ESC 2026: Zieht Tschechien diesmal ins Finale ein?
Mit dem ersten Halbfinale hat am Dienstag die 70. Auflage des Eurovision Song Contests begonnen. Tschechien ist in Wien durch den Sänger Daniel Žižka vertreten. Im Folgenden stellen wir den Künstler vor und gehen der Frage nach, welche Erfolgschancen er hat. Und wir beleuchten ein eher unbekanntes Kapitel der ESC-Geschichte: Und zwar das Jahr 1968, in dem Karel Gott für Österreich angetreten ist.
„Crossroads“, das ist der Song, mit dem Tschechien in diesem Jahr beim Eurovision Song Contest vertreten ist. Der Sänger und Komponist der energiegeladenen Ballade ist Daniel Žižka. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks schilderte er unlängst die Entstehung des Liedes und verriet dabei, dass er vergleichsweise lang an dem Song geschrieben habe:
„Das hat glaube ich anderthalb Jahre gedauert. Ich komponiere meistens am Klavier und währenddessen fallen mir die Melodie und einige Schlüsselwörter ein. Bei diesem Prozess habe ich dann gemerkt, dass ich ein Lied über Entscheidungen und Kreuzungen im Leben machen will. Ich wollte schon immer versuchen, beim ESC anzutreten. Und als ich das Lied schrieb, kam ich auf die Idee, dass ich mich gerade mit diesem Song bewerben könnte.“
Gesagt getan, reichte Žižka seinen Song ein. Und unter den rund 260 Einsendungen wählte die interne Jury schließlich ihn als Gewinner aus. „Ich war unfassbar glücklich. Und natürlich war das auch ein großer Schock“, sagt der Sänger. Nach der frohen Botschaft gab es allerdings noch eine große Herausforderung. Denn Žižka erfuhr bereits im Dezember, dass er Tschechien beim diesjährigen ESC vertreten wird. Drei Monate lang durfte er aber niemandem davon erzählen.
„Es wussten nur meine Eltern. Ich habe versprochen, dass diese Nachricht nicht rauskommt, und das habe ich auch eingehalten. Ein Fehler war aber, dass ich meinen Freunden gesagt habe, dass ich mich bewerbe. Sie haben mich deshalb immer wieder gefragt, ob ich denn schon etwas gehört habe. Und ich war natürlich schon im Bilde, durfte aber nichts sagen. Ich musste also immer ausweichen und meinte, dass ich noch nichts wisse und dass es wahrscheinlich nicht so gut aussieht.“
Daniel Žižka ist in der tschechischen Musikszene eher ein unbeschriebenes Blatt. Am Jaroslav-Ježek-Konservatorium in Prag lernte er Musicalgesang, derzeit studiert er Pop-Gesang und Komposition. Außerdem ist Žižka als Schauspieler aktiv. Den vielleicht aufregendsten Moment seiner bisherigen Karriere erwartet den Anfang-20-Jährigen nun am Donnerstagabend, wenn in Wien das zweite Halbfinale ansteht.
Wie groß sind Daniel Žižkas Chancen?
Felix Häring ist ESC-Kenner, lebt derzeit in der Austragungsstadt Wien und ist Mitglied im tschechischen Fanclub. Was hält er vom tschechischen Kandidaten
Daniel Žižka?
„Ich habe ihn vor einiger Zeit in Amsterdam bei einer Pre-Party erlebt. Dort sind 26 der 35 Acts aus diesem Jahr aufgetreten. Und ich muss sagen, dass Daniel Žižka für mich zu den positiven Überraschungen gehört hat. Und das lag nicht nur an meiner tschechischen Brille. Er kann wirklich sehr, sehr gut singen. Ich denke, die Voraussetzungen sind da, dass das ein richtig starkes Ergebnis wird.“
Tschechien spielen zudem auch noch einige Änderungen bei der Bewertung in die Karten, sagt Häring:
„Was Tschechien extrem helfen wird, ist, dass in den Halbfinals wieder Jurys eingeführt wurden. Davon dürften gerade solche Balladen profitieren.“
Tschechiens ESC-Historie ist keine Erfolgsgeschichte
Dass der aktuelle ESC in Wien ausgetragen wird, hat für Tschechien durchaus eine symbolische Dimension. Erstmals nahm das Land 2007 bei dem europäischen Gesangswettbewerb teil. Der Song „Malá dáma“ der Rockband Kabát erfreute sich im eigenen Land zwar einiger Beliebtheit, beim ESC belegte er aber den letzten Platz im Halbfinale.
