Sinkende Investitionen und Fachkräftemangel – DTIHK-Konjunkturumfrage Tschechien
Die Wirtschaft in Tschechien ist wie die vieler weiterer Länder in den vergangenen Jahren durch ein Tal geschritten. Wie die Lage aktuell ist und vor allem aber, welches die Aussichten für 2025 sind, das hat die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) in ihrer neuesten Konjunkturumfrage ermittelt.
Die Industriebetriebe in Tschechien sind verunsichert. Das zeigt die neueste Umfrage der DTHIK für das laufende Jahr. Die Erhebung wurde am Dienstag im Kuppelsaal der Kammer in Prag vorgestellt. Befragt wurden 130 Unternehmen. Von ihnen sind 43 Prozent in Deutschland ansässig und haben Töchter in Tschechien, weitere 40 Prozent sind tschechische Betriebe mit starker Anbindung an den deutschen Markt. Der Rest hat seine Zentrale in weiteren Staaten. Viele dieser Unternehmen haben einen hohen Exportanteil.
Christian Rühmkorf, früher auch Redakteur bei Radio Prag International, leitet den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und PR der DTIHK. Im Interview erläutert er die Ergebnisse der Konjunkturumfrage:
Christian, die DTIHK hat ihre neue Konjunkturfrage veröffentlicht. Aus ihr lässt sich aber kein großer Optimismus herauslesen, also eine Aufbruchsstimmung im Vergleich zu den Jahren zuvor. Wie ist also die Stimmung? Und wie sehen die Firmen die Aussichten?
„Man muss vielleicht unterscheiden. Die aktuelle wirtschaftliche Lage beurteilen die Unternehmen doch etwas besser als im letzten Jahr. Dazu muss man sich den Saldo anschauen – also die Zahl jener, die die Lage als besser bewerten, denen gegenüberstellen, die die Lage schlechter sehen. Da waren wir im vergangenen Jahr bei minus zehn Punkten, und sind dieses Jahr bei plus eins. Uns interessiert allerdings noch mehr, wie das Jahr weitergeht. Und da sehen wir für 2025 einen branchenübergreifenden Konjunkturpessimismus – mit Ausnahme der Bauwirtschaft, die schon vorher ihre Delle hatte. Für uns ist es ein wichtiges Warnsignal, dass wir eine große Verunsicherung bei den Industriebetrieben wahrnehmen. Das Problem besteht dabei sowohl in Deutschland als auch in Tschechien, und beides sind große Industrienationen, wenn man den Anteil dieses Teils der Wirtschaft am Bruttoinlandsprodukt nimmt. Die Industriebetriebe sagen indes, sie würden nicht mehr so viel investieren. Dieser Trend hält, mit Ausnahme von 2021, bereits seit sieben Jahre an.“
Was sind die Ursachen dafür?
„Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen: Stimmung schlecht, Umsätze hoch. Aber hier zeichnet sich ein Strukturwandel innerhalb der Industrie ab.“
„Das ist multikausal. Wir haben eine Transformation im Energiebereich. Wir haben den Krieg gegen die Ukraine, der gerade die Kalkulation mit billiger Energie auf den Kopf gestellt hat. Dazu kamen die riesige Inflation und schwierige Lieferketten. Und aktuell schwappt die Wahnsinnskonkurrenz besonders aus China herein, sie betrifft den Bereich Automotive genauso wie etwa den Maschinenbau, bei dem man das in dem Umfang gar nicht so erwartet hat. Und aus den USA kommt eine völlig unkalkulierbare Situation für die europäische Wirtschaft, vor allem für die Industriebetriebe. In dieser Gemengelage ist es extrem schwierig, die Konkurrenzfähigkeit nicht nur zu sichern, sondern auch auszubauen. Denn gleichzeitig hat die Europäische Kommission hohe Erwartungen und führt weitere Regulierungen zu den CO2-Limits ein. Dazu gehören Strafzahlungen, die zum Glück aber jetzt erst einmal für drei Jahre ausgesetzt sind, und danach soll geschaut werden, ob diese Limits eingehalten werden können. Wir haben allerdings gemeinsam mit der Automobilindustrie eine Aussetzung von fünf Jahren gefordert. Um aber auf das Stichwort zurückzukommen: Wer nicht investiert, kann nicht innovieren. Und Innovation ist der Schlüssel, um sich auf den Märkten zu behaupten.“
Gibt es denn auch positive Indikatoren?
