Tschechisch-österreichischer Kulturaustausch: zwischen Rausch und dem Schleier der Normalität

Das Österreichische Kulturforum in Prag feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Am vergangenen Freitag gab es dazu eine Geburtstagsfeier mit einer Podiumsdiskussion, einer Ausstellungseröffnung und einem Konzert. Die kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei beziehungsweise der Tschechischen Republik vor 1989, kurz nach der Wende und heute – das war das Thema der Podiumsdiskussion.

Alexander Burka (Foto: Archiv von Alexander Burka)
Tschechische und österreichische Politiker und Diplomaten von heute und damals kamen zur Debatte in Prag zusammen. Der Wiener Politologe Alexander Burka erörterte in einem Impulsvortrag die Auslandskulturpolitik Österreichs in Ostmitteleuropa. Ihm zufolge seien die kulturellen Kontakte zwischen Österreich und der Tschechoslowakei vor der Wende sehr gering gewesen:

„Vor 1989 war es hier sehr schwierig, denn viele politische Fragen waren bis in die 1970er Jahre ungeklärt. Man hat sich in Österreich auch sehr für die politische Opposition der Tschechoslowakei eingesetzt. Václav Havel hat seine Bücher in Wien publiziert. Fast alle Uraufführungen seiner Stücke gingen in Wien über die Bühne. Und das haben die damaligen Machthaber in Prag natürlich nicht gerne gesehen. Daher war es sehr schwierig, man hat damals versucht, sich auf verschiedensten Ebenen punktuell einzusetzen. Eigentlich bis kurz vor Ende des sozialistischen Regimes ist es so gewesen, dass man österreichische Kulturveranstaltungen unterbinden wollte.“

Alexander Burka vergleicht die Lage in der Tschechoslowakei mit der in Polen:

„Polen war ganz anders. Man hat in Warschau wesentlich früher seine Augen Richtung Westen geöffnet. Man hat auch Reisefreiheit gehabt, das war ganz ein anderer Geist. In Warschau wurde schon 1965 ein österreichisches Kulturinstitut eröffnet. Was hier wirklich interessant ist – und das ist natürlich auch ein Hintergrund, abgesehen von der politischen Situation der 1970er und 1980er Jahre –, ist die Bedeutung der Geschichte. In Polen bestand immer ein sehr positives Österreich-Bild, historisch tradiert, in der Tschechoslowakei und bis heute in der Tschechischen Republik ist das schwieriger. Es gibt eine sehr enge, problematische Geschichte.“

Valentin Inzko (Foto: MZaplotnik, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Trotzdem brachten die Wende von 1989 und die Öffnung der Grenzen einen Durchbruch auch in den kulturpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei beziehungsweise Tschechien. Der damalige Kulturrat der Österreichischen Botschaft und erste Direktor des Österreichischen Kulturinstituts in Prag, Valentin Inzko, erinnert sich an ein rauschhaftes Aufeinandergehen in den frühen 1990er Jahren. Dagegen sei das heutige Interesse für das Leben der Nachbarn wesentlich geringer geworden, wurde bei der Podiumsdebatte festgestellt. Der österreichische Botschafter in Prag Ferdinand Trauttmansdorff:

„Wir müssen aufpassen, dass der Eiserne Vorhang nicht wieder in Form sozusagen eines Schleiers der Normalität und der Langweile der Nachbarschaft fällt. Das braucht eine neue Dynamik. Bei der Suche nach dieser neuen Dynamik ist es günstig, wenn man sich erinnert, was vor 20 Jahren war. Ich glaube, es ist jetzt die Zeit. Auch bei uns besinnt man sich nun neu darauf, die Nachbarschaftspolitik in den Vordergrund zu stellen, die man jahrelang vergessen hat – wegen der Entwicklung in der Europäischen Union, durch die Globalisierung und durch die Erweiterung des Sichtfeldes. Das ist alles auch eine positive Folge des Falls des Eisernen Vorhangs gewesen. Alle, nicht einmal die Tschechen, waren mehr auf Österreich angewiesen, sondern sie konnten überall hin.“

Ferdinand Trauttmansdorff (Foto: Kristýna Maková)
Ein großes Problem beim Kulturaustausch bleibt indes die Sprache, wie sich auch Botschafter Trauttmansdorff bewusst ist:

„Ich bemühe mich auch, Tschechisch zu lernen, und weiß, wie schwierig das ist. Aber auch nur der Ansatz, auch nur der Wille, sich damit auseinanderzusetzen, erleichtert den Zugang über die Grenze enorm. Die Sprachen sind unglaublich wichtig, Englisch ist eine Kommunikationssprache- sie hilft, löst aber genau nicht diesen kulturpolitischen Abstand, der mit der Normalität der Nachbarschaft gekommen ist. Wir brauchen also einen neuen Zugang über die Sprachen, das ist ganz sicher richtig.“