Tschechiens Fußballer: Haben keine Angst vor Gegnern und vorm Fliegen

Tschechische Mannschaft (Foto: ČTK)

Seit Freitag ist sie auf dem gesamten alten Kontinent das Sportthema Nummer eins: die 15. Europameisterschaft im Fußball. Bis Sonntagnacht hatten bereits 14 der 24 EM-Teilnehmer ihre erste Visitenkarte hinterlegt. Am Montag steigt nun endlich auch die tschechische Mannschaft in das Turnier ein. Doch bereits vor dem eigenen Auftakt ließen sich viele Tschechen von diesem Spektakel inspirieren.

Tschechische Mannschaft  (Foto: ČTK)
Die Europameisterschaft wird ein Turnier der Superlative. Und das in mehrerlei Hinsicht: bei den Besucherzahlen, den Kosten für die Sicherheit aller Teilnehmer und Gäste, oder aber des Umfangs bei den Sportwetten. Dies alles hat auch einen logischen Grund: Die EM-Endrunde ist die erste, an der 24 Mannschaften teilnehmen. Zur Erinnerung: Von 1960 bis 1976 wurde das Turnier mit vier Teams, von 1980 bis 1992 mit acht Teams, und von 1996 bis 2012 mit 16 Mannschaften gespielt.

„Für uns Tschechen ist das natürlich eine größere Chance, die Endrunde zu erreichen“, sagt der tschechische Verteidiger und Bundesligaspieler der TSG Hoffenheim, Pavel Kadeřábek, zum neuen EM-Modus.

Pavel Kadeřábek  (Mitte). Foto: ČTK)
Für die EM in Frankreich aber hätte es dieser Aufstockung aus tschechischer Sicht aber gar nicht bedurft. Die Schützlinge von Nationaltrainer Pavel Vrba haben die Qualifikation souverän gemeistert und sind in ihrer Gruppe Erster geworden – vor Island, der Türkei und den Niederlanden! Deshalb relativiert Kadeřábek seine Aussage auch ein wenig, wenn er auf das aktuelle Turnier angesprochen wird:

„Wir haben uns im Team darüber unterhalten und schnell herausgefunden: Als Gruppensieger wären wir auch dabei gewesen, wenn die Endrunde weiter nur mit 16 Mannschaften ausgetragen würde. Möglicherweise ist es gerade in diesem Jahr auch ein wenig schade, dass das Format geändert wurde. Es sind mehr Teams beim Turnier und damit besteht auch eine größere Konkurrenz.“

Tomáš Václík: „Diese Europameisterschaft wird zeigen, ob das neue Format das richtige ist oder nicht. Ich bin da optimistisch. Es gibt mehr Spiele, und insgesamt wird der neue Modus besser sein.“

Zu den Konkurrenten zählen dabei auch absolute EM-Neulinge wie Albanien, Island, Nordirland, die Slowakei und Wales. Das wiederum heißt, dass es in Frankreich noch bunter und abwechslungsreicher werden könnte als bisher. Reservetorwart Tomáš Václík vom FC Basel hat dazu seine eigene Meinung:

„Erst die Europameisterschaft selbst wird zeigen, ob es das richtige Format ist oder nicht. Ich bin da optimistisch. Es gibt mehr Spiele, und insgesamt wird der neue Modus besser sein.“

Das denkt auch Stammtorhüter Petr Čech, neben Kapitän Tomáš Rosický der einzige Star in der tschechischen Mannschaft. Er sieht das Ganze aber aus einem anderen Blickwinkel:

Tomáš Rosický  (Foto: ČTK)
„Mit dem Achtelfinale ist eine Runde hinzugekommen. Das aber kann gerade eine eigenwillige Runde sein, bei der es nicht wenige Überraschungen gibt. Es dürfte also noch interessanter werden.“

Besonders spannend dürfte die Europameisterschaft aber für die EM-Neulinge werden. Und da hat neben den schon genannten fünf Ländern auch die tschechische Mannschaft einen gehörigen Anteil von Spielern im Kader, die in Frankreich ihr EM-Debüt geben werden. Zu diesen Akteuren gehört der offensive Mittelfeldspieler von Sparta Prag, Ladislav Krejčí. Gemeinsam mit den Teamkollegen hat er sich im Hotel der Mannschaft in Tours das Eröffnungsspiel des Turniers zwischen Gastgeber Frankreich und Rumänien angesehen. Spätestens von da an wurde dem 23-Jährigen bewusst, dass er Mitbestreiter eines sportlichen Highlights sein darf:

Ladislav Krejčí  (Foto: ČTK)
„Mit eigenen Augen konnte ich sehen, wie emotional die EM in Frankreich gelebt wird. Ich finde, hier leben wirklich alle für das Turnier, das ist hierzulande ein großes Ereignis. Und ich glaube, auch ich beginne langsam aber sicher zu begreifen, welch großer Event diese Europameisterschaft ist.“

