Tote-Hosen-Gitarrist Breiti in Prag: „Ich habe keine Wehmut, nur Vorfreude“
Die Toten Hosen bringen am Freitag ihr letztes Studioalbum heraus. Bereits am Dienstag sind die Punkrocker aus Düsseldorf mit einem Konzert in Prag in ihre neue Tour gestartet. Nach über 20 Jahren war es der erste Auftritt in Tschechien. Radio Prag International konnte vorher mit Breiti (Michael Breitkopf), dem Gitarristen der Band, sprechen – nicht nur über das neue Album, sondern auch über den legendären Auftritt 1987 in Plzeň / Pilsen, der mit Ausschreitungen zwischen den Fans und der Polizei endete.
Breiti, Eure Tour heißt „Trink aus! Wir müssen gehen“ – genauso wie die neue Platte. Warum spielt Ihr das erste Konzert gerade in Prag?
„Wir sind schon sehr lange nicht mehr hier gewesen. Für diese ‚Testspiele‘ – wie wir das nennen – gehen wir gerne an Orte, an denen wir nicht so oft sind. Das ist wie bei einem Fußballverein, der vor Saisonstart erst einmal gegen einen nicht so starken Gegner spielt. Im Fußball wäre Prag zwar ein starker Gegner. Aber wir treten hier eben in einem eher kleinen Club auf. Für uns hat er genau die richtige Größe, um wieder reinzukommen.“
Ihr habt angekündigt, dass die neue Platte Euer letztes Studioalbum sein wird. Wie schwer ist Euch diese Entscheidung gefallen? War das mit Wehmut verbunden?
Rein rechnerisch würde unser nächstes Album erscheinen, wenn wir über 70 sind. Und wer weiß, was wir dann überhaupt noch zu sagen hätten.
„Nein, überhaupt nicht. Unser letztes Studioalbum ist jetzt schon neun Jahre her. Rein rechnerisch würde unser nächstes Album erscheinen, wenn wir über 70 sind. Und wer weiß, was wir dann überhaupt noch zu sagen hätten. Unsere Entscheidung hat sehr beeinflusst, was auf der Platte drauf ist. Wir wollten noch einmal alles geben, und bestimmte Sachen wären sonst sicher nicht entstanden. Wir wollten etwa schon immer ein Lied über unsere Heimatstadt Düsseldorf machen, sind daran bisher aber immer gescheitert. Jetzt ging das auf einmal. Es sind auch mehrere Lieder dabei, in denen wir uns mit uns selbst beschäftigen. Wir wissen nicht, ob das außer uns noch jemanden interessiert. Aber nun veröffentlichen wir sie. Bei aktuellen Themen der Zeit muss man sich zudem immer fragen, ob man Dinge direkt und platt ausdrückt – dann hört es sich langweilig an. Wenn man es aber mit zu viel Ironie versucht, versteht es die Hälfte wieder nicht. Und auch über diese Frage haben wir uns dieses Mal weniger Gedanken gemacht. Ohne das alles wäre die Platte ziemlich leer geblieben. Es war also auch fruchtbar, diese Entscheidung zu treffen.“
Jüngst ist eine ARD-Dokumentation über Euch erschienen. Dafür wurde der Entstehungsprozess der Platte begleitet. Für mich war etwa spannend zu sehen, dass Text und Musik zunächst getrennt entstehen. Was ist Deine Rolle in der Band und bei der Entstehung der Platte?
„Das werde ich jetzt nicht erzählen. Ich habe zu der Doku kein Verhältnis. Jeder hat seine eigene Welt, sein eigenes Erlebnis. Und mein Erlebnis von dem Album gibt diese Dokumentation nicht wieder. Für Außenstehende, die sonst nicht dabei sein können, ist das aber vielleicht interessant. Und damit hat die Doku dann wohl auch ihre Berechtigung.“
Hast Du einen Lieblingssong auf der neuen Platte?
„Ein Maßstab ist immer, welche Lieder bei Konzerten ihren Weg gehen. Und das wissen wir noch nicht. Wenn so eine Platte gerade erst fertig ist oder dabei ist, fertig zu werden, hat man meist gar kein richtiges Verhältnis dazu. Man kann nicht einschätzen, was wirklich gut ist und was nicht. Als wir im Proberaum standen, haben wir aber festgestellt, dass es ziemlich viele Kandidaten auf dem Album gibt, die bei Konzerten gespielt werden könnten. Das ist ein erstes kleines Qualitätsmerkmal.“
Ihr spielt heute Abend nicht Euer erstes Konzert in Tschechien. 1987 seid Ihr in Pilsen bei einem Friedenskonzert aufgetreten. Allerdings ist der Abend ziemlich eskaliert. Wie kam es überhaupt zu dieser Einladung in die Tschechoslowakei?
Es gab eine Schubserei, ein bisschen Prügelei. Die Polizisten haben ein Spalier mit Gummiknüppeln gebildet.
