Swarovski, Aida, Meinl und Co.: Neues Buch zeigt die tschechischen Wurzeln österreichischer Marken

Julius Meinl im Jahr 1925

Die Böhmen in Österreich – waren das früher wirklich nur Küchengehilfen und einfache Arbeitskräfte? Die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Geršlová will mit diesem Klischee aufräumen. In ihrem neuen Buch zeichnet sie die Biographien erfolgreicher Unternehmer nach, die einst aus dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik nach Österreich und vor allem nach Wien gegangen sind. Die Wirtschaftszweige, in denen die Menschen tätig waren, reichen von der Gastronomie über die Architektur bis zur Industrie. Und die einzelnen Kurzporträts der Marken bilden oft eine Zeitspanne vom 19. Jahrhundert bis heute ab.

Foto: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Geršlová beschäftigt sich schon seit den 1990er Jahren mit Unternehmensgeschichte. Ihr besonderes Interessensgebiet ist dabei der deutschsprachige Raum und vor allem Tschechiens südlicher Nachbar.

„Österreich ist ‚mein‘ Land, Wien ist ‚meine‘ Stadt. Ich habe das irgendwie ‚kooptiert‘ in mein Leben.“

Dass sich Geršlovás jüngstes Buch, das vor Kurzem auf Deutsch erschienen ist, gerade mit Österreich beschäftigt, darf von daher nicht überraschen. „Tschechische Wurzeln österreichischer Marken“ heißt die Publikation, die auf über 300 Seiten mehr als 30 Biographien von Unternehmen und ihren Gründern enthält. Was die vorgestellten historischen Persönlichkeiten vereint: Sie alle stammen aus dem geographischen Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, gingen aber nach Österreich, um dort Karriere zu machen. Im Interview mit Radio Prag International schilderte Geršlová, die Professorin für Volkswirtschaft an der European Research University in Ostrava / Ostrau ist, die Grundidee ihres Buches:

Jana Geršlová | Foto: Tschechisches Zentrum Wien

„Ich habe in der Vergangenheit bereits viel über österreichische Firmen und Marken geschrieben. Irgendwann kam ich zu dem Punkt, an dem ich erklären wollte, dass die Arbeitskräfte, die im 19. Jahrhundert nach Wien und Österreich gegangen sind, nicht nur Köchinnen, Haushaltshilfen und ‚Ziegelböhmen‘ waren, wie es auch heute noch oft heißt. Stattdessen wollte ich zeigen, dass es sich auch um Menschen handelte, die ein großes Wort in den Firmen hatten. Das war die Grundidee, und so ist es zu dem Buch gekommen.“

Die Übersetzerin Johanna Posset habe den Text schließlich nicht nur ins Deutsche übersetzt, sagt Geršlová:

„Sie hat den Text auch ein bisschen mit österreichischen Augen gesehen und ein bisschen korrigiert. An einer Stelle wollte ich etwa in einer Anmerkung den Wienerberg erklären. Und da meinte sie, dass das nicht nötig sei, weil den in Wien doch jeder kenne.“

Ottakringer und Gösser, Meinl und Carrera

Für ihre Publikation habe sie auf eine breite Palette österreichischer Marken zugreifen können, die böhmische und mährische Spuren aufwiesen, sagt Geršlová. Die Auswahl sei schließlich auf besonders berühmte Unternehmen gefallen. Unterteilt sind die einzelnen Texte dabei in sechs Kategorien: Architektur, Technik, Handel, Lebensmittel, Gastronomie und Glashandwerk.

Zu den vorgestellten Firmen zählen etwa die Sonnenbrillenmarken Carrera und Silhouette. Nicht fehlen darf auch die Geschichte des Schweizerhauses, einem Wirtshaus im Wiener Prater, das seit über 100 Jahren von der Familie Kolarik aus Böhmen betrieben wird. Bei zahlreichen Marken überraschen die Verbindung nach Böhmen und Mähren, da man sie wohl zunächst als „typisch österreichisch“ einordnen würde. Dies trifft etwa auf die Traditionsbrauereien Ottakringer und Gösser zu. Aber ebenso die Kaffeerösterei Julius Meinl wurde von einem Böhmen gegründet.

„Die Geschichte von Julius Meinl spielte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ab. Er stammte aus Graslitz auf der tschechischen Seite des Erzgebirges und ging in die Kaufmannslehre. Sein Traum war, in Wien ein Unternehmen zu gründen.“

Julius Meinl | Foto: Julius Meinl

Gesagt getan zog der junge Meinl 1862 nach Wien und eröffnete dort ein Kolonialwarengeschäft. Geršlová betont dabei, dass es zu der Zeit nicht unüblich war, dass Lehrlinge und Schulabgänger derart in die Welt gingen. Meinl fokussierte sich in der Residenzstadt der Habsburger auf ein Business mit Kaffee.