„Zwar gibt es bei vielen Indikatoren eine negative Entwicklung – eben gerade bei Investitionen, aber auch bei der Beschäftigung. Gleichzeitig gehen die Gesamtumsätze in den Unternehmen nach oen. Alle Sektoren – also verarbeitende Industrie, Dienstleistungen, Bau oder Handel – rechnen mit steigenden Umsätzen für 2025. Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen: Stimmung schlecht, Umsätze hoch. Aber hier zeichnet sich ein Strukturwandel innerhalb der Industrie ab.“
Was heißt das konkret?
„Es werden nicht mehr nur Waren produziert. Das ist auch schwierig, wenn die Nachfrage einbricht und kritisch ist, wie jetzt seit mehreren Jahren. Und es zeichnet sich keine Besserung ab – auch laut unserer Erhebung. Denn ein Einbruch bei der Nachfrage ist das größte Risiko aus Sicht der befragten Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten. Zugleich beobachten wir, dass die Unternehmen um ein Produkt herum weitere Dienstleistungen entwickeln, anbieten und auch verkaufen. Das heißt, Mehrwerte werden nicht mehr nur über das Produkt selbst geschaffen, sondern über das, was man an Dienstleistungen andocken kann.“
Ihr habt die Unternehmen hier auch danach gefragt, wie Tschechien im Vergleich der Länder der Region dasteht. Und dabei zeigt sich, dass Tschechien zwar jahrelang führend gewesen ist, aber mittlerweile überrundet wurde.
„Es fehlen nicht nur zahlenmäßig die Fachkräfte in Tschechien, sondern mittlerweile besteht auch ein Problem in der Qualität.“
„Wir haben uns dieses Mal nur an jene Unternehmen gewandt, die direkt an unserer Umfrage teilnehmen. Das sind hauptsächlich Firmen der deutsch-tschechischen Wirtschaft und daneben noch ein paar Investoren aus anderen Ländern. Sie haben wir darum gebeten, die Wettbewerbsfähigkeit Tschechiens mit fünf anderen wichtigen Investitionsstandorten in Mittelosteuropa zu vergleichen. Und da hat sich folgendes Bild ergeben: Polen ist bei der Wettbewerbsfähigkeit für Investitionen und Weiteres auf Platz eins gelandet, Tschechien auf Platz zwei, dann folgen die Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Entscheidend bei der Bewertung der Länder waren vor allem niedrigere Produktionskosten, das haben 62 Prozent so beantwortet. 53 Prozent halten Investitionen in die Infrastruktur für besonders wichtig – und da wissen wir, dass in Polen in den vergangenen Jahren mehr geleistet wurde als in Tschechien. Und last but not least haben 50 Prozent der Befragten einen besseren Zugang zu Fachkräften genannt.“
Gerade Letzteres ist schon seit Jahren ein Problem in Tschechien...
„Ja, aber auch da muss man unterscheiden: Es fehlen nicht nur zahlenmäßig die Fachkräfte, sondern mittlerweile besteht auch ein Problem in der Qualität. Das heißt nicht, dass die Ausbildung schlechter geworden ist oder die Leute nicht mehr so gut qualifiziert wären wie vor ein, zwei oder drei Jahren. Dennoch ging es kontinuierlich bergab. Bis 2021 gehörte die Qualifikation der Mitarbeiter zu den positiven Standortfaktoren in Tschechien, sie lag auf Platz sechs von 25. Aber mittlerweile ist sie auf Platz 19 abgerutscht. Das Problem ist, dass die Anforderungen der Unternehmen – Stichworte Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – enorm angestiegen sind und weder die Menschen noch das Ausbildungssystem hinterherkommen. Dass dies wie eine Schere auseinandergeht, gibt relativ wenig Hoffnung, dass die in Tschechien angestrebte Mehrwertproduktion – also weg von reiner Produktion und niedrigqualifizierten Arbeiten zu höherwertigen Arbeitsleistungen – erreicht werden kann. Dafür müsste sich ganz dringend etwas ändern.“
Auch beim tschechischen Ableger des deutschen Automobilzulieferers Brose kennt man die Probleme mit der Rekrutierung von Fachkräften. Das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Coburg hat eine Tochterfirma in Kopřivnice im Kreis Mährisch-Schlesien. Niclas Pfüller ist Hauptgeschäftsführer der tschechischen Tochter. Er sagt, es sei zu spüren, dass immer mehr Schulabgänger in Tschechien eher studieren, als eine klassische Ausbildung absolvieren würden...
