend von Deutschen besiedelten Grenzgebiete der Tschechoslowakei auf dem Parteitag der NSDAP am 12. September unmissverständlich formuliert. Grosse Teile der Sudetendeutschen äusserten ihren Wunsch, Bestandteil des Deutschen Reiches zu werden, immer lauter und agressiver. Eine Abtretung der Grenzgebiete kam für Prag schon allein aus strategischen Gründen nicht in Frage. Die diplomatischen Drähte in Europa liefen zu jener Zeit heiss. Die europäischen Länder bereiteten sich im Herbst 1938 bereits auf einen neuen Krieg vor. Doch in letzter Sekunde, am 30. September 1938, schien das schlimmste vermieden zu sein: die vier europäischen Grossmächte Deutschland, Grossbritanien, Frankreich und Italien unterzeichneten das Münchner Abkommen. Die Tschechoslowakei aber war zu jenen Verhandlungen nicht eingeladen.

William Shirer im Studio 1940
Einer der diese ereignisreichen Wochen vor Ort miterlebte, war der Korrespondent der amerikanischen Rundfunkstation CBS- Columbia Broadcasting System, William Shirer. Einige seiner Reportagen, die er telefonisch in die USA vermittelte, sind erhalten. Sie stellen ein einmaliges Bild der damaligen Zeit dar, da Shirer alles direkt erlebte. Seine Reportagen - entstanden ohne unser heutiges Wissen - geben so ein anschauliches Bild der damaligen Atmosphäre. Mitte September 1938 berichtete Shirer aus Berlin:

"Hallo Amerika, hier ist Berlin. Hier ist man sich sicher, dass es zu keinem Krieg kommen wird. Niemand, mit dem ich gesprochen habe, zweifelt daran, dass die Tschechen den britisch-französischen Plan akzeptieren werden. Letzte Nacht, als ich noch in Prag war, hatte ich ein anderes Gefühl. Es ist eine schwere Entscheidung, die Prag treffen muss. Freunde erzählten mir, dass Tausende an diesem schönen Spätsommertag an die Grenze zum Sudetenland gefahren sind und mit einem Blick über die Grenze picknickten. Während die Menschen hier in Berlin zur Arbeit gehen, steigert sich im Sudetengebiet die Spannung."

In der Tat stand Prag vor einer schweren Entscheidung: sollte es kampflos die von Hitler geforderten Grenzgebiete herausgeben oder sich auf eine kriegerische Auseinandersetzung einlassen. In Deutschland erreichte die antitschechoslowakische Stimmungsmache in jenen Tagen ihren Höhepunkt. Über eine Massenkundgebung in Dresden am 19. September 1938 schickte Shirer folgende Reportage in die USA:

William Shirer in Berlin 1940
"10 bis 15.000 Menschen waren versammelt, vor allem Sudetendeutsche, die über die nahe Grenze gekommen waren. Zwei Stunden lang schienen sich die Massen heiser zu schreien. Zwei Sprüche waren vor allem zu hören: "Adolf Hitler mach uns frei von der Tschechoslowakei" sowie "Ein Reich, ein Volk, ein Führer". Das haben sie gebrüllt und gebrüllt, so dass man erwarten konnte, dass ihre Stimmen gleich versagen oder das Dach einstürzen wird."

Um die antitschechische Stimmungsmache im Deutschen Reich zu jener Zeit zu untermalen, führte Shirer in einer weiteren Reportage wahllos die Titel einiger Zeitungen an:

"Unter dem Blutregime. Neue tschechische Morde an Deutschen - Giftattake auf Deutsche in Aussig geplant - Erpressungen, Plünderungen, Erschiessungen. Der tschechische Terror in den Sudetengebieten wird von Tag zu Tag schlimmer "

Als sich am 22. September 1938 der britische Premier Chamberlain und Hitler in Bad Godesberg trafen, um über eine mögliche Lösung der Sudetenkrise zu diskutieren, reiste auch William Shirer an den Rhein. Im Gegensatz zu uns, die die Ergebnisse all der Verhandlungen kennen, wusste Shirer nicht, dass diese Verhandlungen scheitern werden. Hitler formulierte sein letztes Ultimatum: bis zum 1. Oktober sollte die tschechoslowakische Armee das von Deutschen besiedelte Grenzgebiet verlassen und dieses an Deutschland abtreten. Ansonsten würden deutsche Truppen in die Tschechoslowakei einmarschieren. Am 24. September sandte Shirer folgende Reportage über den Atlantik:

Presseausweiss
"Hallo Amerika, hier ist Berlin. Heute Abend wissen wir wenigstens ein bisschen mehr, wo wir stehen. Sechs Friedenstage liegen vor uns. In genau einer Woche werden wir wissen, ob Frieden oder Krieg herrschen wird. So viel wissen wir also, nachdem die Verhandlungen zwischen Mr. Chamberlain und Herrn Hitler heute früh um 1 Uhr 30 beendet wurden."

