Tschechisch-slowakische Begegnungen: Die vergangene tschechische und slowakische Eishockeysaison

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Wie am letzten Donnerstag im Monat üblich - bringen wir auch heute eine neue Ausgabe der tschechisch-slowakischen Begegnungen, die wir in Zusammenarbeit mit unseren Kollegen von der deutschsprachigen Redaktion von Radio Slowakei International vorbereiten. Obwohl in diesen Tagen das Fußballfieber seinen Höhepunkt erreichte, möchten wir uns in den folgenden Minuten mit der Sportart befassen, die in den vergangenen Jahren Tschechien Goldmedaillen brachte, in der vergangenen Saison waren jedoch die Slowaken in diesem Sport viel erfolgreicher. Die Rede ist - selbstverständlich vom tschechischen und slowakischen Eishockey. Das Wort hat jetzt meine Kollegin aus Bratislava Sofia Miklovicova:

Am 11. Mai 2002 hat sich das slowakische Eishockey-Team im Finalespiel der 66. WM in Göteborg durch einen 4 zu 3-Erfolg über Russland zum Champion gekürt. Zwei Jahre nach dem zweiten Rang in St. Petersburg steht der Coach Jan Filc mit seinem Team ganz oben. Nach der Enttäuschung bei Olympia zeigten die Slowaken dank ihren NHL-Stars Weltklasse-Hockey.

Der goldene Siegeszug des slowakischen Eishockeys war ein dornenvoller Weg, der knapp ein Jahrzehnt dauerte. Nach der Auflösung der Tschechoslowakei wurden von der Internationalen Eishockey-Föderation als Nachfolger nur die Tschechen anerkannt, die Slowaken mussten sich mit der drittklassigen C-Gruppe zufrieden geben. 1995 schaffte die Slowakei den Sprung in die A-Gruppe, vor zwei Jahren in St. Petersburg zeigten die Jungs, dass sie mehr am Hut haben als angenommen.

Der Aufstieg zum Gold unterbrach Salt Lake City, wo alle Träume bereits beim ersten Spiel des olympischen Qualifizierungsturniers zerschlagen wurden. Die klare Niederlage gegen Deutschland und anschließend das Remis mit Lettland versperrten der Slowakei den Weg nach oben. Obwohl die Slowaken ihre Mannschaft nach Salt Lake City verdammt hatten, Göteborg überwog den Schmerz und die Enttäuschung.

Dass das slowakische Eishockey über Weltgröße verfügt, beweist auch die Tatsache, dass die meistgespielte Nationalhymne bei der WM die der Slowakei war. Denn die Slowakei verlor nur ein einziges Spiel mit Finnland. Mit jedem gewonnenen Spiel stieg die Spannung. Beim Finalespiel mit Russland konnte kaum ein Slowake seine Emotionen unter Kontrolle halten. Die Einmütigkeit der Slowaken beim Anfeuern der Eishockeyspieler war kaum zu messen. In dem Ausmaß kam sie zuletzt vor 13 Jahren zum Vorschein, als man den Sieg über den Kommunismus gefeiert hatte.

Das Finalespiel Slowakei - Russland. Das erste Tor schoss die Slowakei bereits in der 20. Sekunde des ersten Drittels. Das zweite Tor ließ auch nicht lange auf sich warten. Nachdem aber das dritte Tor nicht anerkannt wurde, zeigte sich Enttäuschung bei der slowakischen Mannschaft, was wiederum die Russen zum verstärkten Ansturm motivierte. Russland holte auf 2 zu 2 auf. Das dritte Tor stellte die Slowaken wieder auf die Beine. Nach dem Ausgleichtor der Russen 3 zu 3 verfolgte die ganze Slowakei das Spiel mit angehaltenem Atem. Die Eishockey-Hymne war in aller Munde:

Die Spannung stieg bis ins Unermessliche. Die Zerreißprobe schien unendlich zu sein. Die Befreiung kam exakt 100 Sekunden vor dem Spielende. Der Hockeyschläger von Peter Bondra schickte den Puck hinter den Rücken des russischen Torwächters Maxim Sokolov.

Der Sieg war zum Greifen nahe. Die längsten Sekunden der slowakischen Eishockeygeschichte vergingen. Nach dem letzten Pfiff des Schiedsrichters ist die Zeit für einen Bruchteil der Sekunde stehen geblieben. Doch dann erreichte der Siegeszug des slowakischen Eishockeys seinen Höhepunkt: Der Weg zum Gold war vollendet. Die Slowakei wurde zum Weltmeister!