„Es sollte ein Friedensfestival mit Bands aus Ost und West sein. Es gab einen Abend in München und einen Tag in Pilsen. Schon in München gab es Ärger, als sich die Einstürzenden Neubauten mit einigen der Hooligan-Ordner prügelten. In Pilsen haben wir am Nachmittag in diesem schönen Amphitheater gespielt. Nach uns kam eine tschechische Band (Michal David, Anm. d. Red.), die dem Publikum wohl zu regimetreu war. Die Leute fingen an, mit Steinen zu schmeißen. Und dann war auf einmal überall Polizei. Es hatte schon am Anfang des Tages Ärger gegeben, weil viele Punks aus der DDR im West-Berliner Radio gehört hatten, dass wir in Pilsen spielen würden. Sie hatten sich zu Hunderten auf den Weg gemacht, viele von ihnen wurden an der Grenze aber nicht durchgelassen. Einige von ihnen haben es aber eben doch geschafft und saßen nach unserem Auftritt bei uns in der Garderobe. Wir haben gefeiert und getrunken. Als die Stimmung dann beim Auftritt der tschechischen Band eskaliert ist, waren auf einmal überall Zivilpolizisten und meinten, alle, die nicht zur Band gehörten, müssten gehen. Wir erwiderten, das seien unsere Freunde und sie würden drin bleiben. Dann gab es eine Schubserei, ein bisschen Prügelei. Der Auftritt der Einstürzenden Neubauten durfte nicht mehr stattfinden. Die Polizisten haben schließlich ein Spalier mit Gummiknüppeln gebildet. Da hindurch mussten wir unser Equipment in den Bus tragen. Und sie haben ganz ordentlich zugelangt.“
Sie haben also auch Euch geschlagen?
„Ja, klar. Das ganze Publikum strömte um die Garderobengebäude herum auf den Parkplatz. Die Leute haben uns Biere durchs Busfenster gereicht und wurden dafür sofort verhaftet und weggekarrt. Wir wurden mit Polizeiwagen und Hunden im Bus zur Grenze gebracht. Eigentlich sollte uns der tschechische Bus wieder zurück nach München bringen. Stattdessen wurden wir an einem tschechoslowakischen Grenzübergang im Bayerischen Wald rausgeschmissen. Die deutsche Grenzstation war einen Kilometer zu Fuß entfernt. Und wir hatten unser ganzes Equipment dabei. Also meinten wir, wir hätten München gebucht und würden nun auch dorthin fahren wollen. Während wir in dem Bus warten mussten, haben wir darin alles kaputt gemacht, was kaputt zu machen war. Wir waren so sauer auf alles, was da passiert war.“
Ihr habt also den Bus auseinandergenommen?
In Bayern wurden uns Brote geschmiert, dann wurde der selbstgebrannte Schnaps auf den Tisch gestellt.
„Ja. Wir haben gesagt, sobald wir im Westen sind, zünden wir ihn an. Wohlweislich wurden wir aber nicht in den Westen gefahren, sondern uns wurden immerhin Taxis bestellt. Nachts um halb zwei sind wir in einer Dorfschenke in einem kleinen bayerischen Ort angekommen. Darin saßen die Wirtin, ein älterer Herr und der Rechtsanwalt aus dem Dorf. Als wir unsere Geschichte erzählt hatten, ging die Wirtin erst einmal in die Küche und schmierte uns Brote. Dann wurde der selbstgebrannte Schnaps auf den Tisch gestellt. Wir haben mit denen bis halb sechs morgens gefeiert. Der Anwalt ist direkt aus der Kneipe zum Gericht. Was für ein Plädoyer er in seinem Zustand an dem Tag gehalten hat, weiß ich auch nicht. Es war also ziemlich viel los an dem Tag. Und wir haben erst hinterher gemerkt, dass das für die Punk-Szene in Tschechien eine starke Bedeutung hatte.“
Ihr habt das Erlebnis aber scheinbar auch noch sehr intensiv in Erinnerung…
„Absolut. Wir haben ja sehr viel illegal im damaligen sogenannten Ostblock gespielt – in Polen, Jugoslawien, in der DDR. In Ungarn sind wir 1983 das erste Mal aufgetreten. Davon durfte aber nie jemand erfahren. Und bei dem Konzert in Pilsen dachten wir eben, dass ja nichts schiefgehen könne, da es eben offiziell war. Aber das Paradoxe ist eben, dass aus dem Friedensfestival am Ende so überhaupt kein Friedensfestival wurde.“
Habt Ihr damals die tschechische Punkrock-Szene verfolgt. Und tut Ihr das heute?
„Ehrlich gesagt nicht. Ich habe gerade jemanden von einer tschechischen Band getroffen und muss ihn gleich noch ein wenig ausfragen. Es gibt so viele Länder rundherum, in denen man sich nicht auskennt. Auch in Frankreich und Italien gibt es so viele tolle Sachen zu entdecken. Wenn wir Ende des Jahres mit den Konzerten durch sind und dann ja auch kein neues Album ansteht, ist wieder ein wenig Freiraum, sich auch für andere Dinge zu interessieren. Da freue ich mich drauf.“
Gibt es etwas, was Du gern noch mit den Toten Hosen erleben würdest, was bisher aber nicht passiert ist? Habt Ihr noch ein großes Ziel?
„Das fragen uns die Leute schon immer. Es gibt aber keine übergeordnete Sache in der Richtung. Jedes Konzert ist wieder ein Ziel. Wir lieben das und machen das aus Leidenschaft. Das immer wieder zu erleben, ist schon Aufregung und Freude genug.“
Ihr habt angekündigt, dass es Euer letztes Studioalbum wird. Vielleicht ist es auch die letzte Tour. Ist das heute Abend Euer letztes Konzert in Tschechien?
„Ich habe nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung. Die Leute fragen uns seit 25 Jahren, wie lange wir das noch machen wollen. Die Antwort war schon immer: ‚Keine Ahnung. Wir machen uns jetzt mal einen Plan für die nächsten ein, zwei Jahre, aber eigentlich wissen wir ja schon nicht, was nächste Woche ist.‘ Insofern habe ich weder Wehmut noch irgendwelche nostalgischen Gedanken. Ich habe nur Vorfreude auf alles, was da kommt. Wir sind total dankbar dafür, dass sich immer noch so viele Leute dafür interessieren, was wir tun. Der Rest kommt später.“
Den gesamten Beitrag mit Eindrücken vom Konzert und Stimmen der Fans hören Sie in der Audioversion des Beitrags.







