Theater und Kunst im Plattenbau: „Kulturstation Galaxie“ in der Prager Südstadt eröffnet

Kulturstation Galaxie

In der Prager Plattenbausiedlung Jižní Město (Südstadt) ist am Samstag die „Kulturstation Galaxie“ feierlich eröffnet worden. Martina Schneibergová hat sich das neue Kunstzentrum angeschaut.

DAMU | Foto: Vratislav Šrámek,  Kulturní stanice galaxie

Die neu eröffnete „Kulturstation Galaxie“ bietet Räumlichkeiten für fünf kreative Institutionen: das Prager Theater Dejvické divadlo, das Theater Minor, das Festival „4+4 Tage in Bewegung“, die Tanzplattform DanceConnected und die Prager Theaterakademie DAMU. Am Anfang stand die Suche des Theaters Dejvické divadlo nach Ersatzräumlichkeiten, als das Ensemble eine gründliche Instandsetzung seines Gebäudes im Prager Stadtteil Dejvice plante. Lukáš Průdek ist Direktor des Theaters:

Lukáš Průdek | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Seit 2023 hatten wir nach Räumlichkeiten gesucht, in denen wir während der Zeit spielen können, in der unser Theater renoviert wird. Im April 2024 betraten wir dieses Gebäude. Einen Monat später haben wir die sogenannten ,galaktischen Fünf‘ zusammengestellt. Außer dem Theater Minor, das wir angesprochen hatten, schlossen sich weitere drei Interessenten an. Sie alle hatten den Mut und den Elan, mit uns diese Kulturstation ins Leben zu rufen. Für uns alle ist es ein großes Ereignis.“

Die einzigartigen Räumlichkeiten verbinden unterschiedliche künstlerische Bereiche miteinander. Dies könnte den südlichen Teil von Prag beleben, in dem das Kulturleben bisher nicht gerade blühte. Die „Kulturstation Galaxie“ geht auf den Namen des ersten Multiplexkinos in Tschechien, das in diesem Gebäude 1996 eröffnet wurde. Das Multikino Galaxie wurde 2019 geschlossen, seitdem wurde das ehemalige Kulturzentrum der Prager Südstadt nicht mehr genutzt.

Prager Südstadt | Foto: Radio Prague International

Die „Kulturstation Galaxie“ befindet sich nur ein paar Schritte entfernt von der Metrostation Háje – der Endstation der Metro-Linie C – inmitten einer Plattenbausiedlung. Diese gehört zum Komplex von Siedlungen, die seit den 1970er Jahren am südöstlichen Stadtrand von Prag erbaut wurden. Sie werden alle als Jižní Město (Südstadt) bezeichnet, umgangssprachlich „Jižák“. Derzeit wäre „Jižák“ mit seinen mehr als 80.000 Einwohnern die elftgrößte Stadt in Tschechien, wie auch Jiří Sulženko bei der Präsentation der „Kulturstation Galaxie“ anmerkte. Er leitet im Prager Magistrat die Abteilung für Kultur und Tourismus. Über die Anfänge der neuen Kulturstation sagte Sulženko gegenüber Radio Prag International:

Jiří Sulženko | Foto: Tschechischer Rundfunk

„Vor etwa anderthalb Jahren hat uns Lukáš Průdek vom Theater Dejvické divadlo angesprochen. Er sagte, das da seien vermutlich die besten Räumlichkeiten, die er gefunden habe. Wir meinten, dass es am besten wäre, noch andere Kulturinstitutionen zu kontaktieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Der Prager Magistrat unterstützt zahlreiche Projekte in der Hauptstadt. Wir hatten zuvor schon daran gedacht, eine Expansion des Theaters Minor aus dem Stadtzentrum, wo es in der Regel spielt, hinaus auszuprobieren. Die Zusammenarbeit mit dem Ensemble ergab sich also völlig natürlich. Ich bin sehr froh, dass sich schließlich fünf Subjekte zusammengeschlossen haben, die die Räumlichkeiten der Galaxie nutzen werden.“

Auf den ersten Blick scheint das ehemalige Multikino monströs zu sein. Wie kommen die Mitglieder der galaktischen Fünf damit zurecht? Jiří Sulženko:

„Es scheint, dass jeder Raum genutzt wird. Denn die Ensembles brauchen auch Lagerräume und Garderoben. Außer zwei Ausstellungssälen und drei Theatersälen hat die Theaterakademie DAMU hier auch einen Studiensaal mit entsprechender Ausstattung. Ich denke, dass kein einziger Raum leer geblieben ist.“

Dejvické divadlo | Foto: Hynek Glos,  Kulturní stanice galaxie

Für viele Prager ist die Vorstellung, in ein Theater in eine Plattenbausiedlung zu fahren, etwas ungewöhnlich. Das Theater Dejvické divadlo ist jedoch so beliebt und gefragt, dass der Großteil der Karten für die kommenden Monate bereits ausverkauft ist. Und in Wirklichkeit sind es vom Stadtzentrum zur „Kulturstation Galaxie“ nur etwa 15 Minuten mit der Metro.

