Tschechien im Globsec-Bericht: Starke Rüstungsindustrie, aber potenziell langsam im Krisenfall
Angesichts des russischen Großmachtstrebens stehen die Länder an der Ostflanke der Nato vor großen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Der Thinktank Globsec hat nun seinen ersten umfassenden Bericht zur Verteidigungsfähigkeit dieser Länder veröffentlicht.
Insgesamt zehn Länder bilden die Ostflanke der Nato. Die Region reicht von Finnland über das Baltikum bis nach Bulgarien, auch Tschechien gehört dazu. Die unabhängige Denkfabrik Globsec hat nun erstmals untersucht, wie gut diese Staaten militärisch ausgerüstet und verteidigungsfähig sind.
Laut den Autoren der Studie hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab 2022 die Nato-Ostflanke aufgerüttelt. Filip Nerad ist Sprecher von Globsec und sagte gegenüber Radio Prag International:
„Die Länder im Osten der Nato sind heute viel wacher als noch vor ein paar Jahren. Sie geben deutlich mehr Geld für Waffen aus und nehmen die Bedrohung ernst. Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Auf dem Papier sieht das oft besser aus als in der Realität.“
Die Autoren warnen daher in ihrer Analyse vor drei Problemen. Als wichtigstes nennt Nerad die Entscheidungsgeschwindigkeit im Verteidigungsfall…
„Viele Länder brauchen noch zu lange, um im Ernstfall marschbereit zu sein. Das ist auch der Fall der Tschechischen Republik“, so Nerad.
Denn in Tschechien gibt es nur den langen Weg, der eine Entscheidung durch das Parlament bedeutet. Das dauert in der Regel aber mehrere Tage. Wohingegen die schnellen Entscheidungsfinder wie Finnland oder Estland bereits nach wenigen Stunden einsatzbereit wären.
Das zweite Problem sind laut Filip Nerad die Mängel in der Ausrüstung der Länder im Osten des Verteidigungsbündnisses:
„Es fehlt oft an Munition oder Ersatzteilen, um in einer Krise länger als ein paar Tage durchzuhalten. Und auch viele Brücken und Schienen sind nicht für schwere Panzer ausgelegt. Wenn Hilfe aus dem Westen kommen soll, könnte sie im Stau steckenbleiben.“
Der dritte Punkt betrifft die teils großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Finnland, Estland oder Polen gehören den Worten des Globsec-Sprechers nach zu den besten, am anderen Ende würden jedoch Bulgarien, Ungarn und die Slowakei stehen. Tschechien hat sich in dieser Sicht im Mittelfeld platziert. Das habe auch mit der Lage in Europa zu tun, erläutert Nerad…
„Länder wie Polen oder jene im Baltikum rüsten viel schneller auf und entscheiden sich auch schneller, weil sie die Bedrohung direkt vor der Haustür spüren. Bei uns hier in Tschechien ist das vielleicht weniger der Fall“, so der Sprecher.
Gerade die baltischen Staaten sind führend beim Anteil der Rüstungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt. Diese liegen deutlich über dem früheren Nato-Ziel von zwei Prozent und kommen der neuen Vorgabe von fünf Prozent bereits sehr nahe. Auch Polen ist in diesem Bereich weit vorne. Tschechien schafft in diesem Jahr nach den Plänen der Regierung von Premier Andrej Babiš (Partei Ano) nur knapp zwei Prozent.
Aber in einigen Punkten liegt die Tschechische Republik aus Sicht der Militärfachleute vorne: Die Rüstungsindustrie hierzulande gilt als relativ weit entwickelt. Filip Nerad:
„Die Tschechen können viele Waffen und Fahrzeuge selbst bauen oder reparieren. Und das macht sie unabhängig. Und die Tschechen haben auch viele Weltklassespezialisten – das sind etwa die Experten für die Abwehr von chemischen oder atomaren Gefahren.“
Allerdings ist die militärische Technik hierzulande teils veraltet.
„Tschechien hat zwar moderne Kampfjets oder Panzer bestellt, aber sie sind eben noch nicht vorhanden. Man steckt also mitten im Umbau, und der wird dauern. Zudem besteht ein Personalmangel. Die tschechische Reserve ist zu klein. Und wenn es hart auf hart kommt, haben wir nicht genügend ausgebildete Leute, vor allem Berufssoldaten, die dann bereit wären“, erläutert der Sprecher des Thinktanks.
Bei der Cyberabwehr und der Fähigkeit, bei hybriden Bedrohungen zu bestehen, hat Tschechien laut dem Globsec-Bericht indes bereits einige Fortschritte gemacht.








