Tomas Kraus über die tschechischen Juden von heute

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Der Holocaust und Antisemitismus sind ein oft diskutiertes Thema in den jüdischen Gemeinden Tschechiens, gleichzeitig wird jedoch über bedeutende Persönlichkeiten, Kultur, Soziales und vieles mehr geredet. Das Bild der Opfer ist nur ein unvollständiges Bild der Juden. Es ist wichtig eine Vorstellung zu haben, wie früher und heute das jüdische Leben mit seinen Traditionen, mit seiner Ethik oder Philosophie gewesen ist. Marion Riese hat sich mit Dr. Tomas Kraus, Vorstandsmitglied der Föderation der jüdischen Gemeinden in Tschechien unterhalten.

Anfang der 90er Jahre gab es große Diskussionen in den jüdischen Gemeinden Tschechiens. Was sind wir eigentlich? Tschechen jüdischen Glaubens oder Juden als eine Nationalminderheit? Tomas Kraus fasst die Frage zusammen und sagt:

"Ich sage immer, wir sind alles und wir sollten den Leuten die Wahl geben, wie sie sich fühlen. Sie sollen sich identifizieren je nach Glauben, der persönlichen Erfahrung und je nach dem, was die Leute interessiert."

Vor dem Krieg lebten auf dem Gebiet von Tschechien und Mähren ca. 120.000 Juden. Von den ca. 10 Prozent Überlebenden sowie den sich nach dem Krieg neu angesiedelten Juden wanderten Ende der 40er Jahre und nach dem Prager Frühling 1968 jeweils viele von Ihnen in großen Emigrationswellen aus. Mit Beginn der Arbeit der Föderation der jüdischen Gemeinden 1990 gab es in den zehn jüdischen Gemeinden in Tschechien ca. 3000 Juden, was heute nicht anders ist. Neben den registrierten Mitgliedern der Gemeinden gibt es aber auch noch geschätzte 15.000 bis 20.000 Personen, die der jüdischen Gemeinschaft angehören.

Die Föderation fungiert als Dachorgan für die jüdischen Gemeinden und alle anderen jüdischen Gruppen und Institutionen der Tschechischen Republik. Hauptaufgaben sind sowohl die Wiedergutmachung des Unrechtes der Holocaustopfer und von Arisierungen, als auch das Schaffen von Sozialprogrammen für ältere Personen und von Bildungsprogrammen sowie der Erhalt von Synagogen, Denkmälern und Friedhöfen.

Auf die Frage, ob es Probleme bei der Integration der Juden in der Tschechischen Republik gebe, spricht Kraus eher vom Gegenteil; vor Ort gebe es Probleme wegen der fortschreitenden Assimilation. Aus diesem Grund wurden von der Föderation verschiedene Bildungsprogramme geschaffen. Das größte findet in Prag statt, im Bildungs- und Kulturzentrum des jüdischen Museums, welches jeden Tag Angebote für die Öffentlichkeit bereit hält. Auch hat die hiesige jüdische Gemeinde einen Kindergarten, eine Grundschule und ein Gymnasium eingerichtet, um die ca. 200 Kinder zu betreuen. Ferner werden in Prag bis zu 5 unterschiedliche jüdische Gottesdienste pro Woche abgehalten. Auf die abschließende Frage, wie mit der jüdischen Vergangenheit in Tschechien umgegangen wird, antwortete uns Tomas Kraus:

"Mit der Vergangenheit ist das nicht einfach. Wir, die damit betroffen sind, wissen um die Vergangenheit. Wir haben jetzt erfahren, dass leider die junge Generation darüber sehr wenig weiß. Unser Ziel ist deswegen, diese Geschichte in die Materialien in der Schule zu bringen. Ein sehr gutes Projekt läuft gerade in der Gedenkstätte Theresienstadt, wo die Geschichte in Seminarform für die Lehrer unterrichtet wird. Und die Lehrer haben die Möglichkeit, das in den Schulen zu unterrichten."

Autor: Marion Riese
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