Stopp für vietnamesische Arbeiter

Foto: Vendula Kosíková, ČRo
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Tschechien erteilt derzeit Vietnamesen keine Arbeitsvisa mehr. Dabei suchen die Betriebe hierzulande nach Arbeitskräften. Tschechisch-vietnamesische Organisationen protestieren gegen diesen Schritt der Regierung in Prag.

Foto: Vendula Kosíková,  ČRo
Wer durch Prag oder eine andere tschechische Stadt geht, stößt an jeder Ecke auf eines ihrer Geschäfte. Vietnamesen haben hierzulande bestimmte Wirtschaftssparten für sich besetzt: den Obst- und Gemüseladen, den „Späti“ oder etwa die Nagelstudios. Zudem sind vietnamesische Restaurants und Bistros seit ein paar Jahren erfolgreich. Aber nicht nur die klassische Phở Bò, die Nudelsuppe mit Rindfleisch, wird angeboten, sondern auch die spezielle Art vietnamesischer Sandwiches.

Doch die Politiker hierzulande treibt derzeit etwas anderes um. So sagte der ehemalige Außenminister und heutige Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Abgeordnetenhaus, Lubomír Zaorálek, Ende Juni:

„Vietnam ist einfach die organisierte Kriminalität. Als ich in Hanoi und Saigon war, haben sich normale Vietnamesen bei mir entschuldigt, dass uns auf diese Weise in solchem Umfang das Verbrechen in die Tschechische Republik geschickt wird.“

„Auf diese Weise“ meint über Arbeitsvisa und Langzeit-Aufenthaltsgenehmigungen. Denn eigentlich besteht zwischen Prag und Hanoi seit 2017 eine spezielle Übereinkunft. Damit sollen Arbeiter aus dem südostasiatischen Land angeworben werden. Schließlich fehlen in Tschechien mehrere Zehntausend Arbeitskräfte, wie Wirtschaftsverbände schätzen.

Im Drogengeschäft aktiv

Lubomír Zaorálek  (Foto: Filip Jandourek,  ČRo)
Eines der Probleme sei, dass Vietnamesen ins Drogengeschäft eingestiegen seien, so Zaorálek. Der Sozialdemokrat nannte vor allem die Herstellung von Crystal. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erläuterte er seine Position:

„Das Problem ist schwierig. Leider betrifft die Herstellung von synthetischen Drogen in der Folge auch unsere Nachbarländer. Dass dagegen bisher nicht vorgegangen wurde, dafür tragen natürlich wir hier im Land ebenso die Verantwortung. Wir haben einfach nicht früh genug gehandelt. Deswegen plädiere ich jetzt dafür, härter vorzugehen.“

Tatsächlich hat die Regierung mittlerweile reagiert. Seit dem19. Juli vergibt Tschechien keine Visa mehr an vietnamesische Arbeitskräfte und Gewerbetreibende. Nur noch für die Familienzusammenführung werden Aufenthaltserlaubnisse gewährt. Diese Entscheidung gilt vorläufig und auf unbestimmte Zeit. In einer Stellungnahme schrieb das Außenministerium in Prag:

„Ein Grund für diese Maßnahme ist die seit langem hohe Zahl an Anträgen für diese Visa in der tschechischen Vertretung in Hanoi, die damit überlastet ist. Der andere Grund sind Risiken, die unter anderem der tschechische Sicherheitsrat behandelt hat.“

Ein Problem betrifft die Korruption. Laut der tschechischen Tageszeitung Mladá fronta Dnes können arbeitswillige Vietnamesen nicht einfach selbst ihre Visumsanträge stellen. Vielmehr hat sich eine Zwischenhändlerschicht etabliert. Und diese verlangt bis zu 20.000 Dollar für die Vermittlung einer Aufenthaltsgenehmigung im „gelobten Land“. Schon in seiner Zeit als Außenminister hat sich Zaorálek mit dem Problem beschäftigt. Seinen Aussagen nach sind Mitarbeiter des tschechischen diplomatischen Dienstes nicht in dieses Bestechungssystem verstrickt:

„Durch unseren Nachrichtendienst habe ich das überprüfen lassen. Der hat mir bestätigt, dass das Problem nicht auf unserer Seite liegt. Deswegen bin ich mir sicher, dass wir alles getan haben, damit es in unseren diplomatischen Vertretungen nicht zu Korruption kommt. Aber es gibt keine Möglichkeit, die Lage in dem Land zu beeinflussen, in dem man sich befindet. Das heißt, unser Visavergabesystem, das in den meisten anderen Staaten problemlos funktioniert, stößt dort an seine Grenzen. Und dann muss eben der Zufluss von Arbeitskräften eingestellt werden.“

Mit Vergabesystem gemeint ist der sogenannte Visapoint. Dies bedeutet, dass man nicht mehr an der Botschaft Schlange stehen muss. Interessenten an Arbeitsaufenthalten können stattdessen online einen Termin bei der tschechischen Vertretung vereinbaren.

