DTIHK-Konjunkturumfrage: Aufwärtstrend in Tschechien, Entkoppelung von Deutschland

Präsentation der DTIHK-Konjunkturumfrage 2026

In die tschechische Wirtschaft ist der Optimismus zurückgekehrt. Das zeigt die neue Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK). Und der Aufwärtstrend verrät zudem, dass sich die hiesige Industrie teils von Deutschland entkoppelt. Zugleich beschäftigen Energiepreise und Energieversorgung die Unternehmen in Tschechien derzeit besonders stark.

Die Firma Streicher hat ihren Stammsitz im bayerischen Deggendorf. Seit 1991 ist sie aber auch in Tschechien angesiedelt, und zwar im Ort Štěnovice südlich von Plzeň / Pilsen. Das Unternehmen ist bei seinen Produkten breit aufgestellt, das reicht von Rohrleitungs- und Anlagenbau über Maschinenbau und Elektrotechnik bis hin zu Roh- und Baustoffen.

Jiří Lopata  (rechts) | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Während im vergangenen Jahr die Aussichten noch ziemlich schlecht waren, hat sich am Standort in Štěnovice die Laune mittlerweile deutlich gebessert. So sagte der Geschäftsführer für Tschechien, Jiří Lopata bei einer Pressekonferenz der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer am Dienstag in Prag:

„Heute, zu Beginn dieses Jahres, bin ich sehr viel optimistischer als noch zu Beginn 2025. Mittlerweile sind unsere Auftragsbücher für 2026 sehr voll. Sie sind sogar voller als bei unserer Schwesterfirma in Deutschland, die ähnliche Projekte wie wir realisiert.“

Christian Rühmkorf | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Streicher gehört zu jenen Firmen, die zur Konjunkturumfrage der DTIHK beigetragen haben. Seit 2002 ermittelt die Kammer die Stimmungslage unter ihren Mitgliedern. Diesmal nahmen 125 Unternehmen teil. Christian Rühmkorf ist Head of Communications & Public Affairs, also zuständig für die Pressearbeit, und bestätigt die positive Grundtendenz in dieser Umfrage gegenüber der von 2025:

„Eigentlich in allen Bereichen und bei allen Indikatoren verzeichnen wir einen Aufwärtstrend. Lediglich bei der Beschäftigungsprognose zeigt der Saldo ein bisschen nach unten. Das hängt sicher auch mit der Einführung der Künstlichen Intelligenz zusammen.“

Die Indikatoren mit aufsteigender Tendenz sind hingegen die Bewertung von aktueller Wirtschaftslage und Geschäftstätigkeit – und ebenfalls der Aussichten, wenn auch hier nur mit gewissen Einschränkungen. Denn der Blick in die Zukunft sei von den derzeitigen Unsicherheiten in der weltpolitischen Lage geprägt, sagt der Kommunikationsexperte.

Präsentation der DTIHK-Konjunkturumfrage 2026 | Foto: DTIHK

Positive Stimmung auch in der Industrie

Aus tschechischer Sicht sei erfreulich, dass besonders die Industrie laut der Erhebung positiver gestimmt sei, betont Christian Rühmkorf…

„Vor allem bei der Umsatzentwicklung sehen wir, dass es aufwärts geht. Vergangenes Jahr sagten 39 Prozent der Teilnehmer, dass ihr Umsatz steigen werde, jetzt sind es 45 Prozent. Aber ganz wichtig sind die Investitionen, das heißt die Ankündigung, ob die Firmen investieren werden oder nicht. 2025 sagten 42 Prozent der Industrieunternehmen, dass sie ihre Investitionen senken werden. In diesem Jahr sind es nur noch 29 Prozent. Das ist immer noch genug, aber bei dieser Problemlage gilt als gute Zahl, dass 34 Prozent ihre Investitionen sogar steigern wollen. Das heißt, im Saldo kommen wir langsam auf einen grünen Zweig, was ein wichtiges Signal ist.“

Ein richtiger Ausreißer nach oben ist indes der Handel. So sagen 71 Prozent der Handelsfirmen, dass ihre Umsätze in diesem Jahr steigen dürften. Solche Zahlen habe es bisher noch nicht gegeben, betont Rühmkorf. Seinen Worten nach steht dahinter die Binnennachfrage. Sie sei auch die tragende Säule für das Wachstum der tschechischen Wirtschaft von 2,5 Prozent im vergangenen Jahr gewesen. Auf der anderen Seite steht aber Deutschland – denn der größte Handelspartner Tschechiens wies 2025 nur ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent aus. Bernard Bauer ist DTIHK-Geschäftsführer und merkte dazu an:

