Sportreport

Jaromír Jágr, Foto:CTK

An dieser Stelle, liebe Hörerinnen und Hörer, sind Sie es von uns gewohnt, dass wir Ihnen populäre tschechische Sportler oder hoffnungsvolle Talente vorstellen, dass wir Sie über große internationale Wettkämpfe mit tschechischer Beteiligung informieren oder Sie ganz einfach über das nationale sportliche Geschehen auf dem Laufenden halten. Alles kein Problem - bis, ja bis zu der verheerenden Flutkatastrophe, die in den zurückliegenden Tagen über viele schöne Landstriche Mitteleuropas hereingebrochen ist und dabei auch weite Teile Böhmens in arge Mitleidenschaft gezogen hat. Die ungeheure Kraft des Wassers der Moldau und Elbe sowie ihrer Zuflüsse riss alles mit, was ihm im Wege stand und richtete ein bisher ungekanntes Ausmaß einer Verwüstung an. Von den immensen Schäden des Jahrhunderthochwassers sind alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betroffen, auch der Sport macht da keine Ausnahme. Daher werden wir Sie in den nachfolgenden Minuten darüber informieren, welche verhängnisvollen Folgen die Überschwemmungen in Böhmen auch für das sportliche Leben in den betroffenen Regionen nach sich gezogen hat. Im zweiten Teil der Sendung erfahren Sie dann, wer am letzten Samstag in Karlovy Vary/Karlsbad zum besten tschechischen Eishockeyspieler der abgelaufenen Saison 2001/2002 gekürt wurde. Also bleiben Sie dran!

Wie Sie unserer fortlaufenden Berichterstattung der letzten Tage entnehmen konnten, war von der Hochwasserkatastrophe in Tschechien insbesondere der böhmische Landesteil und ein kleiner Zipfel in Südmähren heimgesucht worden. Die unbändige Wucht der Wassermassen hat u.a. in den Großstädten Ceské Budejovice/Budweis, Plzen/Pilsen, Praha/Prag und Ústí nad Labem/Aussig ihre Spuren hinterlassen. Die genannten Städte sind freilich auch die großen Sportzentren in ihren Regionen. Keine Frage, dass daher ebenso wichtige wie schöne Sportstätten Opfer der Fluten wurden.

In der südböhmischen Metropole Budweis haben insbesondere das Fußballstadion und die Eishockeyhalle der hiesigen Erstligaclubs gehörigen Schaden genommen. Das Stadion auf der Schützeninsel glich während seiner Überflutung einem Badesee, die arg ramponierte Rasenfläche wird derzeit von einer Spezialfirma auf ihre weitere Nutzung hin überprüft. In der gerade erst modernisierten Eishockeyarena standen die Umkleidekabinen einen halben Meter und die Eisfläche bis knapp zwei Meter unter Wasser. Die Aufräumarbeiten, an denen sich auch Cracks beteiligten, sind weitgehend bewältigt. Noch nicht hergestellt aber sind die Telefon und Fax-Verbindungen. Das mitten in der Saisonvorbereitung stehende Extraligateam muss derzeit zum Training und zu Vorbereitungsspielen nach Jindrichuv Hradec ausweichen.

Velká Chuchle, Foto:CTK
In der westböhmischen Bierstadt Pilsen hat es das Schießareal im Stadtteil Lobzy schwer getroffen. Wegen der hier erfolgten Überschwemmungen musste die Stadt die für die erste Septemberwoche ausgeschriebene Studenten-Weltmeisterschaft im Sportschießen leider absagen. Für dieses Event hatten sich Sportschützen aus 37 Ländern gemeldet. In den Elbestädten Roudnice nad Labem, Litomerice/Leitmeritz, Aussig und Decín/Tetschen hat die Flut die Ruderboote und Kanus in den dortigen Bootshäusern buchstäblich davon gespült, sofern sie nicht vorher in Sicherheit gebracht worden sind. Vor allem in Tetschen hat man diesbezüglich "gepennt" und die Gefahr unterschätzt - eine Tatsache, die laut Premysl Panuska, dem Auswahltrainer der Ruderer, noch ein Nachspiel haben wird.

Am schlimmsten aber hat es die Hauptstadt Prag und seine hiesigen Sportanlagen erwischt. Einige Anlagen wird man wohl komplett abschreiben oder aber eine langwierige und teure Renovierung in Kauf nehmen müssen. Da wäre zunächst die weit über die Ländergrenzen hinaus bekannte Galopprennbahn im Ortsteil Velká Chuchle zu nennen. Hier hatte sich das Hochwasser bis auf die oberste Ränge der Haupttribüne aufgestaut. Die immer noch feuchte Turfstätte musste daraufhin die diesjährige Saison für beendet erklären.