Vietnamesische Verbände protestieren

Marcel Winter  (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
Auf Seite der Vietnamesen in Tschechien sind die Entscheidung der Regierung in Prag und die Worte Zaoráleks nicht gut angekommen. Mehrere Verbände haben protestiert, darunter die Tschechisch-Vietnamesische Gesellschaft. Marcel Winter ist ihr Gründer und Vorsitzender:

„Wir haben sofort ein Protestschreiben veröffentlicht und eine Entschuldigung gefordert. Am nächsten Tag haben sich uns unter anderem der Verband der Vietnamesen und der Verband vietnamesischer Stunden und Jugendlicher in der Tschechischen Republik angeschlossen. Seit seinen Aussagen am 21. Juni hat sich Herr Zaorálek nicht entschuldigt. Das hat die vietnamesische Botschaft veranlasst, eine Protestnote zu schreiben. Darauf hat das tschechische Außenministerium geantwortet, dass die Aussagen von Herrn Zaorálek nicht mit der amtlichen Auffassung der Tschechischen Republik übereinstimmen würden.“

Laut den Statistiken haben rund 58.000 vietnamesische Bürger eine Aufenthaltsgenehmigung hierzulande. Dazu kämen noch viele weitere Menschen aus dem südostasiatischen Land, die einen tschechischen Pass hätten, betont Winter. Vor allem verweist der Vereinsvorsitzende aber darauf, dass die Vietnamesen und ihre Familien ausgesprochen gut in die tschechische Gesellschaft integriert seien.

„Der wichtigste Punkt ist, dass die vietnamesischen Kinder auf Schulen und in den Universitäten sehr erfolgreich sind. Ihr Notendurchschnitt an Grundschulen liegt bei 1,7 und an weiterführenden Schulen bei 1,9. Über 700 Vietnamesen studieren hierzulande an einer Hochschule, darunter auch etwa die Polizeiakademie. Die meisten sind allerdings an der Prager Wirtschaftsuniversität und an der Technischen Hochschule eingeschrieben“, so Winter gegenüber Radio Prag.

Diesen Fakt bestätigt auch eine Studie von Clověk v tísni (Mensch in Not). Die Menschenrechtsorganisation weist aber ebenso darauf hin, dass in der Integration große Unterschiede bestehen. So würden jene Vietnamesen, die nur zu Arbeitszwecken kommen, häufig keine Kontakte zu Tschechen aufbauen. Denn meist würden sie ihren Aufenthalt als vorübergehend ansehen. Vor allem aber bietet ihnen die vietnamesische Community hierzulande praktisch einen Allround-Service in der eigenen Sprache.

Zwischen Integration und eigener Community

Foto: Pixabay,  Public Domain
Das wahre Bild muss also differenzierter betrachtet werden. Dennoch glaubt Marcel Winter, dass der Stopp bei der Vergabe von Visa an Vietnamesen unsinnig sei:

„Dass die Visumsvergabe für Vietnamesen pauschal verboten wird, ist unerhört. Wegen vielleicht 300 Leuten, die in Drogendelikte verstrickt waren, gleich 58.025 Menschen zu bestrafen, das hat es noch nie gegeben.“

Laut dem Vereinsvorsitzenden sind auch jene Vietnamesen aufgebracht, die in der früheren Tschechoslowakei studiert oder gearbeitet haben. Denn die Tradition der Kontakte ist lang. So schlossen Hanoi und Prag 1973 das erste entsprechende Abkommen. Damals wurde vereinbart, dass sich vietnamesische Arbeiter und Studenten hierzulande weiterbilden können. Pro Jahr kamen dann zwischen einigen Tausend und bis zu 30.000 junger Vietnamesen in die Tschechoslowakei. Sie blieben meist vier Jahre und nahmen ihre Erfahrungen mit nach Südostasien. Heute leben nach Schätzungen noch rund 200.000 Menschen zwischen Hanoi und Saigon, die Tschechisch oder Slowakisch beherrschen. Und Marcel Winter fügt noch an:

„Einer von ihnen hat Lubomír Zaorálek sogar einen Brief geschrieben. In diesem heißt es: ‚Ich will, dass meine Tochter nach meinem Vorbild an einer tschechischen Universität studiert. Aber ich habe Angst: Herr Abgeordneter, gerät sie da nicht etwa auf die schiefe Bahn?‘“