„Es scheint – zumindest derzeit – nicht mehr zu gelten, dass die tschechische Wirtschaft eine Lungenentzündung bekommt, wenn Deutschland einen Schnupfen hat. Denn Tschechien zeigt sich widerstandsfähiger, als viele erwartet hätten. Gleichzeitig bleibt das stagnierende Deutschland mit Abstand der wichtigste Handelspartner, und zwar mit einem Rekord im bilateralen Handelsvolumen im vergangenen Jahr von 115,7 Milliarden Euro.“

Präsentation der DTIHK-Konjunkturumfrage 2026 | Foto: DTIHK

Das Beispiel der Firma Brose

Teilweise haben sich die tschechische und die deutsche Volkswirtschaft laut der DTIHK also entkoppelt. Das zeigt sich auch bei den Unternehmen. So etwa beim Automobilzulieferer Brose, der hierzulande im Mährisch-Schlesischen Kreis angesiedelt ist und eigentlich aus Coburg stammt. Niclas Pfüller ist Geschäftsleiter von Brose in Tschechien. Im Interview für Radio Prag International beschreibt er, wie hierzulande ein eigenes Profil aufgebaut wurde:

Niclas Pfüller | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Zunächst ist der Standort in Tschechien entstanden, weil Brose wachsen wollte. Das haben wir mit technologisch anspruchsvollen Produkten realisiert. In der Zwischenzeit haben wir auch Kompetenz aufgebaut sowie eine gute Leistungsfähigkeit bei der Organisation, was dazu geführt hat, dass wir weitergewachsen sind. Deswegen platzieren wir mehr und mehr Funktionen und Produktion in Tschechien. Dabei handelt es sich auch um sehr anspruchsvolle Produkte. Ich würde aber immer noch sagen, dass es sich um eine Verstärkung dessen handelt, was Brose immer schon gut konnte.“

Tschechien ist indes schon länger nicht mehr die verlängerte Werkbank. So nutzt Brose etwa auch IT-Spezialisten von hier. Ein Teil dieses Zweiges – wie der Hotline-Service oder der Bereich Remote – wird laut Pfüller zwar in Indien abgewickelt. Aber es gebe ebenso Tätigkeiten, für die es spezielle Qualifikationen brauche...

„Wir haben einen großen Betrieb in Tschechien, in dem Mitarbeiter zum Beispiel in der Logistik und in anderen werksnahen Funktionen arbeiten. Und sie brauchen einen IT-Service. Über die Karriereentwicklung haben wir viele Mitarbeiter dort untergebracht, sie implementieren zum Teil auch global IT-Systeme. Sie können das einfach besser, weil sie schon in den Fachfunktionen ihre Erfahrung gesammelt haben“, so Pfüller.

Tschechien hat also mittlerweile in der Wertschöpfungskette einige Stufen erklommen. Und so sagt Christian Rühmkorf:

Christian Rühmkorf | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Die Löhne sind zwar immer noch deutlich niedriger als in Deutschland. Aber wenn es einem wirklich nur um niedrige Löhne geht, dann ist man vielleicht besser in Polen, Rumänien oder Bulgarien, aber auch in Ungarn aufgehoben. All diese Länder haben jedoch andere Probleme. Und sie liegen auch nicht mehr ganz so nah an der deutschen Grenze. Hier in Tschechien zeigt sich ein Zusammenspiel mehrerer positiver Aspekte. Es besteht eine sehr hohe Fertigungskompetenz, und es gibt innovatives Denken. Und wir haben auch eine sehr solide Ausbildung im akademischen Bereich, obwohl wir uns seit 20 Jahren die duale Ausbildung auch hier wünschen, sie aber immer noch nicht haben.“

Im mittel- und osteuropäischen Vergleich gilt jedoch, dass Tschechien seit einigen Jahren in der Umfrage unter den Handelskammern der Region nur noch auf dem zweiten Platz hinter Polen liegt. Besonders schlecht bewertet werden hierzulande die Punkte „Verfügbarkeit von Fachkräften“, „Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik“ sowie „Effizienz der öffentlichen Verwaltung“.

