Tschechien und der Eurovision Song Contest: Eine Leidensgeschichte?

Felix Häring

Tschechien hat es beim Eurovision Song Contest nicht ins Finale geschafft. Am Donnerstagabend endete die Reise von Kandidat Adonxs und seinem Song „Kiss Kiss Goodbye“ im Halbfinale. Groß ist das Interesse am ESC in Tschechien ohnehin nicht. Aber warum? Radio Prag International hat nachgefragt bei Felix Häring. Er hat Europastudien und Slawistik studiert und ist Experte für den Eurovision Song Contest. Und er ist Mitglied im tschechischen ESC-Fanclub.

Felix, du warst gestern beim Halbfinale in Basel mit dabei. Wie kann man sich Basel im ESC-Fieber vorstellen?

Felix Häring | Foto: Archiv von Felix Häring

„Die Stimmung ist extrem gut. Ich glaube, am Anfang haben die Schweizer noch damit gefremdelt, den Eurovision Song Contest auszutragen. Aber mittlerweile sind sie sehr gut in ihre Gastgeberrolle reingewachsen.“

Du bist jemand, der das einschätzen kann, denn du warst bereits 2022 in Turin dabei, oder?

„Richtig, und seitdem immer. In Turin hat man gemerkt, dass der ESC dort niemanden interessiert. In Malmö haben die politischen Diskussionen und die Sicherheitslage alles sehr eingeschränkt. Und Liverpool war sehr, sehr gut.“

Woher kommt deine persönliche Begeisterung für den ESC? Und warum bist du Mitglied im tschechischen Fanclub?

„Ganz klassisch: Ich bin als Kind von meiner Oma quasi dazu gezwungen worden, den ESC zu schauen. Und dann hat sich das weiterentwickelt. Ich war in Turin Volunteer und habe für den Eurovision Song Contest gearbeitet. Und dort bin ich dem tschechischen Clubpräsidenten begegnet. Mittlerweile bin ich auch in Österreich und in Deutschland Mitglied. Aber vor allem bin ich für Tschechien aktiv.“

Wir haben wohl beide gehofft, heute Morgen unter anderen Umständen miteinander sprechen zu können. Adonxs, der tschechische Kandidat, hat es aber leider nicht ins Finale geschafft. Im Halbfinale gab es ja kein Juryvoting, das heißt, es haben nur die Stimmen der Zuschauerinnen und Zuschauer entschieden. Aber woran liegt es, dass Adonxs nicht die Herzen der Europäer gewinnen konnte?

Foto: Archiv von Felix Häring

„Der ESC ist ein großes Spiel. Man muss mit allem rechnen. Die Enttäuschung ist bei den Tschechen, die ich hier getroffen habe, dennoch groß. Es gibt einfach gewisse Länder, die einen Vorteil haben, was Nachbarschafts- und Diasporapunkte angeht. Griechenland und Zypern können etwa stets damit rechnen, vom jeweils anderen zwölf Punkte zu bekommen. Aber bei Tschechien ist das nicht der Fall. Denn die Slowakei nimmt etwa nicht teil.“

Du hast gesagt, dass die Enttäuschung groß war. Das kann ich verstehen, denn ich hatte das Gefühl, dass Adonxs von so einigen als Kandidat für das Finale gehandelt wurde.

„Es gab sehr viele Leute, die Tschechien einen Platz in den Top 5 zugetraut hatten. Auch in den Wettquoten lag das Land bis zuletzt relativ hoch. Das Scheitern kam also wirklich unerwartet. Aber wir hatten schon im ersten Semifinale einige überraschende Entscheidungen.“

Wem wirst du nun die Daumen drücken?

„Ich werde wohl Österreich, Finnland oder die Lettinnen unterstützen. Ich mag auch den deutschen Song sehr, aber ich glaube, er wird nicht gewinnen. Für einen realistischen Sieger halte ich Österreich oder Finnland.“

Wie wurde Adonxs eigentlich als tschechischer Kandidat ausgewählt? Gab es einen nationalen Vorentscheid?