Der Trainer, vom Glück überwältigt, konnte kaum Worte finden. Jan Filc über das langersehnte Gold: "Eine riesengroße Kraft der slowakischen Eishockeymannschaft, zusammengesetzt von ausgezeichneten Spielern, die Talent, Ausdauer, Willen und Teamgeist gezeigt haben. Spieler mit einem großen Herzen fürs Eishockey. Ich glaubte bis zur letzten Sekunde an den Sieg. Danke, Jungs."

Die Slowakei schwebte am 11. Mai im Goldrausch. Der Erfolg der frischen Weltmeister versetzte das ganze Land in nie da gewesene Euphorie. Zehntausende Menschen begrüßten die goldenen Jungs bei ihrer Ankunft in Bratislava. Bereits am Flughafen warteten etwa 3000 begeisterte Fans, im Stadtzentrum waren es rund 50 Tausend. Die Atmosphäre war überwältigend. Die Menschen umarmten sich und weinten vor Freude. Als die Eishockey-Helden die Tribüne betraten, erklangen die einstimmigen Zurufe: "Willkommen, Weltmeister!" Die Mannschaft bedankte sich bei den Fans mit einer Champagner-Dusche.

Der goldene Traum scheint vollendet zu sein. Doch dieser wunderschöne Traum wird noch sehr lange ausklingen. Denn die ganze Slowakei wünscht sich, nie aus diesem Traum aufwachen zu müssen.


Tschechische Eishockeyfans, die sich inzwischen nur auf Goldmedaillen gewöhnt haben, waren dieses Jahr jedoch enttäuscht. Mit der vergangenen Eishockeysaison befasst sich Lothar Martin:

"Was sagst Du dazu?". Dies war eine der am meisten gestellten Fragen unter der tschechischen Bevölkerung nach dem Ausscheiden der geliebten Eishockeycracks im olympischen Viertelfinale von Salt Lake City gegen Russland. Eine Frage, die in diesem traurigen, einem Abgesang gleichkommenden Ton in den letzten sechs Jahren so nicht gestellt werden musste. Was Wunder, haben die tschechischen Eishockeyspieler doch seit 1996 noch ständig eine Medaille von den großen Weltturnieren mit nach Hause gebracht, darunter vier goldene bei Weltmeisterschaften und das schon sagenumwobene Gold von den Olympischen Spielen 1998 in Nagano.

In der tschechischen Kabine herrschte nach der schmerzvollen 0:1-Niederlage Totenstille, auf ein derartiges Ausscheiden war man nicht vorbereitet. Dennoch gab es keine Schuldzuweisungen, da man sich spielerisch und kämpferisch nichts vorzuwerfen hatte. Das sah auch Trainer Josef Augusta nicht anders, der einige Stunden nach dem Spiel erklärt hatte:

"Selbstverständlich war ich traurig, denn wir hatten hier ein sehr starkes Team. Sie alle konnten sehen, dass die Spieler gewinnen wollten, aber es gelang nicht. Uns fehlte am Ende auch ein wenig das sportliche Glück."

Das fehlende Glück aber- so gaben die tschechischen Cracks fairer Weise zu - hatte in den letzten, erfolgreichen Jahren auch oft auf ihrer Seite gestanden. Deshalb hatte Vizekapitän Robert Reichel die Ursachen für die Niederlage auch weit nüchterner gesehen. "Leider haben wir kein Tor erzielt. Und Eishockey wird nun halt nach Toren und nicht nach Chancen gespielt," gab er trocken zu verstehen.

Der Viertelfinalniederlage in Salt Lake City folgte knapp drei Monate später das Scheitern in der Runde der letzten Acht gegen den gleichen Gegner Russland bei der WM in Schweden. Ist damit nun die Erfolgsära des tschechischen Eishockeys beendet? Manches spricht dafür, denn einige der Erfolgsgaranten der letzten Jahre wie Torwart Dominik Hasek und Angreifer Robert Reichel haben ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt oder sie haben bereits laut darüber nachgedacht. Zu letzteren gehört Martin Rucinský, der bemerkte, dass nun Jüngere ran müssen. Aber da sieht es für das tschechische Eishockey wahrlich nicht schlecht aus, kann man doch zum Beispiel in Zukunft auf die Junioren-Weltmeister von 2000 und 2001 bauen. Auch im Olympiateam von Salt Lake City waren mit Havlát, Eliás, Sýkora oder Skoula gleich mehrere jüngere Akteure vertreten. Das Fundament für weitere Erfolge ist also vorhanden. Und mit Slavomír Lener soll nun ein neuer Chefcoach dafür sorgen, dass die medaillenlose Zeit nur eine kurze, vorübergehende sein wird.