Und befragt nach seinen eigenen emotionellen Eindrücken, fügte Krejčí an:

„Als ich mir das EM-Auftaktspiel anschaute, da bekam ich gleich beim Eröffnungszeremoniell eine Gänsehaut. Ich spürte, hier läuft etwas Unglaubliches.“

Petr Čech  (Foto: ČTK)
Um selbst für eine Überraschung oder gar etwas Unglaubliches zu sorgen, muss sich die tschechische Mannschaft in einer schweren Gruppe erfolgreich mit drei starken Gegnern auseinandersetzen – mit Titelverteidiger Spanien, mit Kroatien und mit der Türkei. Und dazu muss sie von ihrem Quartier im zentralfranzösischen Tours kreuz und quer durch die „Grande Nation“ reisen. Denn als Spielorte für die Gruppenphase bekamen die Tschechen Toulouse im Südwesten, St. Étienne in der Rhône-Alpen-Region und Lens im Norden Frankreichs zugelost. Das bedeutet, zu jeder Partie müssen die Spieler um Kapitän Tomáš Rosický bis zu 500 und mehr Kilometer zurücklegen und dazu insgesamt sechsmal in ein Flugzeug steigen. Für Petr Čech, den Keeper des FC Arsenal, aber ist das kein Problem:

„Ich denke, im heutigen Fußball sind alle daran gewöhnt. Wenn man zu einem Auswärtsspiel antritt, dann wird auch in England mit dem Flugzeug gereist. Und zu den Spielen der Champions League und der Europa League fliegen alle.“

Ladislav Krejčí: „Als ich mir das EM-Auftaktspiel anschaute, da bekam ich gleich beim Eröffnungszeremoniell eine Gänsehaut. Ich spürte, hier läuft etwas Unglaubliches.“

Aus seinen Erfahrungen weiß Čech, dass dies bei der Europameisterschaft im Jahr 2008, die in Österreich und der Schweiz ausgetragen wurde, nicht anders war. Vor vier Jahren allerdings, als die EM-Endrunde in Polen und der Ukraine stattfand, musste die tschechische Mannschaft in den Gruppenspielen überhaupt nicht reisen, erinnert sich der Pilsener Innenverteidiger Roman Hubník, der bis vor drei Jahren noch bei der Hertha in Berlin spielte:

„Gegenüber der letzten Europameisterschaft, bei der wir alle drei Gruppenspiele in Wrocław / Breslau absolvierten, wird es diesmal ein wenig heftiger werden. Aber ich denke, das wird uns nicht aus der Fassung bringen, sondern ganz normal ablaufen.“

Pavel Vrba  (Foto: ČTK)
Längst nicht mehr normal ist allerdings das Wettfieber, das bei so einem großen internationalen Sportevent in aller Welt, in Europa und so auch in Tschechien einsetzt. Für die laufende Fußball-EM rechnen die tschechischen Wettbüros mit Einnahmen von fast zwei Milliarden Kronen, also zwischen 65 und 70 Millionen Euro. Allein der größte Anbieter, das Wettbüro Tipsport, strebt die eine Milliarde Kronen (37 Millionen Euro) an. Laut Aussage von Petr Šrain, dem Sprecher des Wettbüros Fortuna, hat das große Fußball-Toto spätestens mit dem EM-Eröffnungsspiel begonnen. Denn seitdem tippen die Glücksspieler auch wieder die Ergebnisse der jeweiligen Begegnungen, zuvor haben viele von ihnen – mit etwas größerem Risiko – ihre Einsätze auf die Vorhersage des neuen Europameisters oder aber auf die jeweiligen Gruppensieger gemacht. Die tschechische Mannschaft spielt übrigens in diesem Millionenspiel keine besonders große Rolle. Im Gegenteil, bei einem Kurs von 100:1 auf den Titelgewinn, gehören die Männer von Trainer Pavel Vrba zu den klaren Außenseitern des Turniers. Doch Bange machen gilt nicht, auch nicht für das Auftaktspiel der Tschechen am Montagnachmittag in Toulouse gegen Spanien. Mittelfeldspieler Vladimír Darida, der bei Hertha BSC unter Vertrag ist, verspricht jedenfalls:

Vladimír Darida  (Foto: ČTK)
„Es wird gewiss nicht so sein, dass wir das ganze Spiel nur dem Ball hinterherlaufen müssen. Und schon gar nicht werden wir mit dem Gefühl auflaufen, dass die Spanier uns gleich zu Spielbeginn ‚einen einschenken‘ werden. In 90 Minuten kann viel passieren. Diese Spiele muss man genießen, und wenn wir dann auch noch mit einem positiven Ergebnis aus der Partie herausgehen sollten, dann wäre das noch wertvoller und erfreulicher für uns.“

Die Begegnung zwischen Spanien und Tschechien wird übrigens vom polnischen Schiedsrichter Szymon Marciniak geleitet.

Autor: Lothar Martin
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