Europa schien vor dem Ausbruch eines neuen Krieges. Die Tschechoslowakei hatte mobilisiert, ebenso Frankreich. Die britische Armee befand sich in höchster Alarmbereitschaft. Belgien und die Niederlande bereiteten sich auf einen möglichen deutschen Angriff vor. Die USA begannen mit Passagierdampfern ihre Bürger aus Europa zu evakuieren. Die Regierungen der meisten Staaten tagten in Permanenz. Um einen Krieg in letzter Minute zu verhindern, lud der britische Premier Chamberlain seine Kollegen aus Deutschland, Frankreich und Italien zu einer internationalen Konferenz ein. Diese begann am 29. Septmber 1938 in München. Auch William Shirer reiste nach München und vermittelte seinen Hörern in Amerika ein anschauliches Bild über die Verhandlungen, mit Details, die selten in Geschichtsbüchern erwähnt werden.

"Sie standen alle in einem kleinen Empfangszimmer und nahmen ein leichtes Mittagessen zu sich und stellten sich gegenseitig vor. Mr. Chamberlain hatte z.B. noch nie zuvor den Duce persönlich getroffen. Sie führten eine freundliche Unterredung zusammen. Monsieur Daladier hatte weder Hitler noch Mussolini zuvor getroffen. Er und Hitler standen in einer Ecke und unterhielten sich angeregt über ihre Fronterlebnisse während des Krieges. Nach diesem Steh-Imbiss zogen sich die vier Staatsmänner wieder zurück. Ob es diese vier Männer, von denen soviel abhängt, schaffen, ein Abkommen auszuarbeiten, dass in dieser 11. Stunde der Sudetenkrise einen neuen Weltkrieg verhindert, wissen wir noch nicht und wir werden es erst spät heute Abend erfahren."

Nun, die vier Staatsmänner einigten sich auf das sog. Münchner Abkommen. Die tschechoslowakische Regierung wurde aufgefordert, die deutschen Forderungen zu erfüllen, das Grenzegbiet bis zum 1. Oktober zu räumen, um so den Anschluss an das Deutsche Reich und die Besetzung durch die deutsche Armee zu ermöglichen. Die Westmächte hatten dem deutschen Druck in dem Glauben nachgegeben, den europäischen Frieden in letzter Minute gerettet zu haben. Alleingelassen gab Prag dem Druck nach und begann, seine Truppen aus dem Grenzgebiet abzuziehen. Am 1. Oktober rückte die deutsche Reichswehr in die Sudetengebiete ein. William Shirer berichtete:

"So wie es Hitler angekündigt hat und Mussolini, Chamberlain und Daladier zusgestimmt haben, marschierte die deutsche Armee gestern gegen zwei Uhr nachmittags in die Tschechoslowakei ein. - Und ich war dabei. Es war eine friedliche Besetzung. Kein Schuss fiel. Das ganze glich eher einer Parade, einschliesslich der Armeemusik, den Fahnen und sudetendeutschen Mädchen, die Blumen warfen. Und doch war das die gleiche deutsche Armee, die vor 48 Stunden kriegsbereit war. Es stimmt nicht, dass die Deutschen eine Minute nach Mitternacht am Freitag einmarschierten. Ich stand an der deutsch-tschechischen Grenze in Sasau, 35 Meilen östlich von Passau, von wo wir gegen Mittag starteten."

Shirer schilderte seinen Zuhörern in Amerika genaustens, wie die ersten Stunden der deutschen Besetzung aussahen:

Deutsche Besetzung der Sudetengebiete, Oktober 1938 (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / CC-BY-SA / Creative Commons 3.0)
"Nach einem Befehl des Kommandanten begannen die Deutschen um 14 Uhr die Grenze zu überschreiten. Panzer und Panzerwagen fuhren nebeneinander, ausgerüstet mit Panzerfäusten. Die deutsche Armee bewegte sich wie eine Maschine vorwärts, aber äusserst vorsichtig. Fünf Minuten später erreichten wir das tschechische Zollhaus, das verlassen war. Aber überglückliche Sudetendeutsche hatten bereits begonnen, einen grossen Triumpfbogen aus Telefonmasten zu bauen und ihn mit Tannenzweigen zu schmücken. An ihm hing ein grosses Transparent: "Das Sudetenland begrüsst seine Befreier". Und dann erschienen aus den Wäldern und über die Felder kommend Bauern, die vor Freude in die Luft sprangen und ihre Hände zum Hitlergruss hochrissen. In dem Moment verwandelte sich der korrekte deutsche militäriische Vormarsch in einen äusserst inkorrekten. Alle Regeln der Strategie wurden fallengelassen. Jemand rief die Militärkapelle nach vorne, die Fahnen wurden geholt und die Truppe marschierte auf der Hauptstrasse, auf deren beiden Seiten die glückliche Bevölkerung sie begrüsste. All das glich eher einer Ferienparade als einer Besetzung."

Dem amerikanischen Journalisten mag die Besetzung der deutschen Grenzgebiete friedlich erschienen sein, doch die Folgen waren es ganz und gar nicht. Mit dem Rückzug der tschechischen Armee waren tausende von Tschechen, Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten vor den deutschen Besatzern geflohen. Wer es nicht rechtzeitig geschafft hatte, den erwartete ein schreckliches Schicksal. Im tschechischen Landesinneren wurden die Flüchtlinge aufgenommen. Wer dort keine Freunde oder Verwandte hatte, kam in Flüchtlingslagern unter. In diesen herrschten aber zum Teil katastrophale Bedingungen. Einer, dem dies auffiel, war der britische Börsenmarkler Nicholas Winton - und er beschloss, etwas zu unternehmen. Doch dazu mehr im nächsten Kapitel aus der tschechischen Geschichte in zwei Wochen.