Torsten Kerl: Dalibor würde ich sehr gerne singen

Torsten Kerl (Foto: Autorin)

Der deutsche Tenor Torsten Kerl gehört zu den international gefragtesten Sängern seines Fachs. Er singt in großen Opernhäusern der Welt und ist regelmäßiger Gast bei großen Opern- und Konzertfestivals. Das tschechische Publikum konnte Torsten Kerl voriges Jahr beim internationalen Opernfestival „Smetanas Litomyšl“ erleben.

Torsten Kerl hat als Oboist angefangen. Die Stimme ist jedoch ein ganz anderes Instrument, wie der Künstler sagt. Am Anfang seiner Sängerkarriere sang er in Smetanas Verkaufter Braut:

„Meine erste große Rolle war dann Jeník / Hans in der ´Verkauften Braut´. Wir haben 30 Vorstellungen gemacht, und das war sehr viel. Und meine zweite Oper war eine russische Oper. Meine beiden ersten großen Partien waren also im slawischen Fach."

Ist Bedřich Smetana Ihrer Meinung nach als Opernkomponist gut bekannt, oder kennt man im Ausland von den Opern nur die Verkaufte Braut und sonst nur noch die Moldau?

Torsten Kerl  (Foto: Autorin)
„Ich habe aus meiner Orchesterzeit vor allem die Moldau gekannt, die wir auch sehr oft gespielt haben. Als Sänger kenne ich aus den deutschen Opernhäusern oder auch aus anderen Operntheatern nur `Die verkaufte Braut`. Ich habe außerhalb von Deutschland öfters schon mal Janáček gesungen. Das wurde natürlich in Tschechisch aufgeführt. Aber Smetana wird selten gespielt - außer der ´Verkauften Braut´. Das ist wirklich eine Ausnahme. Leider ist es so. Ich finde, dass Smetana in Deutschland zu den am meisten unterschätzten Komponisten gehört. Smetana ist ein Komponist, der wunderschöne Musik geschrieben hat, die auch sehr eigenständig ist - genauso wie Antonín Dvořák ganz eigenständig ist. Ich meine, dass es eine unglaublich positive Musik ist. Man merkt, wenn man die ´Verkaufte Braut´ hört, dass das eigentlich gar nicht schlecht ausgehen kann. Ich finde, dass die Musik sehr begeistert. Sie ist auch sehr rhythmisch und hat so eine ländliche Lebensfreude. Es sind nicht Tausende von psychologischen Gedanken drin. Es ist Musik, die unheimlich klar ist, die auch oft im positiven Sinne einfach ist. Man kann sie leicht hören, aber sie ist oft schwer zu machen, weil sie so rhythmisch ist. Dies ist aber etwas, was im Westen oder gerade in Deutschland fehlt. Wir haben im deutschen Bereich eher Musik, die sehr schwer ist. Es gibt auch lustige Sachen, aber es wird immer sehr schwer gehalten. Dieses urtümliche Lebensgefühl, das diese Musik ausstrahlt, das hat mir sehr gefallen. Bei Antonín Dvořák ist es schon eher romantischer, es geht fast ins Italienische über, obwohl ich seine Werke auch einmalig finde. Man sieht, dass es die große Zeit der tschechischen Musik war, die dann irgendwo mit Janáček endet. Wobei Janáček bei mir an zweiter Stelle ist. Mir gefällt seine Musik und finde sie ganz einzigartig. Ich finde, er kam, war völlig unverwechselbar und verschwand wieder. Und niemand hat weiter so komponiert. Das war ein Komponist, dem man nur gerecht werden kann, wenn man Tschechisch kann, was ich leider nicht kann. Denn er hat wirklich Sprache komponiert. Ähnlich wie es meiner Meinung nach lustig klingt, wenn man Wagner in einer anderen Sprache als auf Deutsch macht. Man muss Wagner auf Deutsch singen. Und ich glaube, Janáček muss man auf Tschechisch singen. Das geht nicht anders. Bei Smetana ist es, meine ich, etwas unabhängiger davon. Ich fand das auf Deutsch auch schön, muss ich sagen. Ich halte auch die deutsche Übersetzung beispielsweise viel besser als bei Carmen.“

Da haben Sie Recht. Interessant ist, dass beispielsweise das ursprüngliche Libretto für Smetanas Dalibor in Deutsch geschrieben wurde. Die tschechische Fassung, die heute benutzt wird, ist eine nicht gerade geglückte Übersetzung des deutschen Librettos ins Tschechische. Ich könnte mir Sie übrigens als Dalibor ganz gut vorstellen…

