Technisches Denkmal, bis heute in Betrieb: Standseilbahn auf Petřín

Standseilbahn (Foto: Martina Schneibergová)

Die wohl bekannteste Standseilbahn in Tschechien führt vom Prager Újezd auf den Petřín / Laurenziberg. Errichtet wurde sie genauso wie der Aussichtsturm auf demselben Hügel im Jahr 1891 anlässlich der großen Landesausstellung Böhmens in Prag.

Aussichtsturm auf dem Petřín (Foto: Martina Schneibergová)
Der Aussichtsturm auf dem Laurenziberg entstand auf Initiative des tschechischen Wandervereins. Auf die Idee kamen die Vereinsmitglieder während eines Besuchs in Paris. In der französischen Hauptstadt faszinierte sie der Eiffelturm, und daher beschlossen sie, einen ähnlichen Turm auch in Prag zu bauen. Innerhalb kurzer Zeit wurde er dann 1891 errichtet und sollte zum Zuschauermagnet der großen Landesausstellung werden. Der Verein begnügte sich jedoch nicht mit dem Turmbau. Er ließ zudem eine Standseilbahn errichten, die bis heute vom Prager Újezd bis hinauf auf den Laurenziberg fährt. Tomáš Dvořák arbeitet im Prager Stadtmuseum. Er hat sich an der Zusammenstellung einer Dauerausstellung beteiligt, die im Souterrain des Aussichtsturmes zu sehen ist. Sie zeigt den Laurenziberg im Wandel der Zeit und beschreibt die Standseilbahn.

„Die Mitglieder des Wandervereins waren von Anfang an davon überzeugt, dass der Aussichtsturm mit einem Verkehrsmittel zu erreichen sein sollte, um viele Besucher anzulocken. Die Standseilbahn wurde genauso schnell wie der Aussichtsturm erbaut. Die Bauarbeiten waren dabei durch das Hochwasser erschwert, das ein Jahr zuvor – also 1890 - die Stadt heimgesucht hatte. Erst nach dem Hochwasser konnten die Strecke abgesteckt und die Bauarbeiten aufgenommen werden. Am 25. Juli 1891 wurde die Standseilbahn dann feierlich in Betrieb genommen. Die Fahrgäste stiegen damals etwas höher in die Bahn ein als die heutigen Passagiere. Auf den Fotos der Dauerausstellung ist die untere Station zu sehen. Man nannte sie damals Bahnhof. Entworfen wurde das Gebäude vom Architekten Vratislav Pasovský. Er leitete den tschechischen Wanderverein und war zudem Vorsitzender der Genossenschaft des Aussichtsturms Petřín. Wenn etwa 50 Fahrgäste eingestiegen waren, fuhr die Bahn los. Die damalige Endstation befand sich über der heutigen Haltestelle Nebozízek. Bis zum Turm mussten die Menschen dann noch ein Stück zu Fuß gehen. Interessant ist die Antriebskraft, die für die Seilbahn genutzt wurde. Bis 1916 bestand der Antrieb auf dem Prinzip des Wasserübergewichts im hinunterfahrenden Zug“, so Dvořák.

Foto: Martina Schneibergová
Die Wagen hatten im unteren Teil einen Wassertank. Dieser wurde in der Bergstation mit Wasser aus den Quellen auf dem Laurenziberg aufgefüllt, durch das höhere Gewicht zog damit der herunterfahrende Zug den hinauffahrenden bergauf. Auf einigen historischen Fotos in der Dauerausstellung sind die ersten Standseilbahnwagen zu sehen. Tomáš Dvořák:

„Aus technischer Sicht war das interessant. Die Standseilbahn funktionierte bis zum Ersten Weltkrieg fast ohne Probleme, dann wurde sie erst einmal stillgelegt. Nach dem Kriegsende gab es Versuche, die Bahn wieder in Betrieb zu nehmen, sie scheiterten jedoch am Wassermangel. Erst 1932 kam es zur Wiedereröffnung. Der Anlass war das große Sokol-Turnfest, das im Strahov-Stadion veranstaltet wurde. Die Bahn wurde dafür modernisiert und die Bahnstrecke verlängert. Aus diesem Grund wurde an einer Stelle sogar die Hungermauer aus dem 14. Jahrhundert durchbrochen. Damals entstand eine neue Bergstation, die bis heute besteht. Im Unterschied zur ursprünglichen Standseilbahn war die neue dann bereits elektrifiziert.“

Ab der Modernisierung gehörte die Standseilbahn praktisch untrennbar zum Laurenziberg. Damit wurde aber auch das Restaurant Nebozízek zu einem beliebten Ausflugsziel der Prager. Doch die Geschichte des Gasthauses reicht noch weiter zurück, wie der Experte weiß:

Foto: Martina Schneibergová
„In alten Landkarten findet man den Namen Hasenburg. Dieser war vom Namen des Buchbinders Hase abgeleitet, dem das dortige Anwesen im 19. Jahrhundert gehörte. Mitte des Jahrhunderts wurde das Anwesen in ein Ausflugsrestaurant umgebaut. Aber erst nachdem auch der Aussichtsturm und die Standseilbahn errichtet waren, erlangte das Restaurant Berühmtheit und war stark frequentiert. In unserer Ausstellung zeigen wir eine historische Ansichtskarte mit dem Blick vom Nebozízek auf die Prager Burg. Zudem haben eine weitere alte Ansichtskarte vom Nebozízek aus, auf der die Großmutter einer Kollegin vom Stadtmuseum zu sehen ist. Wir sind froh, dass wir die Fotografie ausleihen konnten. Zudem können sich die Ausstellungsbesucher eine Vorstellung vom damaligen Menüangebot des Nebozízek machen, denn es gibt auch eine alte Speisekarte. Die Auswahl von Gerichten und Getränken war damals recht vielfältig.“

In der Dauerausstellung über den Laurenziberg als Ausflugsziel und Erholungsgebiet wird auch die sportliche Mode vom Ende des 19. Jahrhunderts gezeigt. Auf Fotografien, die die Ausflüge des tschechischen Wandervereins dokumentieren, sind die Herren aus heutiger Sicht meist sehr schick gekleidet. Sie haben nur etwas festere Schuhe oder auch einen Spazierstock. Jana Bělová ist Museumsmitarbeiterin und hat diesen Teil der Ausstellung zusammengestellt:

Nebozízek (Foto: Martina Schneibergová)
„Die Damen durften bei einer Wanderung den Rock ein bisschen hochschürzen. Aber eine Wanderung oder ein Spaziergang auf dem Laurenziberg war auch eine gesellschaftliche Angelegenheit. Die Bekleidung war zwar etwas sportlicher als sonst, trotzdem musste sie repräsentativ sein. Am ausgestellten Kleid aus dem Jahr 1890 ist zu sehen, dass es den Körper nicht mehr zuschnürte. Für die damalige Zeit galt das als ein sehr sportlich aussehendes Kleid.“

Undenkbar allerdings, dass eine Dame ohne Sonnenschirm, Hut und Handschuhe auf dem Laurenziberg spazieren ging. Jana Bělová:

„Es handelte sich ja nicht um eine Wanderung durch den Wald oder in den Bergen. Bei der Eröffnung des Aussichtsturms kamen zum Beispiel viele der Besucher von der Landesausstellung dorthin. Und diese Ausstellung zu besichtigen war damals eine Prestigesache.“


Der Aussichtsturm auf dem Petřín und auch die Dauerausstellung im Souterrain des Turms sind das ganze Jahr hindurch zugänglich, von April bis September sind die Öffnungszeiten von 10 bis 22 Uhr.