Nachdem man 2008 Vorletzter wurde und 2009 Letzter entschied sich das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen, sich von dem Wettbewerb zurückzuziehen. Doch dann kam der ESC 2015 in Wien – und Tschechien nahm wieder teil.
„Tatsächlich waren die guten Beziehungen zwischen dem ORF und dem Tschechischen Fernsehen ein ausschlaggebendes Argument dafür, wieder mitzumachen. In den letzten Jahren wurde oft angezweifelt, ob Tschechien beim nächsten Mal wieder dabei sein würde. Dass der ESC nun in Wien stattfindet, hat dieses Jahr sicherlich dafürgesprochen, wieder teilzunehmen.“
Die nunmehr fast 20-jährige tschechische ESC-Geschichte war bisher nicht von sonderlich großen Erfolgen gekrönt. Die bisher beste Platzierung war ein sechster Platz im Finale. Seit 2023 wurde die Endrunde aber nicht mehr erreicht, vergangenes Jahr landete Adonxs mit „Kiss Kiss Goodbye“ auf dem 12. von 16 Plätzen im Halbfinale.
In Tschechien gibt es kaum Interesse am ESC
Neben den mangelnden Erfolgen gibt es in der tschechischen Gesellschaft auch kaum Interesse am Eurovision Song Contest. Felix Häring sagt dazu:
„Tschechien müsste ein bisschen Geld in die Hand nehmen und Aufwand betreiben, um den Contest im eigenen Land populärer zu machen. Das ist in den letzten Jahren aus meiner Sicht nicht gut gelaufen. Als es noch tschechische Vorentscheide gab, fanden sie auf Englisch statt, nicht auf Tschechisch. Das Format war eher für den internationalen Markt bestimmt als für den einheimischen. Man sollte stattdessen aber in Tschechien aufzeigen, dass der ESC keine fremde Sache ist, sondern eine richtig gute Plattform, um das eigene Land zu präsentieren.“
Allerdings ist fraglich, ob das Tschechische Fernsehen als Organisator künftig überhaupt noch die Mittel haben wird, eine Teilnahme möglich zu machen. Denn die Regierung in Prag plant derzeit eine Rundfunkreform, die für die Öffentlich-Rechtlichen massive finanzielle Einschnitte bedeuten würde. Doch wo ein Wille sei, sei auch ein Weg, meint Häring. So würden die Rundfunkanstalten anderer Länder etwa mit Privatsendern oder Sponsoren kooperieren, um die ESC-Teilnahme auf die Beine zu stellen.
Als Karel Gott für Österreich beim ESC antrat
Wie bereits erwähnt war Tschechien 2007 erstmals Teilnehmerland beim Eurovision Song Contest. Dies war aber keinesfalls das erste Mal, dass ein Tscheche bei der Aktion mitmachte. Denn 1968 vertrat niemand geringerer als Karel Gott Österreich beim ESC in London.
„Das ist ein Kapitel der ESC-Geschichte, das in Tschechien nicht so sehr präsent ist. In Österreich, wo man sich jetzt wieder intensiver mit der eigenen ESC-Historie befasst, tritt dies mehr ins Bewusstsein.“
Der Song, den die Goldene Stimme aus Prag damals für die Alpenrepublik zum Besten gab, trug den Titel „Tausend Fenster“. Komponiert wurde der Titel von Udo Jürgens, der 1966 den Eurovision Song Contest für Österreich gewonnen hatte. In einer historischen Aufnahme sind die beiden Musik-Ikonen dann auch im Duett beim Einstudieren des Liedes zu hören und zu sehen.