Auch Brose kann den Vergleich anstellen. Denn das Unternehmen hat über ein Joint Venture mehrere Betriebe in Polen.

Niclas Pfüller | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Ich sehe dort, dass in vielen Regionen Mitarbeiter bis hinunter in die Montage besser verfügbar sind als in Tschechien. Deswegen gibt es gerade im Montagebereich etwas weniger Lohndruck und dementsprechend ein bisschen mehr Konkurrenzfähigkeit. Bei der Leistungsbereitschaft liegt Polen auf demselben Niveau wie Tschechien. Wenn die Basiskosten aber gleich sind und alle die gleiche Leistung bringen, hat Polen einen kleinen Vorteil. Den müssen wir uns auch eingestehen. Das versuchen wir hierzulande durch höhere Technologie und andere Kompetenzen auszugleichen“, erläutert Niclas Pfüller.

Zudem hat Polen laut dem Geschäftsleiter von Brose CZ in einem Bereich schon sehr aufgeholt:

„Polen hat nach meiner Sicht sehr viel gemacht, was die Infrastruktur angeht – tolle Autobahnen gebaut, Flughäfen angebunden und so weiter. Das ist ein sehr starkes Paket, das mit Tschechien vergleichbar, aber in ein paar Bereichen auch besser ist.“

Energiepreise als größtes Risiko

Die DTIHK fragt die Unternehmen auch immer nach den größten Risiken, die sie sehen. Da gibt es eine Entwicklung, die Christian Rühmkorf erläutert:

„Im letzten Jahr war ein Rückgang der Nachfrage das größte Risiko. Das hat sich geändert, was zeigt, dass es in Tschechien tatsächlich besser läuft. Das Risiko eines Nachfragerückgangs liegt jetzt auf dem dritten Platz. Auf den ersten Platz nach oben geschossen sind die Energiepreise. Da hat Tschechien ein ähnliches Problem wie Deutschland, denn in beiden Ländern liegen die Preise über dem EU-Durchschnitt. Genau das sehen die Firmen in den kommenden zwölf Monaten als Risiko an.“

Aber auch in mittlerer Sicht – in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren – halten die Firmen die Energiepreise neben der Rohstoffversorgung für das größte Risiko für ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Fachleute aus der Energiebranche weisen darauf hin, dass Europa weiterhin zu stark von fossilen Energieträgern abhängig sei. Claudia Viohl ist CEO und Vorstandsvorsitzende von E.on Tschechien. Sie hält es für wichtig, die Energiewende voranzutreiben. Und weiter sagt sie:

„Mein Ratschlag für Unternehmen ist sicherlich, an der eigenen Energieunabhängigkeit zu arbeiten. Das heißt, eine eigene Erzeugung aufzubauen und energieeffizienter zu werden, um langfristig sicherer planen zu können. Hierbei gibt es nicht nur die eine technologische Lösung. Es wird immer eine Kombination von mehreren Methoden sein – sei es Photovoltaik kombiniert mit einer Batterie, mit einer Wärmepumpe, oder es sind Technologien, um Wärme zu elektrifizieren. So jedenfalls haben die Firmen das selbständig in der Hand. Wesentlich ist dabei, dass man die Energie, die man produziert, vor Ort auch konsumiert, um das System nicht insgesamt mehr zu belasten.“

Claudia Viohl | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Andersherum wollte die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer auch wissen, was die Unternehmen vom Staat, den Kommunen und der EU erwarten, damit die Energiekosten wieder sinken.

„Eines ist klar: Fördergelder, also eine Art Industriestrompreis, wie das in Deutschland viel diskutiert wird, steht überhaupt nicht an erster Stelle bei den Unternehmen. Stattdessen wollen zwei Drittel der Firmen stabile und berechenbare regulatorische Rahmenbedingungen.“, so Christian Rühmkorf.

An zweiter Stelle folgt mit 62 Prozent Zustimmung der beschleunigte Ausbau der Kernenergie in Tschechien. Erst auf dem dritten Rang liegt der beschleunigte Ausbau von erneuerbaren Energien, und zwar mit 37 Prozent. Hier zeige sich auch wieder ein Unterschied zu Deutschland, so Rühmkorf, und der sei abhängig von der jeweiligen Energiestrategie beider Länder.

Autor: Till Janzer
schlüsselwort:
abspielen