„Spuren des Totalitarismus“: Schüler sprechen mit Opfern des Kommunismus

Foto: Paul Bauer

Mehr als 22 Jahre sind seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes vergangen. Es zeigt sich jedoch, dass die jüngere Generation oft nicht ahnt, dass die Kommunisten Tausende Menschenleben auf dem Gewissen haben. Aus den Umfragen geht hervor, dass die jungen Menschen zudem kaum eine Vorstellung davon haben, wie sich das totalitäre Regime auf das Schicksal ganzer Familien auswirkte. Im Rahmen eines Forschungsprojektes haben die Schüler nun die Möglichkeit, nach Spuren der kommunistischen Vergangenheit in ihrer Region zu suchen.

Jáchymov (Foto: Paul Bauer)
Mitte Februar wurde im Museum im nordwestböhmischen Jáchymov / Joachimsthal eine Ausstellung eröffnet, die mithilfe von Schülerinnen und Schülern aus ganz Tschechien zusammengestellt wurde. Sie zeigte die ersten Resultate der Arbeit des Projekts, das unter dem Namen „Spuren des Totalitarismus“ veröffentlicht wurde. Junge Menschen im Alter von 12 bis 19 Jahren, die an der Forschungsarbeit beteiligt waren, kamen in Jáchymov zusammen. Sie suchten zuvor in ihren Städten nach Augenzeugen historischer Ereignisse, vor allem aus den 1950er Jahren. Meistens dokumentieren sie die Lebensgeschichte von Personen aus ihrer Stadt oder Region. Die neu installierte Ausstellung ergänzten die jungen Forscher mit Video- und Tonaufnahmen, in denen sie Zeitzeugen zu Wort kommen ließen.

Geschichte František Šestáks
Jiří Vozár besucht das Comenius-Gymnasium im mährischen Uherský Brod. Er entschied sich am Projekt teilzunehmen, nachdem er vom Schicksal seines Urgroßvaters František Šesták hörte.

"Meine Oma erzählte mir, dass mein Urgroßvater sowohl während der Nazi-Zeit, als auch während des Kommunismus eingesperrt wurde. Ich fragte sie dann nach weiteren Einzelheiten. Ich habe erfahren, dass er 1945 für seinen Widerstand gegen die Nazis vom Staatspräsidenten und vom Verteidigungsminister ausgezeichnet wurde. Dem kommunistischen Putsch von 1948 hat er nicht zugestimmt. Er versuchte noch mit einem Kollegen antikommunistische Lösungen zu verbreiten und wurde von den Volksmilizen angeschossen. Die Kommunisten kannten seine Verdienste im Widerstand gegen die Nazis nicht an. Er wurde verurteilt und eingesperrt. Er musste hier in den Urangruben in Jáchymov arbeiten. Die Verwandten konnten ihn kaum besuchen, weil die Reise aus Mähren zu viel gekostet hätte. Da der Urgroßvater so viel Stress erlebte hatte, ist er kurz nach seiner Freilassung im Alter von nur 61 Jahren gestorben.“

Das Leben im Gefängnis in Jáchymov sei sehr hart gewesen, erzählt Jiří Vozár. Briefe durfte man nur zur Belohnung schreiben und der Inhalt der Briefe wurde kontrolliert, sodass von dem ursprünglichen Text nicht viel übrig blieb. Jiří Vozár kannte den Ort, an dem sein Urgroßvater als politischer Gefangener eingesperrt war, bislang nur von Fotos.

„In der Wirklichkeit sieht es noch einmal ganz anders aus. Wenn ich mir vorstelle wie das hier damals ausgesehen hat, ist es schlimm. Denn die politischen Gefangenen mussten das radioaktive Uran mit bloßen Händen abbauen. Mein Urgroßvater war hier fast vier Jahre lang eingesperrt. Da er nach dem Krieg in keiner guten physischen Kondition war, wurde er in den Urangruben nur noch wenige Male eingesetzt. Danach hat er auf an der Oberfläche als Schlosser gearbeitet. Als er verhaftet wurde, wurde sein Eigentum beschlagnahmt – das Haus, die Tiere, einfach alles. Die Verwandten mussten einen Teil des Eigentums zurückkaufen, um von etwas leben zu können.“

Foto: Paul Bauer
Marek Zajíc besucht das Gymnasium im nordmährischen Šternberk. Er interessiert sich für die Zeitgeschichte. Von dem Projekt habe er von seiner Lehrerin gehört und entschied sich, daran teilzunehmen. Er beschloss mit seinen Mitschülern das Schicksal von Jiří Tylšer zu beschreiben, der der Großvater einer seiner Bekannten ist.