„Ich denke, auf der Seite des Publikums gibt es mentale Barrieren. Es ist notwendig, den Bewohnern aus dem Stadtzentrum zu erklären, dass Galaxie wirklich nahe liegt. Ich hoffe, dass auch die Bewohner der Südstadt den Weg in die Galaxie finden und dass die Kulturstation für sie entsprechend attraktiv sein wird: das Theater Dejvické divadlo für Erwachsene, das Theater Minor für Familien mit Kindern sowie Tanzprojekte für ein junges Publikum. Ich finde, das Angebot ist so bunt und breit, dass es für die Menschen attraktiv ist.“

Theater Minor | Foto: Kulturní stanice galaxie

Das Theater Minor hat seinen Sitz im Prager Stadtzentrum. Seine Vorstellungen sind vor allem für Kinder und Jugendliche bestimmt. Jan Jirků ist Direktor des Theaters. Er begrüßt die Möglichkeit, auch am Stadtrand aufführen zu können:

„Das Theater Minor hat ein Problem, und zwar dass es ständig ausverkauft ist. Darum freue ich mich über die Zusammenarbeit mit den anderen Ensembles und die Möglichkeit, auch in der Galaxie zu spielen. Die erste Premiere in der Südstadt ist ,Das Betonmärchen‘. Es wurde speziell für diesen Raum geschrieben und inszeniert. Die Autoren haben mehrere Geschichten vor Ort gesammelt, dabei ließen sie sich von ihrer Fantasie mitten in die Plattenbauten führen. Wir haben auch Schulen angesprochen und bereiten ein Workshop-Wochenende für Kinder vor. Ich hoffe, dass nicht nur Zuschauer aus dem Stadtzentrum, sondern auch aus der Südstadt unsere Vorstellungen besuchen.“

Theater Minor | Foto: Kulturní stanice galaxie

Gläser mit Gefühlen an der Bar

Die Big Bang Bar von Krištof Kintera | Foto: Lukáš Procházka,  Kulturní stanice galaxie

Beim Eintritt in den Kulturraum Galaxie weckt eine superlange Bar die Aufmerksamkeit der Besucher. Die Big Bang Bar wurde vom Bildhauer Krištof Kintera gestaltet. Er hat den Raum des ehemaligen Multikinos in eine Kunstinstallation verwandelt, die sich irgendwo zwischen Design und einem Alchimistenlabor bewegt. In der Bar finden sich rund 3000 Gläser und Flaschen mit über 936 „menschlichen Gefühlen“, wie der Künstler es nennt. Die Installation trägt den Titel „Wie kann ich Ihnen helfen?“. Sie knüpft an Kinteras Interesse für die Sprache an und deren Fähigkeit, etwas zu vermitteln, was unsichtbar ist. Krištof Kintera sagt, die Installation sei aus einer unauffälligen Idee hervorgegangen:

„Vor etwa zehn Jahren nahm ich ein Glas Znaimer Gurken in die Hand und schrieb ,Freude‘ darauf. Auf ein anderes Glas schrieb ich das Gegenteil, und zwar ,Sorge‘. Die Gläser standen dann jahrelang in meinem Atelier. Ich habe weitere Gläser und Flaschen beschriftet, manchmal habe ich auch etwas hinzugezeichnet. Zehn Jahre später hatte ich eine ganze Sammlung von Eigenschaften, Gefühlen, Stimmungen, einfach von allem, was mit der Psyche eines Individuums zusammenhängt. Es findet sich da alles, was uns jeden Tag ermuntert, ärgert, erfreut und aufbaut. Zu sehen sind hier also 3000 Gläser und Flaschen, auf denen fast 1000 Begriffe stehen. An der Installation habe ich natürlich mit vielen weiteren Menschen zusammengearbeitet, denen ich hiermit danke.“

Die Big Bang Bar von Krištof Kintera | Foto: Lukáš Procházka,  Kulturní stanice galaxie

Plattenbau als Inspiration

'Die Siedlung' | Foto: Jakub Bachoríkx,  Kulturní stanice galaxie

Gleich neben der Big Bang Bar sind zwei Ausstellungen zu sehen. Eine davon trägt den Titel „Die Siedlung“ und zeigt visuelle Aussagen einiger Künstlergenerationen, die das Thema Plattenbausiedlung reflektieren. Die Schau wurde von Ondřej Horák mitkuratiert. Er macht auf jenen Teil der Ausstellung aufmerksam, der die Gegenwart der Südstadt widerspiegelt:

'Die Siedlung' | Foto: Jaromír Čejka,  Moravská galerie Brno/Kulturní stanice galaxie

„Wir haben Künstler dazu eingeladen, sich mit der Plattenbausiedlung bekannt zu machen und konkrete Projekte zu entwerfen, die die Bewohner der  Südstadt in die Ausstellung locken sollten. Plattenbausiedlungen haben auch schon früher zahlreiche Künstler inspiriert. Hier finden sich Werke von Magdalena Jetelová und Kurt Gebauer. Über dem Eingang in den Saal hängt der Text des berühmten Songs ,Jižák‘ der Band Manželé von 1985. Auch einige der Gegenwartskünstler lassen sich in ihrem Werk von Plattenbausiedlungen inspirieren. Ich möchte da ein Projekt von Kateřina Šedá nennen. Sie hat die Möglichkeit der gegenseitigen Annäherung der Bewohner einer Plattenbausiedlung mit symbolischen Gesten erforscht. Das Künstlerduo Convict hat seine Bilder hier in der Südstadt gemalt und in den Gemälden die Geschichten der Bewohner sowie die Atmosphäre der Siedlung festgehalten.“

„Planet Kopf“ | Quelle: Kulturní stanice galaxie

Eine weitere Ausstellung mit dem Titel „Planeta hlava“ („Planet Kopf“) von David Böhm und Ondřej Buddeus ist vom Buch „Hlava v hlavě“ („Kopf im Kopf“) inspiriert, das 2017 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde.

„Planet Kopf“ | Foto: Markéta Černá,  Kulturní stanice galaxie

Die „Kulturstation Galaxie“ befindet sich in der Straße Arkalycká 1 in der Prager Südstadt, nahe der Metro-Station Háje. Die Ausstellungen sind mittwochs bis sonntags von 14 bis 19:30 Uhr geöffnet.