„Ich singe gerne Partien, die relativ selten sind, aber nicht nur solche Partien, denn das ist dann wieder eine Marotte, das möchte ich auch wieder nicht. Wir haben Korngolds ´Die Tote Stadt´ in verschiedenen Opernhäusern sehr intensiv gespielt, wir haben Kreneks ´Jonny spielt auf´ gemacht sowie verschiedene weitere Opern, die ich nicht alle aufzählen kann. Und ich habe ´Dalibor´ auch vorgeschlagen. Wann immer ich gefragt werde, ob ich nicht eine Idee hätte, eine Oper mit einer großen Tenorrolle aufzuführen, dann nenne ich eben ´Dalibor´, der gefällt mir. Und mir gefällt ´Tiefland´ von d´Albert. Momentan haben wir in Deutschland eine solche ´Tiefland-Welle´, insofern sehe ich für den ´Dalibor´ weniger Chancen, was aber nichts heißt. Ich bin da sehr geduldig, ich schlage die Oper immer wieder vor. Bei dem in Deutschland vorherrschenden Repertoiretheater ist es so: Wenn einer mit etwas anfängt, also irgendein Intendant einmal den Mut hat, dann machen das alle nach. Da bin ich sehr zuversichtlich. Ich würde die Partie sehr gerne singen, aber diese Oper hat leider in Deutschland und in Österreich nicht den Stellenwert wie in Tschechien.“

„Dalibor“ wird eigentlich selten im Ausland aufgeführt, aber ich kann mir auch vorstellen, dass die Zeit für diese Oper noch kommt.

„Ja, Opern, die nicht zum so genannten Mainstream oder Hauptrepertoire gehören, kommen immer in Zyklen oder Wellen. Dies liegt, wie ich schon sagte, daran, dass einer in einem bekannten Haus sich traut, und dann schwappt es plötzlich über. Man kann natürlich auch Stücke ansetzen, wenn ein wirklich sehr berühmter Sänger wie Herr Domingo sagt, er sänge nur noch das, sonst komme er gar nicht. Ansonsten muss man hoffen, dass man Intendanten findet, die mutig sind und die unter Umständen auch riskieren, dass die Leute sagen: Smetana kenne ich, aber nur die Moldau und den Reste nicht, da gehe ich also auch nicht hin. Manche Leute verhalten sich dabei ähnlich wie beim Essen – was sie nicht kennen, essen sie nicht. Man müsste ein Opernhaus finden, das relativ groß ist. Ich glaube, wenn man so ein Haus findet – und wir arbeiten daran –, dann wird es bestimmt ein Erfolg sein, denn die Musik ist wunderschön.“

Meinen Sie, dass sich die Opernhäuser im Allgemeinen eher auf das bewährte Repertoire stützen?

„Ja, das kann ganz leicht zum Museum werden. Und ich glaube, dass es daran heutzutage ein wenig krankt. Wir haben es auch in unserem Gespräch gemerkt: Was würden Sie gerne singen? Dalibor. Und der ist auch etwa 150 Jahre alt. Wenn man überlegt, dass damals Mozart Opern geschrieben hat und wenn er dieselben ein Jahr später aufführen sollte, wurde gesagt: ´Wieso? Da müssen Sie etwas Neues schreiben.´ Heute sagt man: Lasst uns die alten Sachen aufführen. Dies ist ein Punkt, an dem wir als Künstler und auch als Zuschauer am eigenen Ast sägen. Ich habe Angst vor diesem Klischee ´modern heißt schlecht, atonal, nur noch Geräusche´. Das stimmt nicht. Ich glaube, Leute wie Korngold, die vor knapp 50 Jahren gestorben sind, haben eine einmalige Musik gemacht - oder auch Janáček oder Strawinsky, das ist alles eine tolle Musik. Sie sind alle noch nicht lange tot, das darf man nicht vergessen.“

Ich habe von Ihnen gehört, dass Sie nur ungern in irgendwelche Schublade gesteckt werden. Sie singen sowohl italienische Opern, als auch Wagner, aber auch Lenski in Eugen Onegin. Lassen Sie sich als Heldentenor oder lyrischer Tenor bezeichnen oder halten Sie von diesen Schubladen nicht viel?

„Ich glaube, dass es diese Fächer eigentlich nicht wirklich gibt. Ich finde, dass es heutzutage allzu viele Experten und zu wenig Leute mit Ohren gibt. Wenn ich eine Stimme höre, höre ich einen Charakter. Und danach suche ich Stücke aus.“

Sie haben erwähnt, dass Sie gerne Opern wieder entdecken. Sie nannten vorher Smetana. Haben Sie einige weitere Tipps für Wiederentdeckungen?

„Der Vorteil ist, dass ich öfters Opern angeboten bekam. Und ich habe das wirklich seltene Glück, Vorschläge machen zu dürfen, wenn die Leute gerade fragen: Wozu hat du Lust? Generell möchte ich Sachen singen, die unterschiedlich sind. Ich möchte mir nicht einen Stempel aufdrücken lassen. Ich glaube, dass eine Mixtur wichtig ist.“