„Der Vater von Herrn Tylšer gründete eine Tischlerwerkstatt in Šternberk. Als die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei ergriffen, haben sie die Tischlerei beschlagnahmt. Der Vater wurde als Ausbeuter bezeichnet. Herr Tylšer erzählte uns, dass er deswegen schon in der Schule schikaniert wurde. Es passierte, dass seine Klassenlehrerin im Affekt seine Schulbücher zerriss, weil er Sohn eines ehemaligen Gewerbetreibenden war. Er erzählte, dass er mit seinem Vater die Sendungen von Radio Free Europa und von Stimme Amerikas gehört hatte. Einmal stellten sie fest, dass jemand auf dem Dach ihres Hauses kletterte. Es stellte sich heraus, dass es der Nachbar war, der sie bespitzelt hatte.“

Marek Zajíc hofft darauf auch weitere Mitschüler für die Arbeit am Projekt zu gewinnen und will seine Forschungen fortsetzen.

„Ich bin davon überzeugt, dass es bislang gelingt die Projektarbeit voranzutreiben. Auch dank diesem dreitägigen Seminar. Es ist wichtig die Aussagen von Zeitzeugen für die nächsten Generationen zu notieren. Denn leider wird es nicht mehr lange dauern, bis auch die letzten Zeugen der traurigen Ereignisse nicht mehr auf der Erde weilen. Die Begegnungen mit den Zeitzeugen sind für mich eine wertvolle Erfahrung. Ein ehemaliger Dissident hatte gesagt, dass es nicht schädlich ist, wenn es hierzulande immer noch die kommunistische Partei mit dem ursprünglichen Namen gibt. Denn hätten sich die Kommunisten unter einer anderen Bezeichnung versteckt, würden sie behaupten, dass sie die stalinistischen Ansichten nicht verteidigen würden und niemand würde sie erkennen.“

Foto: Paul Bauer
Während des Seminars in Jáchymov hatten die Schüler die Möglichkeit, ehemaligen politischen Gefangenen zu begegnen, die einst in den Urangruben arbeiten mussten. Für Jan Procházka aus Brünn war das ein Schock:

„Ich habe nicht geahnt, dass es hier so schrecklich war. Hier habe ich erst gehört, dass es um normale Konzentrationslager ging, in die die unbequemen Leute geschickt wurden.“

In Jáchymov begegneten die Gymnasialschüler dem ehemaligen politischen Gefangenen Zdeněk Mandrholec. Er erzählte den Seminarteilnehmern von seinen Erinnerungen:

Zdeněk Mandrholec (ganz rechts). Foto: Archiv der 3. Grundschule Rakovník
„Die jungen Menschen interessierten sich vor allem dafür, wie es damals in der Wirklichkeit war und wie man es wahrgenommen hatte. Sie wollen wissen, wie und ob es die Leute damals verstanden haben und warum sie den Versprechen der Kommunisten geglaubt haben. Sie zeigen wirklich ein großes Interesse.“

Das Projekt „Spuren des Totalitarismus“ wurde von der Bürgerinitiative „Zapomenutí“ (Die Vergessenen) initiiert. Die Koordinatorin Marta Vančurová betreute zuvor bereits das Schulprojekt „Verschwundene Nachbarn“. Die Jugendlichen suchten in dessen Rahmen nach Informationen über das Schicksal der jüdischen Bewohner in ihrer Stadt. Vančurová und ihre Mitarbeiter sind auch dieses Mal erstaunt darüber, dass so junge Menschen in der Lage sind, Dokumente und weiteres Material, eines hohen fachlichen Niveaus, zusammenzutragen und auswerten zu können. Die Koordinatorin hob hervor:

Marta Vančurová
„Für uns ist das größte Erlebnis die Verwandlung, die wir bei den jungen Menschen sehen. Wir hoffen, dass auch für sie, wenn sie erwachsen werden, das größte Erlebnis aus ihrer Schulzeit, eben dieses Projekt sein wird. Aus dem Grund, weil es ihre Ansichten verändert hat. In ihrem Alter sind sie sich dessen Ausmaßes noch nicht bewusst.“

Aus der Ausstellung von Jáchymov soll eine Wanderausstellung entstehen, die an verschiedenen Orten Tschechiens gezeigt wird. Vor kurzem wurden die Ergebnisse, der Arbeit der Schüler, im Rahmen des internationalen Festivals gegen Totalitarismus „Mene Tekel“ in Prag vorgestellt.