„Gerade, wo wir sind, das heißt im Mährisch-Schlesischen Kreis, gibt es noch eine sehr gute Fachkräfteverfügbarkeit. Allerdings kommen mehr und mehr Firmen in die Gegend, die Unternehmen wachsen – und dadurch wird der Arbeitsmarkt enger. Wir begegnen dem damit, dass wir als starker Arbeitgeber auftreten, durch starke Führung, durch ein Angebot an Mitarbeiter-Benefits. Dadurch sind wir noch sehr gut ausgestattet“, so Pfüller.
Die Ausbildung an den Berufsschulen reicht indes schon länger nicht mehr, um die Bedürfnisse der Unternehmen zu decken. Deswegen habe Brose schon vor 20 Jahren Programme für die Ausbildung von Facharbeitern aufgesetzt, sagt Niclas Pfüller. Auf diese Weise bringt die Firma die duale Ausbildung aus Deutschland praktisch nach Tschechien, inklusive einer Meisterschule. Der Manager verweist aber auch darauf, dass die Anforderungen rasend schnell anwüchsen:
„Unsere Industrie bewegt sich sehr schnell weiter, gerade durch die Automatisierung und die Digitalisierung. Hier in Tschechien studieren sehr viele Menschen und gehen eher in die Produktentwicklung. Das heißt, ich habe eher klassisch in der Schule ausgebildete Mitarbeiter, die ich weiter ausbilde, damit sie die Digitalisierung und Automatisierung in der Produktion verstehen und beherrschen. In Deutschland sieht die Basis durch die duale Ausbildung und Technikerschulen anders aus. Daher machen wir zusammen mit der DTHIK immer wieder Druck auf die tschechische Regierung und sagen, dass die duale Ausbildung und die Technikerschulen aus Deutschland ein Vorzeigemodell seien. In Tschechien wurde zwar nun auch damit angefangen, doch die Ausbildung ist noch nicht so stark verknüpft und wird in der aktuellen Phase, in der es um andere Themen, nicht so sehr gepusht.“
Gerade deswegen hat die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer ihre Strategie etwas geändert. Bei den dringenden Bedürfnissen steht nicht mehr eine Reform des Berufsschulsystems an vorderster Stelle, obwohl sie weiter eine Forderung bleibt. Milan Šlachta von der Bosch Group in Tschechien und der Slowakei ist Präsident der DTIHK und erläutert:
„Aktuell setzen wir noch auf ein zweites Thema, und das etwas mehr. Es ist Upskilling und Rescilling. Man muss ebenso mit den vorhandenen Arbeitskräften rechnen. Auch sie brauchen neue Kompetenzen. Das Ausbildungssystem allein, bei dem man auf das nächste Jahr und die neue Runde mit 20.000, 30.000 oder 50.000 Studenten wartet, reicht nicht. Man muss auch aus dem Potenzial der erfahrenen heutigen Mitarbeiter schöpfen. Da geht es jedoch nicht um eine wöchentliche Schulung, sondern um Ausbildungsprogramme, bei denen requalifiziert wird. Dort sehen wir Potenzial.“
Gerade in diesem Bereich ist laut Šlachta die tschechische Regierung gefordert. Hinzu kommen seinen Aussagen nach aber auch allgemeinere Appelle an die Politik, die sich allerdings stärker an die EU richteten als konkret an Prag. Der DTIHK-Präsident nennt den Abbau von Bürokratie und eine größere technologische Offenheit beim Erreichen der Klimaziele. Das heiße, nicht ausschließlich die E-Mobilität zu fördern, sondern zum Beispiel schon jetzt einen Teil des Verkehrs auf erneuerbare Kraftstoffe umzustellen.







