Zu Hause in der Welt: Už jsme doma würden gern mehr durch Deutschland touren
Už jsme doma haben in dieser Woche ein besonderes Konzert gespielt. In der Lucerna Music Bar wurde an den allerersten Auftritt der Band vor fast genau 40 Jahren erinnert. Begleitend zu den Liedern waren Hunderte Fotos auf der Bühnenleinwand zu sehen. Und die vier Musiker sowie das fünfte Bandmitglied, der Maler Martin Velíšek, hatten sich für diesen Anlass wieder einmal in ihre gelben Anzüge inklusive Häuschen-Hut gekleidet. Ein Comic-Haus ist nämlich das Markenzeichen der Band, deren Name übersetzt „Wir sind schon zu Hause“ bedeutet. Wo die Kombo überall in der Welt unterwegs ist, wenn sie gerade nicht zu Hause ist, und warum das viel zu selten in Deutschland ist – darüber haben wir mit Sänger, Songwriter und Bandleader Miroslav Wanek gesprochen.
Es war der 6. Juli 1985. Auf dem Liniendampfer „Vltava“, der in Prag auch heute noch die Moldau auf- und abfährt, machen sich die Band FPB aus Teplice und ihre Fans zum Konzert bereit. Eine der Vorbands sind die gerade gegründeten Už jsme doma, die aus derselben Stadt in Westböhmen stammen und in Prag nun ihren allerersten Auftritt absolvieren sollen. Miroslav Wanek, der heute das Gesicht von Už jsme doma ist, war damals noch Mitglied bei FPB. Er habe sehr lebhafte Erinnerungen an diesen Tag, sagt er im Interview mit Radio Prag International:
„Und das unter anderem, weil dieses Konzert ziemlich abenteuerlich war. Denn als das Schiff ablegen sollte, kamen 60 oder 80 Polizisten angefahren und nahmen etwa 30 bis 40 Leute fest. Leider war von jeder der drei Bands auch jemand dabei – einschließlich mir selbst. Ich kam also in die Polizeistation in der Bartolomějská-Straße, wo sie uns ungefähr eine Stunde lang festhielten. Inzwischen war das Dampfschiff, weil es ja einen Linienfahrplan hatte, schon abgefahren. Als wir nach einer Stunde also zur Anlegestelle kamen, sagten uns einige Leute, dass es im Stadtteil Braník angehalten haben soll – dort, wo sich heute die Barrandov-Brücke befindet. Also fuhren wir mit der Straßenbahn hinterher. Am Schiff angekommen, waren alle ganz begeistert, dass wir entlassen worden waren. Alle drei Bands fanden sich wieder zusammen und spielten tatsächlich noch ihr Konzert.“
Die Polizei sei nicht noch einmal gekommen, fügt Wanek hinzu – weil sie wohl nicht erwartet hätte, dass die gerade verwarnten Musiker die Frechheit besaßen, wirklich noch aufzutreten.
FPB gab es bereits seit 1980 und schaffte es, trotz der Repressionen gegen die Punk- und Undergroundkultur immer wieder Konzerte zu spielen. Musikalisch seien sie ein Vorbild für Už jsme doma gewesen, erzählt Wanek. Er selbst sei noch im gleichen Jahr in die neue Band gewechselt. Dank Glasnost und Perestroika hätten Už jsme doma dann schon mehr Konzerte spielen können als zuvor FPB, so der Sänger:
„Už jsme doma traten in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre auf die Bühne, als es politisch schon ein wenig entspannter war. Sie haben nicht mehr ganz so viele Repressionen erlebt wie FPB. Es war aber natürlich immer noch schwierig zu spielen. Ähnlich wie FPB wurden Už jsme doma musikalisch zwar nicht zum Underground gezählt. Sie wurden aber genauso von den Langhaarigen angenommen, die immer im Restaurant ‚Vyšehrad‘ saßen. Das muss genannt werden, denn diese Gaststätte in Teplice war ein echtes Phänomen. Dort trafen sich die sogenannten ‚máničky‘ (Langhaarigen) und eben der Underground.“
