Tschechen loben Gauck – dieser erinnert an Besatzung und Vertreibung

Joachim Gauck (Foto: ČTK)

Insgesamt drei Tage lang dauert der Staatsbesuch des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck in Tschechien. Es geht dabei auch um aktuelle politische Themen, aber vor allem um die gemeinsame tschechisch-deutsche Geschichte sowie Europa.

Joachim Gauck (Foto: ČTK)
Joachim Gauck erhält in Tschechien alle Ehren - im unmittelbaren und im übertragenen Sinn. So wurden ihm innerhalb von weniger als 24 Stunden die Ehrenwürde der Karlsuniversität und der tschechische Staatsorden zuteil. Zudem sind die Kommentatoren der hiesigen Medien voller Lobes, wie sensibel Gauck zum Beispiel mit der schwierigen tschechisch-deutschen Geschichte umgehe. Tatsächlich ist der Aufenthalt hierzulande der erste richtiggehende Staatsbesuch eines Bundespräsidenten in der selbständigen Tschechischen Republik.

Niederschlagung des Prager Frühlings (Foto: Dusan Neumann, Wikimedia Commons Free Domain)
Und für den Gast aus Deutschland handelt es sich nicht um irgendein Land, wie der ehemalige DDR-Oppositionelle bei einer Pressekonferenz mit seinem Amtskollegen Miloš Zeman sagte. Dort sprach er die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes an:

„Es gibt eine Herzensverbindung mit diesem Land, seit den blutigen Ereignissen von 1968.“

Zeman wiederum würdigte Deutschland für seine heutige Rolle in Europa:

„Ich bin mir bewusst, dass Deutschland der Motor der Europäischen Union ist. Daher wäre ich froh, wenn Tschechien wenigstens das Getriebe sein könnte.“

Joachim Gauck (Mitte) in der Großen Aula der Karlsuniversität. Foto: ČTK
Zum Thema Europa hielt Joachim Gauck am Dienstagvormittag in der Prager Karlsuniversität eine Rede, nachdem er die Goldene Medaille der Hochschule erhalten hatte. In der gut gefüllten Großen Aula führte er anhand der tschechisch-deutschen Geschichte aus, was Freiheit und Unfreiheit in Europa bedeuten. Gauck erinnerte an die Besatzung des Landes während des Zweiten Weltkriegs und auch an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung danach.

„Es ist gar keine Frage, dass die Geschichte der tschechisch-deutschen Beziehungen auch eine Geschichte des Leids ist. Manchmal erscheint es uns wie ein Wunder, dass wir unter der Last der Erinnerungen nicht schon längst erstickt sind.“

Vertreibung der Sudetendeutschen (Foto: Bundesarchiv)
Zum Schicksal der Sudetendeutschen sagte Gauck:

„Der letzte Akt des Dramas folgte nach der Befreiung 1945, als auch die Deutschen ihre Heimat verlassen mussten, durch Flucht, Vertreibung, Zwangsaussiedlung, ethnische Säuberung, Odsun – wie immer Sie es nennen mögen -, Schuldige und Unschuldige zugleich.“

Der Bundespräsident erinnerte aber auch an die vielen Tschechen, die ihren deutschsprachigen Mitbürgern 1945 Schutz geboten hätten, und daran, dass Tschechien 2005 seine Anerkennung gegenüber sudetendeutschen Widerstandskämpfern und Verfolgten des Naziregimes zum Ausdruck brachte. Gauck würdigte des Weiteren den Widerstand der Tschechen gegen die deutsche Besatzung ebenso wie gegen das kommunistische Regime.

Václav Havel (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Für mich und andere war und bleibt Václav Havel das große Vorbild: unerschrocken, unbestechlich, selbst durch die Jahre im Gefängnis gebrochen. Er führte die Nation in die Demokratie. So ist eine friedliche und gemeinsame Zukunft von Tschechen und Deutschen in einem gemeinsamen Europa tatsächlich möglich geworden.“

Am Nachmittag will der Bundespräsident das frühere Konzentrationslager und Ghetto in Terezín / Theresienstadt besuchen, dort kamen während der Nazi-Besatzung etwa 35.000 Menschen ums Leben. Am Mittwoch beendet Gauck seinen Staatsbesuch in Tschechien und kehrt nach Berlin zurück.