Ein völlig erschreckendes Bild der Verwüstung bieten dem Betrachter nach Abfluss des Wassers die im siebten Prager Stadtbezirk gelegenen Sportstätten. Und das sind nicht wenige: das Tennisstadion auf der Hetzinsel (Na Stvanice), der Wildwasserkanal und der Springreitparcours auf der Kaiserinsel, die Leichtathletikhalle im Baumgarten (Stromovka) und die Paegas Arena im Stadtteil Holesovice, die Heimstätte des amtierenden tschechischen Eishockeymeisters Sparta Prag ist. Ganz arg betroffen sind dabei die Sportanlagen im Baumgarten, wo neben dem Leichtathletikstützpunkt auch die Tennisplätze der Prager Klubs Olymp und Sparta liegen. Man spricht hier von einer 80-prozentigen Zerstörung und einem grob geschätzten Schaden von 200 Millionen Kronen (ca. 6,5 Millionen Euro).

Der zentrale Tschechische Verband für Körpererziehung (CSTV) ist nicht in der Lage, für all die entstandenen Schäden aufzukommen. In der derzeitigen Phase war er nur imstande, sieben Millionen Kronen für die unabdingbaren Reparatur- und Instandhaltungsmaßnahmen an die Betreiber der zerstörten Sportanlagen auszuzahlen. Daher muss der Sportbereich in aller erster Linie in nächster Zeit auf großzügige Sponsoren aus der Wirtschaft und auf Spendenaktionen von prominenten Sportlern hoffen. Letztere haben sich bereits zu Wort gemeldet. So widmen die Eishockeynationalspieler ihr Antrittsgeld nebst Prämien aus dem Länderspiel gegen die Slowakei den Hochwassergeschädigten. Mit weiteren anteiligen Beträgen aus dem Erlös von Eintritt und Zuschauerwettbewerben sowie einer Spende der U-21-Auswahl rechnet man mit der Gesamtsumme von rund zwei Millionen Kronen. Auch viele Fußballclubs der obersten Ligen haben ihre Spenden bereits weitergeleitet. Und weitere Aktionen werden folgen. Doch bis auch der Sport in Tschechien zur Normalität zurückgefunden hat, wird gewiss noch einige Zeit ins Land streichen.

Am vergangenen Samstag fand in der berühmten Kurstadt Karlovy Vary/Karlsbad eine Preisverleihung statt, die sich nicht nur im Sektor Sport, sondern auch im gesellschaftlichen Rahmen einer immer größeren Popularität erfreut. Es war die Verleihung der Trophäe Zlatá hokejka (zu deutsch: Goldener Eishockeyschläger), die vor wenigen Tagen zum bereits 34. Male an den besten tschechischen Eishockeycrack der zurückliegenden Saison vergeben wurde. Großer Favorit auf den Erhalt der über ein Meter hohen Trophäe war der 37-jährige Torwart Dominik Hasek, der in der abgelaufenen Saison mit den Detroit Red Wings den begehrten Stanley Cup gewonnen hat und danach als einer der besten Torhüter aller Zeiten seine aktive Laufbahn beendet hat. Nahezu jeder Eishockeyverrückte in Tschechien erwartete den abschließenden Triumph des "Dominators" in dieser von einheimischen Journalisten, Trainern und Verbandsfunktionären vorgenommenen Wahl. Doch zur Überraschung der meisten Anwesenden im Karlsbader Hotel Thermal und den Zuschauern an den Bildschirmgeräten, wurde der 30-jährige Stürmer Jaromír Jágr von den Washington Capitals zum besten Spieler der Saison gekürt, mit 18 Punkten Vorsprung auf den sichtlich enttäuschten Hasek.

Jaromír Jágr, Foto:CTK
Unter den Anwesenden im Saal warst auch Du, Lothar. Was ist Deine Meinung zum Ausgang dieser Umfrage?

"Natürlich war auch ich überrascht, um nicht zu sagen entsetzt. Denn: Hasek hat eine famose Saison hingelegt, er verhalf Detroit, Punktbester der Vorrunde in der NHL zu werden, er gewann den Stanley Cup und spielte ein gutes Olympiaturnier. Jágr hingegen hatte eine schwache Saison in Washington, er spielte unter seinem Limit, was die Anzahl der Tore und Vorlangen anbelangt. Aber er war Kapitän der Nationalmannschaft, sowohl bei der Olympiade als auch bei der WM, und dort hat er wirklich gute Leistungen abgeliefert, wenn auch keine überragenden.

In Tschechien aber sehen einige Journalisten, Trainer und sogenannte Experten vieles gern durch die nationale Brille. Daher haben sie Jágrs zweimalige Präsenz im Nationalteam höher honoriert. Außerdem wurde für mich mit zweierlei Maß gemessen. Jágrs toller Einsatz bei Olympia und Weltmeisterschaft in allen Ehren, aber als Kapitän hat er die jeweiligen Teams zu keiner Medaille, sondern nur jeweils auf den 5. Rang geführt. Hasek hielt auch in Salt Lake City sehr, sehr gut, aber eben nicht mehr so phänomenal wie vor vier Jahren in Nagano, wo er der Garant war für den Olympiasieg. Und schon kam er schlechter in der Bewertung weg. Die Nation ist gespalten über das Umfrageergebnis, ich persönlich würde es als unobjektiv, ja als Skandal bezeichnen. Von der miserablen Präsentation der zehn besten tschechischen Eishockeycracks auf der Karlsbader Gala ganz zu schweigen!"