Felix Häring | Foto: Archiv von Felix Häring

„Dieses Jahr hat man intern ausgewählt. Künstler konnten einen Beitrag einreichen, der dann von einer Jury bewertet wurde. Und es gab auch noch eine Online-Abstimmung über den besten Song. Eine Kombination aus diesen beiden Faktoren hat dann zu Adonxs geführt. Intern stand man aber, glaube ich, vor der Frage, ob Tschechien überhaupt noch am ESC teilnehmen wird.“

Das spiegelt wider, dass das Interesse am Eurovision Song Contest in Tschechien nicht sehr groß ist. Woran liegt das?

„Tschechien hat zehn Millionen Einwohner. Das macht es gut vergleichbar mit anderen Ländern wie Schweden, Belgien, Griechenland, Israel oder Portugal. Wenn Belgien nicht weiterkommt, so wie es dieses Mal passiert ist, dann verfolgen trotzdem noch um die eine Million Zuschauer das Finale. Tschechien hatte selbst in guten Jahren, wenn das Halbfinale erfolgreich war, nur um die 200.000 Zuschauer. Das erste Mal nahm man 2007 teil. Dann folgten drei Jahre, in denen Tschechien stets auf dem letzten oder vorletzten Platz landete. Das Tschechische Fernsehen hat dann entschieden, sich zurückzuziehen. Erst 2015 in Wien war man wieder mit dabei – mehr oder weniger auf gutes Zureden des ORF. Das Problem ist, dass der ESC nicht in der Gesellschaft verankert ist. Denn wie bin ich zum ESC gekommen? Durch meine Großmutter. Sehr viele Menschen gelangen durch ihre Familie zum ESC, aber in Tschechien gibt es niemanden, der diese Tradition weitergibt. Und man kann das Ganze auch politisch betrachten: Die baltischen Länder in den 1990er und 2000er Jahren und heute die Ukraine nutzen den ESC, um international Bonuspunkte für ihre europäische Integration zu bekommen. Tschechien aber hatte das nie nötig, denn es stand mit Václav Havel international immer schon gut da.“

Tschechiens Auftritte beim ESC sind nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. Wie müsste ein tschechischer Gewinnersong klingen?

Foto: Archiv von Felix Häring

„Ein Song muss authentisch sein und der Künstler von diesem überzeugt sein. Das Gesamtpaket muss stimmen. Dann kann man mit fast allem gewinnen. Tschechien ist ein Land mit einer starken Rock- und Heavy-Metal-Kultur. Von daher würde ich mir einmal wieder solch einen Beitrag wünschen. Tschechien ist 2007 zwar mit Kabát gescheitert, aber der ESC ist heute ein anderer. Also wieso nicht?“

Kabát ist 2007 mit dem einzigen tschechischsprachigen Beitrag angetreten. Seitdem folgten nur englische Lieder, oder?

„Vesna ist 2022 noch mit einer Mischung aus Englisch, Tschechisch, Ukrainisch und Bulgarisch aufgetreten. Wir leben gerade in einer Zeit, in der sehr viele Länder ihre Nationalsprache für sich entdecken. Die größten Beispiele sind wohl Deutschland und Schweden, die das erste Mal seit 2007 beziehungsweise 1998 in ihren Sprachen antreten. Man kann durchaus Erfolg mit der Landessprache haben. Und sollte Tschechien wieder beim ESC mitmachen, würde ich mir sehr wünschen, mehr Tschechisch zu hören.“

Du hast bereits gesagt, dass Österreich und Finnland deine Kandidaten für den Sieg am Samstagabend sind…

„Das sind auf jeden Fall meine Gewinnerkandidaten. Aber ich glaube, das Rennen ist so offen wie seit Jahren nicht. Und gestern Abend hatte ich sehr starke Gewinnervibes bei Frankreich. Vielleicht gewinnen also die Franzosen, aber ich bin mir nicht sicher.“