Wanek besteht darauf, dass Už jsme doma nicht wie die klassischen Underground-Bands waren, die die Szene in der Tschechoslowakei der Vorwendezeit prägten. Vielmehr habe er schon mit FPB die damals neue Bewegung des Teplicer Punks (Punkové Teplice) begründet. Dabei sei er nicht nur von namhaften britischen und US-amerikanischen Vorbildern beeinflusst worden, sondern auch von Bands, die 1979 auf den Prager Jazz-Tagen aufgetreten waren…
„Diese konnten auch nicht in den Underground eingeordnet werden. Sie waren für mich etwas absolut Neues. Erst später habe ich erfahren, dass diese Musik Alternative, New Wave oder Progressive-Rock genannt wird. Es gibt verschiedene Namen dafür, und alle versuchen, etwas Sonderbares zu benennen. Das hat mich bezaubert. Gleichzeitig wollte ich mit 18 eben Punk spielen. Aber diese zweite Seite, die Avantgarde und experimentelle Musik, ließen mich auch nicht los. Ich versuchte, beides in mir drinnen zu verarbeiten und zu verbinden. Ich wollte beides – als ob man Appetit auf Schokolade und auf Eis hat und auf keines verzichten will.“
Ost inspiriert West
Der Rest an Inspiration sei über Radio Luxembourg gekommen, berichtet Miroslav Wanek weiter. Und seit diesen Tagen sei er, und das bis heute, ein großer Fan der Artrock-Band The Residents aus den USA. Ihnen habe er die erste Platte von Už jsme doma geschickt, die sie kurz nach der Wende endlich hätten aufnehmen können:
„Ein Jahr lang herrschte totale Stille. Und dann kam ein langer, etwa dreiseitiger Brief von The Residents. Dass sie sich das Album angehört hätten und es ihnen sehr gefalle. Und sie schrieben noch etwas Interessantes – dass nämlich durch den Eisernen Vorhang nicht nur der Osten schlecht an Informationen über die Kultur im Westen gekommen war, sondern dies auch andersherum galt. Künstler in den USA, konkret etwa The Residents, hatten fast keine Informationen darüber, welche Musik, Gemälde, Theaterstücke oder Filme hier bei uns entstanden. Da nun aber der Eiserne Vorhang gefallen sei, könnte die Kultur aus dem Osten die im Westen vielleicht stark beeinflussen – mit einem neuem Wind oder neuen Ideen. Dem fügten The Residents ein Kompliment an, dass sie sich nämlich nicht wundern würden, wenn Už jsme doma im Zentrum dieser Inspiration für den Westen stehen würden. Und als letzten Satz schrieben sie, wir sollten vorbeikommen, wenn wir mal in der Nähe seien.“
Dies sei den Tschechen wie eine Einladung zum Mars vorgekommen, über die sie herzlich gelacht hätten, fährt Wanek fort. Schon im Jahr 1992 ermöglichte ein kulturelles Austauschprogramm der tschechischen Linhart-Stiftung jedoch die erste US-Tournee von Už jsme doma, bei der sie ihre Idole von The Residents persönlich kennenlernten. Die enge Freundschaft und regelmäßige Bühnenkooperation dauern bis heute an.
Ein findiger Verleger gab dann auch die Platten von Už jsme doma in den USA heraus und brachte die Band auf das legendäre Festival South by Southwest in Austin im Bundesstaat Texas. Wanek schildert weiter, dass bei ihrem dortigen Konzert in einem kleinen Café zufällig auch David Fricke vorbeigekommen sei, Redakteur beim namhaften Magazin „Rolling Stone“ und eine echte Autorität in Sachen Musikjournalismus…
„Danach veröffentlichte er darüber eine Nachricht, wirklich nur einen kleinen Artikel von nicht einmal einer halben Seite. Darin schrieb er, er sei unter anderem in diesem Café gewesen, wo ein – so hieß es auf Englisch – ‚amazing Czech quintett‘ (zu Deutsch: ein tolles tschechisches Quintett, Anm. d. Red.) gespielt habe. Mehr nicht. Unser Verleger markierte diesen Satz neongelb und schickte den Artikel in den ganzen USA und in Kanada herum. Sofort hatten wir 40 Konzertbestätigungen.“
Inzwischen hätten sie schon etwa 800 Auftritte in den USA gehabt, resümiert der Sänger und verweist auf die jüngste Amerika-Tour vergangenen Herbst.
