Tschechen umweltbewusster als ihr Ruf: Umfrage zu Klimawandel und Umweltschutz

Die überwiegende Mehrheit der tschechischen Bevölkerung ist überzeugt davon, dass der Klimawandel auf unserem Planeten vom Menschen selbst verursacht wird. Das ist eine der Kernaussagen einer Studie, die die Meinungsforschungsinstitute Stem/Mark und Median im Auftrag des Tschechischen Rundfunks durchgeführt haben. An der Umfrage haben im vergangenen Herbst über 2200 Menschen ab 18 Jahre teilgenommen.

Petr Šabata | Foto: Radko Kubičko,  Tschechischer Rundfunk

Die Ergebnisse der Befragung wurden zu Beginn dieser Woche veröffentlicht und ausgewertet. Einer der Kommentatoren ist der Chefredakteur des Senders Plus im Tschechischen Rundfunk, Petr Šabata. Er strich zunächst heraus:

„Wenn wir vom Klimawandel sprechen, dann bestätigen 93 Prozent der erwachsenen Einwohner Tschechiens, dass es ihn gibt. Der Meinung, dass er vom Menschen selbst verursacht wird, sind 85 Prozent der Befragten. Nur drei Prozent weniger vertreten die Auffassung, dass wir Menschen unsere Aktivitäten ändern müssen, um das Problem zu lösen. Und fast zwei Drittel der Einwohner finden, dass man sofort beginnen müsse.“

Dies sind erstaunliche Zahlen, wenn man weiß, dass das Umweltbewusstsein hierzulande viele Jahre bei weitem nicht so ausgeprägt war, wie beispielsweise in Deutschland oder in den skandinavischen Ländern. Aber auch noch andere Details seien bemerkenswert, ergänzt der Soziologe Martin Buchtík von der Agentur Stem/Mark:

Martin Buchtík | Foto: Michaela Danelová,  Tschechischer Rundfunk

„Eine der interessantesten Feststellungen der Umfrage ist die, dass sich die Meinungen kaum voneinander unterscheiden. Weder unter den Jüngeren und Älteren, unter den Reichen und Armen, noch unter den mehr oder weniger gebildeten Menschen. Ein Unterschied tritt allerdings offen zutage, und das ist der Vergleich zwischen Frauen und Männern. Die Frauen neigen stärker zu der Überzeugung, dass das Thema Klimaschutz wirklich ernst ist und dass es nötig ist, es sofort anzupacken.“

In Zahlen ausgedrückt heißt das: 71 Prozent der Frauen wünschen sich eine unverzügliche Lösung zum Klimaschutz, unter den Männern bestehen nur 54 Prozent darauf. Und gerade was die Dringlichkeit betrifft, ist man sich in Tschechien schon nicht mehr so einig, bestätigt Buchtík:

Illustrationsfoto: Gerd Altmann,  Pixabay,  CC0

„Bei der Frage, ab wann man mehr dafür tun müsse, um einen wirksamen Klimaschutz zu erreichen, gehen die Meinungen etwas weiter auseinander. Fast zwei Drittel, exakt 63 Prozent der Einwohner sind dafür, sofort zu beginnen. Ein Viertel hingegen hält es für ausreichend, erst binnen der nächsten zehn Jahre damit anzufangen. Ihrer Meinung nach sollten zuvor brennendere Probleme gelöst werden, wie zum Beispiel die Folgen der Corona-Krise. Und der Rest sagt, dass man sich derzeit nicht mit dem Klima befassen müsse, sondern gegebenenfalls erst in fernerer Zukunft.“

Dennoch, und das ist die verblüffendste Erkenntnis aus dieser Studie, ist die tschechische Bevölkerung mit ihrem Umweltbewusstsein den Politikern des Landes um einiges voraus. Dazu erklärt Šabata:

Illustrationsfoto: Comfreak,  Pixabay,  CC0

„Es ist schon befremdlich, wie tief die Kluft ist zwischen den Meinungen der Öffentlichkeit auf der einen Seite und den Auffassungen der Regierungs- und Oppositionspolitiker auf der anderen Seite. Nur zwei Details: Die Regierung hat es nicht geschafft, den Nationalen Aufbauplan rechtzeitig zu erarbeiten und sich so die 192 Milliarden Kronen (7,5 Milliarden Euro) aus den europäischen Fonds zu sichern. Und zwar deswegen, weil sie die Forderung nicht erfüllt hat, dass 37 Prozent des Geldes in Klimamaßnahmen fließen müssen. Die Klimaprogramme der Opposition haben eher eine kommunale Bedeutung als eine visionäre.“

In seinem Kommentar kommt Šabata unter anderem zu dem Schluss:

Illustrationsfoto: PIRO4D,  Pixabay,  CC0

„Zwei Drittel der Einwohner sehen in der Lösung der Klimakrise auch eine Chance – und zwar vor allem für eine Modernisierung der Industrie.“

Sollten dies die Sieger der anstehenden Wahlen im Frühherbst auch so sehen, hat Tschechien eine echte Chance, in punkto Klima- und Umweltschutz weiter zu den tonangebenden Ländern aufzuschließen.

Autoren: Lothar Martin , Petr Šabata , Zdeňka Trachtová
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