Aber wie kam es dazu, dass damals ein Tscheche für Österreich antrat? Häring ordnet ein:
„Es war für die Zeit nichts Ungewöhnliches, dass Künstler aus dem Ausland mit einem deutschen Lied ein deutschsprachiges Land vertraten. Aus Sicht der Bundesrepublik sind etwa Wencke Myhre aus Norwegen und Siw Malmkvist aus Schweden zu nennen. Was Karel Gott herausstechen lässt, ist, dass er aus einem Land des damaligen Warschauer Paktes stammte. Damit war er schon eine Ausnahme.“
Die Teilnahme Gotts im April des Jahres 1968 könne auch als österreichische Unterstützung der Politik des Prager Frühlings gewertet werden, sagt Häring. Zudem waren es persönliche Kontakte, die diesen historischen Moment möglich machten:
„Eine ganz zentrale Person dabei war Helmut Zilk. Er war ab 1967 Fernsehdirektor des ORF und später Wiener Bürgermeister. Und er hatte gute Verbindungen in die Tschechoslowakei. Er war maßgeblich am Aufbau der Osteuroparedaktion und an der Kooperation mit dem Tschechoslowakischen Fernsehen beteiligt.“
Allerdings hatte Zilk auch noch ein zweites Standbein…
„Er war Doppelagent. Er kooperierte nämlich zwischen 1965 und 1968 mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit. Geschadet hat ihm das nicht, denn wie gesagt, war er später Wiener Bürgermeister.“
Aber wie schnitt Karel Gott eigentlich beim ESC in London ab? Sonderlich erfolgreich sei er nicht gewesen, sagt Häring:
„Er bekam nur zwei Punkte – im Übrigen aus Deutschland. Für Österreich war das kein gutes Resultat, und im Jahr darauf war man dann auch gar nicht mehr dabei. Karel Gott hat das Ganze aber natürlich nicht geschadet.“
So sang Gott seinen Song auch noch in anderen Sprachen ein. Neben der deutschen Version existieren zwei englische, eine tschechische, eine französische und eine italienische.
„In den 1960er Jahren war das der Versuch der Schlagerindustrie, die Szene ein bisschen internationaler zu machen, in dem man fremde Sprachen und Sänger mit einem ausländischen Akzent integriert. Das war eine Art harmloser Kosmopolitismus. Karel Gott ist dafür ein relativ gutes Beispiel.“
Debatte um Teilnahme Israels überschattet den ESC in Wien
So wie Gotts Teilnahme für Österreich 1968 als politisches Statement gelesen werden kann, lässt sich auch der diesjährige ESC in Wien nicht von der Politik und dem Weltgeschehen trennen.
„Das Motto von Eurovision sollte eigentlich ‚United By Music‘ sein. Ich mir aber nicht sicher, ob wir das dieses Jahr wirklich erreichen.“
Denn aufgrund der Teilnahme Israels haben fünf Staaten ihren Boykott bekanntgegeben: Spanien, Slowenien, Irland, Island und die Niederlande. Wie nimmt Häring die aktuelle Stimmung in der ESC-Welt war?
„Alle Verantwortlichen sind ein bisschen im Krisenmodus. Denn Wien stellt das 70. Jubiläum des Eurovision Song Contests dar, der erste fand 1956 statt. Feierstimmung kommt aber bei mir gerade nicht allzu viel auf. Die Unbeschwertheit, die der ESC einst hatte, ist mittlerweile Vergangenheit. Mir sagen alle, die 2015 in Wien waren, dass sie das Gefühl haben, dass die Stimmung dieses Jahr gedämpft ist.“
Nichts desto trotz fiebert Häring am Donnerstag beim zweiten Halbfinale und am Samstag beim Finale wieder mit. Einer der Lieblingssongs auf seiner ESC-Playlist sei „Bangaranga“ der bulgarischen Sängerin Dara, so Häring. Der große Favorit sei ein diesem Jahr aber Finnland, sagt der ESC-Kenner:
„Ich weiß, wie Finnland seinen ESC lebt und feiert. Sie haben dieses Jahr wieder eine Sauna nach Wien gebracht. Finnland ist beim ESC schon so oft unter die Räder gekommen und hat nicht die Ergebnisse bekommen, die es verdient hätte. Ich würde es den Finnen deshalb wirklich gönnen, wenn sie dieses Jahr den Eurovision Song Contest gewinnen würden. Und dann fahren wir nächstes Jahr alle nach Tampere.“
Oder vielleicht doch nach Prag? Daniel Žižka sollte man am Donnerstagabend auf jeden Fall die Daumen drücken!
Verbunden
-
Tschechien und der Eurovision Song Contest: Eine Leidensgeschichte?
Tschechien hat es beim ESC nicht ins Finale geschafft. Am Donnerstagabend endete die Reise von Kandidat Adonxs. Groß ist das Interesse am ESC hierzulande nicht. Aber warum?
-
Bald ist wieder ESC! Tschechien schickt Adonxs
Er war in dieser Woche schon einmal Thema im Programm von RPI: Adonxs, der junge Sänger, der für Tschechien dieses Jahr beim ESC an den Start geht.
-
Countdown zum ESC: Vesna sind bereit für’s Halbfinale in Liverpool
Der Countdown läuft für den ESC in Liverpool Die All-Girl-Band Vesna aus Tschechien will es mit „My Sister’s Crown“ins Finale am Samstag schaffen.