Die allererste Auslandstournee hatte die Band allerdings in die unmittelbare Nachbarschaft geführt, nämlich nach Deutschland …
„Damals hatten wir einmal mehr das Glück, dass praktisch gleich nach der Friedlichen Revolution ein Mann namens Gerhard aus Ostberlin auf uns zukam. Er hatte eine Agentur, ein Auto und die nötige Tonausrüstung. Und er hatte Kontakte in die Avantgarde-Szene – also genau dorthin, wozu wir Zugang finden wollten. Er holte uns in Prag ab, und von Berlin aus fuhren wir dann quer durch Deutschland. Später weiteten wir das auch nach Holland, Belgien, Frankreich, Italien und Österreich aus. Diese Tourneen hatten immer um die 20 Stationen, und so haben wir das zehn- oder fünfzehnmal absolviert. Wenn man es hochrechnet, haben wir also in den deutschsprachigen Ländern bestimmt schon 300 bis 400 Konzerte gespielt.“
Immer sei es toll gewesen, in Deutschland aufzutreten, und die Band sei vom dortigen Publikum herzlich aufgenommen worden. Doch schon Ende der 1990er Jahre seien diese Touren mit der Rente ihres Agenten Gerhard unterbrochen worden, bedauert Wanek. Und bisher sei es ihm nicht gelungen, wieder festen Anschluss an die deutschen Clubs zu finden.
Tschechisch als weiteres Musikinstrument
Nun spielen Už jsme doma nicht nur anspruchsvolle Musik, sondern singen auch auf Tschechisch. Ist das nie ein Hindernis gewesen bei ihren Auslandstourneen? Nein, sagt Miroslav Wanek prompt. Sie hätten zwar von ihrem zweiten Album „Nemilovaný svět“ (Ungeliebte Welt) auch eine englischsprachige Version herausgegeben – das Publikum fordere jedoch das Original ein:
„Gleich bei dem zweiten oder dritten Konzert der damaligen US-Tournee sprachen die Leute uns, unabhängig voneinander, darauf an. Es ist wichtig zu erwähnen, dass es sich um Fans von Avantgarde-Musik handelt. Möglich, dass Hörer von kommerziellen Radiosendern das Tschechische gestört hätte. Aber dieser Typ Menschen ist an World Music oder ähnliches gewöhnt. Sie baten uns also, in unserer eigenen Sprache zu singen. Jeder würde in den USA in schlechtem Englisch singen, sagten sie, was bei dem Lärm im Club aber sowieso nicht zu verstehen sei. Sie wollten also, dass wir beim Tschechisch bleiben. Das ist für sie so etwas wie ein weiteres Musikinstrument, durch das sie die Farbe der Sprache hören können.“
Dem kommen Už jsme doma seitdem nach. Trotzdem sei es für sie wichtig, dass die Menschen ihre Texte verstünden, unterstreicht Wanek. Darum gebe es im Booklet immer Übersetzungen in mehreren Sprachen. Englisch, Französisch, Polnisch und Deutsch sind dabei üblich – und zuletzt sei Japanisch hinzugekommen, berichtet der Texter und Komponist und verweist damit auf eine weitere wichtige Fangemeinde von Už jsme doma. Denn auch nach Japan reist die Band seit vielen Jahren immer wieder. Im April und Mai dieses Jahres etwa standen 15 Konzerte auf dem Tourplan, plus drei weitere in Taiwan und Singapur.
Gerade die Menschen in Japan würden besonders begeistert sein von den gelegentlichen Verkleidungen der Band, bestätigt der Sänger. Das sind die berühmten gelbe Anzüge oder etwa Möhren-Kostüme zu bestimmten Anlässen. Damit versuchten sie allerdings vorsichtig umzugehen, damit es nicht in eine Uniformierung ausarte, räumt Wanek ein.
Generell hat die visuelle Seite der Band, speziell die Plattencover sowie T-Shirt- und Plakatmotive, viel Witz und eine große Bedeutung. Dahinter steht der Maler Martin Velíšek, mit dem Wanek eine lebenslange Freundschaft verbindet. Häufig ist Velíšek bei den Konzerten dabei. Auch bei der Jubiläumsfeier in dieser Woche stand er mit auf der Bühne und malte im Verlaufe des Konzerts ein Bild – wiederum mit dem charakteristischen gelben Häuschen im Mittelpunkt.
„Martin Velíšek ist nicht nur ein Grafiker von Už jsme doma, also ein außenstehender Mitarbeiter. Er ist wirklich ein Bandmitglied. Überall führen wir ihn als Teil der Kernzusammensetzung an. Denn mir ist eines Tages klargeworden, dass die Band zwar Musik spielt und Texte über bestimmte Dinge singt. Aber wenn es dazu noch den künstlerisch-grafischen Aspekt gibt, bekommt das Ganze erst einen Sinn. Weil alles zusammen funktioniert und die gleiche Sache auf einmal drei Blickwinkel bekommt. Dass es dadurch plötzlich komplett wurde, hat mich dazu gebracht, Martin zum Bandmitglied zu erklären. Denn seine Bilder sind genauso wichtig wie die Musik.“
Blick nach Deutschland
Keine andere tschechische Band ist wohl so viel in der ganzen Welt unterwegs wie Už jsme doma. Vor allem bei jungen Musikern hierzulande ist jedoch wenig Ambition zu erkennen, über die Grenzen hinaus ein Publikum zu finden. Dies sei schade, findet Miroslav Wanek, habe aber seine Gründe:
„Alle Bands würden gern im Ausland spielen, würde ich sagen. Aber dafür muss man etwas tun und etwas anbieten, was es woanders nicht gibt. Ich bringe schließlich keinen Blues nach Amerika, damit würde man Holz in den Wald tragen. Bands, die noch ganz am Anfang stehen, haben jedoch nicht genügend Erfahrung und auch nicht den Mut, sich darauf einzulassen. Und Bands, die schon bekannt sind und zu deren Konzerten hier 300 oder auch 1000 Menschen kommen, stehen bei Touren im Ausland plötzlich wieder ganz am Anfang. Dort kommen dann 20 Leute zum Konzert. Und einige von diesen Bands kommen damit einfach nicht klar.“
Er selbst finge bei jeder Auslandstournee, die er für Už jsme doma organisiert, immer wieder von vorne an, betont Wanek: Clubs anschreiben, Finanzierungsmöglichkeiten suchen, Reisevorbereitungen treffen. Selbst wenn die Band schon achtmal in Japan war, habe sie immer noch nicht gewonnen, so die Erfahrung des Musikers. Und weil er daran gewöhnt ist, gebe er auch den Wunsch nicht auf, wieder einmal auf eine längere Deutschland-Tournee zu gehen. Er habe eine lange Liste mit Adressen, sagt Wanek und äußert echtes Bedauern über das offensichtliche Desinteresse der Clubbetreiber:
„In letzter Zeit habe ich drei- oder viermal versucht, das Feuerchen in Deutschland wieder zu entfachen. Bisher ist es mir nicht gelungen, aber ich gebe nicht auf. Ich versuche es einfach immer wieder aufs Neue. Das ist etwas, was vielen anderen Musikern heute fehlt – dieser Wille einer Bulldogge. Ich versuche es also immer und immer weiter. Und vielleicht führt es auch zu gar nichts. Aber gerade in Deutschland tut mir das wirklich leid. Ich würde schrecklich gern Tourneen in Polen, Deutschland und Österreich machen. Das sind unsere Nachbarländer, mit denen wir uns am nahesten sind – von den Kilometern her, aber auch kulturell. Gerade weil ich aus Teplice stamme, fühle ich immer noch diese Berührung der tschechischen und deutschen Kultur. Mein Lieblingsschriftsteller von allen ist Franz Kafka, der sogar eine dreifache Nationalität verkörpert. Dies nehme ich alles wahr, und es tut mir in der Seele leid, dass ich da bisher keinen Erfolg habe. Aber wie gesagt, ich gebe nicht auf und werde es bestimmt weiter versuchen.“
Wer einen Eindruck bekommen will, ob Už jsme doma auch etwas für das Publikum in Deutschland sind, kann schon im September die selten gewordene Gelegenheit nutzen, die Band vor Ort zu sehen. Im September stehen im Rahmen ihrer nächsten Europa-Tour auch drei Stopps in Deutschland an, nämlich in Berlin, Hamburg und Bremen. Und grenznah sind Už jsme doma demnächst auch vor den heimatlichen Fans zu erleben, und zwar beim Festival MikuLOVE im südmährischen Mikulov am 29. und 30. August. Alle Tourtermine gibt es unter www.uzjsmedoma.com.