„Kaffee war damals ziemlich teuer. Zum anderen wurden nur grüne Bohnen verkauft. Diese erstanden die Köchinnen und rösteten sie zuhause in großen Pfannen. Das war aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Meinl entwarf deshalb eine Röstmaschine mit einer Trommel. Damit erleichterte er den Hausfrauen das Leben, und die Qualität des Kaffees war gleichbleibend gut. Selbstverständlich gab es auch verschiedene Sorten mit unterschiedlichen Geschmäckern.“

Auf Julius Meinl folgten mehrere Generationen, die das Traditionsunternehmen weiterführten. Bis Julius Meinl V. das Unternehmen Ende der 1990er Jahre verkaufte. Als er die Marke damals veräußerte, war der Aufschrei groß. Gewissermaßen sei damit ein Stück „österreichisches Tafelsilber“ verkauft worden, sagt Geršlová.

Aida: Rosarote Konditorei mit böhmischem Gründer

Daniel Swarovski | Foto: Swarovski

Ein weitere österreichische Marke, die die Wirtschaftsexpertin in ihrem Buch vorstellt, ist der Schmuck- und Glaskonzern Swarovski. Dieser wurde von Daniel Swarovski begründet, der 1862 in eine Glasmacherfamilie in Georgenthal / Jiřetín pod Bukovou geboren wurde.

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„Das ist im Grunde die Geschichte des Konkurrenzkampfes. Swarovski war ein geschickter Unternehmer aus Nordböhmen. Aber ihm war die Konkurrenz unter den Bijouterieherstellern dort zu groß. Also ging er nach Wattens in der Nähe von Innsbruck. Im Laufe der Zeit baute er dort ein riesengroßes Unternehmen auf.“

Eine weitere Traditionsmarke ist die Konditorei Aida. Deren Filialen findet man heute in Wien an jeder Straßenecke. Das Markenzeichen des Betriebs ist die rosarote Farbe, die im Volksmund „zuckerlrosa“ genannt wird. Sie findet sich auf der Unternehmensbekleidung, in der Inneneinrichtung und auf den Verpackungen der Produkte. Der Gründer der Firma war der aus Nordböhmen stammende Josef Prousek. Für seine Lehre zum Zuckerbäcker ging er nach Wien und gründete dort 1913 gemeinsam mit seiner Ehefrau die eigene Konditorei.

„Natürlich standen die beiden vor der Frage, wie ihre Firma heißen soll. Prousek war begeisterter Opernfan, deswegen viel die Entscheidung für ‚Aida‘. Und was die Farbe angeht: Seine Frau hieß Rosa. Und deswegen musste alles rosarot sein.“

Josef Prousek verlieh seinem Unternehmen aber nicht nur die charakteristische Farbe. Mit seinem Sohn Felix schrieb er auch das Rezept für die Cremeschnitte nieder, die bis heute bei Aida im Angebot ist. Eigenen Angaben der Firma zufolge ist das Originalpapier mit dem Rezept heute sogar im Safe eingelagert.

Wie wird an die Wurzeln erinnert?

An die einstigen Unternehmensgründer aus Böhmen und Mähren werde heute mitunter kaum noch erinnert, sagt Geršlová:

„In vielen Fällen findet man auf den Websites der Firmen überhaupt keine Erwähnung, wo die Wurzeln des jeweiligen Unternehmens liegen. Das gilt aber auch für das heutige Tschechien. Dort weiß man in vielen Gemeinden heute gar nicht mehr, wer einst dort geboren wurde.“

Foto: Tschechisches Zentrum Wien

Jana Geršlovás Buch kann einen Beitrag dazu leisten, dass sich das ändert. Richtet sich ihre Publikation eher an die breite Öffentlichkeit oder an ein Fachpublikum?

„Ich würde sagen, sowohl als auch. Ich bin aber schlichtweg daran gewöhnt, Fachtexte zu schreiben. Die Kriterien des wissenschaftlichen Schreibens sind deshalb natürlich erfüllt, und jede Idee, die nicht aus meinem Kopf stammt, ist mit Anmerkungen und Literaturverweisen kenntlich gemacht.“

Wie Geršlová im Nachwort ihres Buches schildert, verfügt sie noch über eine längere Liste mit österreichischen Marken, über deren böhmische und mährische Wurzeln bisher noch nicht geschrieben wurde. Eine Fortsetzung schließt die Autorin deshalb nicht aus.

Das Buch „Tschechische Wurzeln österreichischer Marken“ ist im Dezember vergangenen Jahres im Verlag Böhlau erschienen. Es hat 345 Seiten und kostet 39 Euro. Am 26. Februar stellt Jana Geršlová ihr Buch persönlich in der Tschechischen Botschaft in Wien vor. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten.