Tschechiens Hoffnungen für Wimbledon wurden schnell begraben

Tomáš Berdych (Foto: ČTK)

Das zweite weltweit große Sportereignis neben der Tour de France ist im Juli das Tennis-Grand-Slam-Turnier in Wimbledon. Dort hat an diesem Montag die zweite Turnierhälfte begonnen, aus tschechischer Sicht aber kann nahezu schon ein abschließendes Fazit gezogen werden. Das heißt, das Gros der tschechischen Vertreter ist bereits ausgeschieden, weiter im Rennen ist einzig Tomáš Berdych.

Boris Becker (Foto: ČTK)
The Championships in Wimbledon ist das einzige der vier Grand-Slam-Turniere, das auf Rasen gespielt wird. Von der Tradition her ist es der Event schlechthin, und es ist die Tennisshow, bei der häufig neue Stars geboren werden oder aber große Karrieren zu Ende gehen. Erinnert sei hier nur an den Boris Becker, dessen Stern 1985 mit dem Turniersieg auf dem „heiligen Rasen“ der Tennisanlage im Londoner Stadtteil aufging. Oder an Martina Navrátilová, die den Damen-Einzel-Titel in Wimbledon nicht weniger als neun Mal gewann und 2006 in zwei Doppelwettbewerben hier zum Karriere-Ende ihr vorletztes großes Turnier spielte. Die 1956 in Řevnice bei Prag geborene Navrátilová wäre heute die erfolgreichste Tschechin in Wimbledon überhaupt. Doch 1978 – bei ihrem ersten Einzeltitel auf der britischen Insel – lebte sie bereits in den Vereinigten Staaten und ist seit 1981 US-Bürgerin. In die lange Liste der Damen-Einzel-Siegerinnen haben sich nach ihr nur noch zwei Tschechinnen eingetragen: Jana Novotná im Jahr 1998 sowie Petra Kvitová in den Jahren 2011 und 2014.

Petra Kvitová (Foto: ČTK)
Die mittlerweile 27-jährige Kvitová schickte sich dieser Tage erneut an, in Wimbledon den Thron zu besteigen. Und dies trotz sehr widriger Umstände: Im Dezember vergangenen Jahres war sie in ihrer Wohnung von einem Einbrecher überfallen worden. Dabei wurde ihre linke Schlaghand schwer verletzt, und es stand in den Sternen, ob sie jemals wird wieder Tennis spielen können. Doch die große Hilfe der Ärzte und das besondere Geschick ihres Chirurgen Radek Kebrle verhalfen ihr zu einer relativ schnellen Heilung. Deshalb kehrte Kvitová schon bei den French Open Anfang Juni in den Tenniszirkus zurück, und gut eine Woche vor Wimbledon gewann sie das Rasenturnier in Birmingham. Einige Fachjournalisten – vor allem aus Tschechien – sahen die Weltranglisten-Zwölfte daher bereits wieder im Finale des dritten Grand-Slam-Turniers der Saison. Doch es kam anders: Kvitová strauchelte bereits in Runde zwei, sie unterlag der US-Amerikanerin Madison Brengle in drei Sätzen mit 3:6, 6:1 und 2:6. Nach dem Match sagte Kvitová:

Petra Kvitová: „Für das Tennisspiel braucht man eine Menge Kondition. Während meiner Zwangspause habe ich meinen Körper enorm belastet, und er hat auch vieles ausgehalten. Doch als ich zurück kam auf den Tenniscourt, habe ich gespürt, dass hier ganz andere Anforderungen gelten.“

„Während der Partie fühlte ich mich leicht unwohl, ich wollte mich fast schon übergeben. Mein Magen war nicht in bester Verfassung. Möglicherweise lag es daran, dass ich bei der Hitze einfach nicht konnte. Ich habe schwer geatmet.“

Von Petra Kvitová ist bekannt, dass sie unter Asthma leidet. Nach der Niederlage gegen Brengle räumte sie indes noch ein weiteres Manko ein:

„Für das Tennisspiel braucht man eine Menge Kondition. Während meiner Zwangspause bin ich in den Bergen gewandert, bin gelaufen, habe meinen Körper enorm belastet, und er hat auch vieles ausgehalten. Doch als ich zurück kam auf den Tenniscourt, habe ich gespürt, dass hier ganz andere Anforderungen gelten.“

Petra Kvitová ist also konditionell noch nicht wieder auf dem Level, auf dem sie früher war. Für ihr Ausscheiden in Runde zwei sieht die Tschechin aber noch einen weiteren Grund:

Karolína Plíšková (Foto: ČTK)
„Ich denke, für meine Niederlage war nicht nur meine körperliche Verfassung maßgeblich, sondern möglicherweise auch mein Kopf. Denn ich wollte unbedingt bestehen. In Wirklichkeit sollte ich aber eine gewisse Genugtuung darüber spüren, wie ich den Wettlauf um meine schnelle Rückkehr geführt und bestanden habe. Jetzt sollte ich mich ein wenig ausruhen und das Ganze positiv sehen.“

Mit besserer Kondition und mehr Wettkampfpraxis dürfte Petra Kvitová also schon bald wieder unter die Top 10 der WTA-Weltrangliste gelangen und noch weitere Turniersiege einfahren. Direkt vor Wimbledon war auch ihre Landsfrau Karolína Plíšková erfolgreich – sie kam mit der Empfehlung des Turniersiegs in Eastbourne an die Themse. Und weil die Weltranglisten-Dritte gegenüber den vor ihr liegenden Spielerinnen Angelique Kerber (Deutschland) und Simona Halep (Rumänien) in Wimbledon mehr Weltranglistenpunkte gewinnen als verlieren konnte, sahen manche in der 25-Jährigen bereits die neue Nummer eins. Karolína Plíšková aber konnte auch diesmal ihren „Wimbledon-Fluch“ nicht besiegen – sie schied ein weiteres Mal in der zweiten Runde aus, diesmal unterlag sie der Slowakin Magdalena Rybáriková mit 6:3, 5:7 und 2:6. Sollten Kerber und Halep indes auch vor dem Finale straucheln, kann die Tschechin immer noch neue Weltranglisten-Erste werden. Das aber wäre für sie eher eine Schande, zur Nummer eins will sie lieber durch eigene Siege aufsteigen. Die nächste große Gelegenheit dazu hat sie jedoch erst Anfang September bei den US Open in Flushing Meadow.

Tomáš Berdych: „Wer nichts probiert, der kann auch nichts falsch machen. Ich brauche aber einfach einen anderen Zugang. Ivanisević wollte mit mir an jenen Dingen arbeiten, die eine Art Überbau sein sollten von jenen Sachen, die bereits funktioniert haben. Das klappte aber nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben.“

Demnach ruhen alle tschechischen Hoffnungen nun auf Tomáš Berdych. Der 31-Jährige hat im Herren-Einzel das Achtelfinale erreicht. Dort trifft er allerdings mit dem acht Jahre jüngeren Österreicher Dominic Thiem auf einen aufstrebenden und schlagstarken Gegner.

Nach zuletzt eher mäßigen Vorstellungen war Berdych vor Wimbledon im Ranking um einen weiteren Platz abgerutscht – er ist als Fünfzehnter der ATP-Rangliste in das große Rasenturnier gestartet. Dennoch: Mit Runde vier in Wimbledon hat Berdych schon jetzt sein bisher bestes Ergebnis in diesem Jahr bei einem Grand-Slam-Turnier erzielt: In Australien unterlag Berdych in der dritten Runde dem späteren Turniersieger Roger Federer (Schweiz), in Paris scheiterte er schon in Runde zwei. Mitverantwortlich für seinen momentanen Aufschwung ist letztlich auch der Trainerwechsel, den er nach der Pleite in Paris vollzogen hat: Der Tscheche trennte sich vom einstigen Top-Spieler Goran Ivanisević und wird jetzt von seinem weit weniger bekannten Landsmann Martin Štěpánek trainiert. Mit dem Kroaten Ivanisević verstehe er sich menschlich weiterhin sehr gut, doch der Wechsel zu Štěpánek musste einfach sein, betont Berdych:

Tomáš Berdych (Foto: ČTK)
„Natürlich, wer nichts probiert, der kann auch nichts falsch machen. Ich brauche aber einfach einen anderen Zugang. Ivanisević wollte mit mir an jenen Dingen arbeiten, die eine Art Überbau sein sollten von jenen Sachen, die bereits funktioniert haben. Das klappte aber nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Mein bisheriges Repertoire sollte also eine Selbstverständlichkeit sein, an der man nicht mehr arbeiten muss. Diese Methode funktioniert vielleicht bei anderen Spielern, aber nicht bei mir.“

Und Berdych schiebt noch eine sportliche „Wahrheit“ hinterher, die er als Über-30-Jähriger umso mehr beachten sollte:

„Im Tennis geht es hauptsächlich darum, gute Ergebnisse zu erlangen. Man spielt nicht für ein tolles Gefühl oder um in Schönheit zu sterben. Und die Resultate sollten auch schon nach einer gewissen Zeit zu sehen sein. Ich bin keine 20 mehr, so dass ich noch neue Dinge ausprobieren und feststellen kann, ob sie nach einiger Zeit funktionieren oder nicht.“

Ob Berdych mit seinem neuen Trainer Martin Štěpánek bereits in Wimbledon auf einem erfolgreichen Weg ist, könnte sein Duell mit dem Österreicher Thiem am Montag vielleicht schon offenlegen.

Autor: Lothar Martin
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