Tschechische Literatur im Kontext der Weltliteratur: Ein Aufsatz von Milan Kundera

Herzlich willkommen, verehrte Hörerinnen und Hörer, zum heutigen Kultursalon, in dem es um tschechische Literatur, genauer: um die tschechische Literatur in ihrem nationalen und internationalen Kontext gehen wird. Da der Schriftsteller Milan Kundera wohl mit recht behaupten dürfte, einen besonderen Zugang zu der Problematik zu haben, soll seine Ansicht zum Thema im heutigen Kultursalon im Vordergrund stehen. Durch die Sendung führen Jitka Mladkova und Jörn Nuber.

1929 in Brno/Brünn geboren, setzte Kundera sich in seinem ersten Roman, Der Scherz mit dem Stalinismus auseinander. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968, verlor er als einer der Hauptakteure des "Prager Frühlings" seine Hochschuldozentur. Die Bücher Kunderas wurden aus allen öffentlichen Bibliotheken des Landes entfernt. Er erhielt 1970 ein Publikationsverbot, fünf Jahre später ging Kundera ins französische Exil. Seit 1986 verfasst er seine Essays und Romane in französischer Sprache. Kundera erfuhr also das Schreiben sowohl aus der Perspektive einer engagierten kleinen Nationalliteratur, als auch aus der Perspektive der unabhängigeren Weltliteratur.

Ein Text kann nur in seinem Kontext verstanden werden. Haben wir zum Beispiel ein Buch gelesen, so müssen wir, um das Buch bewerten zu können, es mit bereits gelesenen Büchern vergleichen, um daraufhin das Urteil zu fällen, das grob gesagt lauten kann: Es ist besser oder es ist schlechter als die Bücher, die ich kenne. Was hier anhand der Lesegeschichte eines einzelnen Lesers beispielhaft beschrieben wurde, gilt auch für die Literaturgeschichte im ganzen: Jeder neu geschriebene Roman steht im Kontext der bereits erschienenen Romane. Ist aber dieser Kontext auf Sprachgebiete oder Nationen beschränkt?

"Die deutsche und die chinesische Literatur haben keine gemeinsame Geschichte, auch wenn sie einander verstehen können; hingegen haben die deutsche und portugiesische Literatur Teil an einer gemeinsamen Geschichte."

So schreibt Milan Kundera in seinem Aufsatz "Über drei Kontexte", der bereits 1991 als Vorwort zur Textsammlung "Die Prager Moderne" erschien, und aktueller denn je ist.

Die gemeinsame Geschichte ist also Bedingung, um den angemessenen Kontext zu stellen. Kundera arbeitet mit dem von Goethe geprägten Begriff der Weltliteratur, jedoch versteht er unter Weltliteratur nicht die Literatur aller fünf Kontinente, sondern vielmehr die europäische Literatur als "spirituelles Ganzes, das über die geographischen Grenzen Europas hinausreicht" und auch die Literatur Nord- und Südamerikas mit einbezieht. Sprich: Den Weltkontext stellt für Kundera die Literaturgeschichte, die in der Tradition europäischer Literatur steht. In dieser gewaltigen Weltbibliothek finden sich also Werke von Homer und Cervantes, von Shakespeare und Goethe, von Hemingway und Marquez. Beansprucht eine literarische Leistung nun einen Platz in dieser Bibliothek, so muss sie sich mit deren Maßstäben messen lassen.

Kundera unterscheidet nun in einem weiteren Schritt zwischen Literaturen großer und kleiner Völker. Je nachdem haben sie ein unterschiedliches Verhältnis zur Weltliteratur, und nun kommt auch die besondere Situation der tschechischen Literatur ins Spiel:

"Neben großen Völkern leben in Europa kleine Völker. 'Großes' und 'kleines' Volk - das ist nicht nur ein qualitativer, sondern auch ein substantieller Unterschied: es sind zwei verschiedene Sichtweisen des eigenen Schicksals (ein kleines Volk erlebt seine Existenz als ewiges 'Sein oder Nichtsein', als Vabanquespiel, während für die großen Völker die eigene Existenz eine Selbstverständlichkeit ist)"

Was sich im Fall der Literatur als problemhaltig erweist - die mehr oder weniger notwendige nationale Ausrichtung kleiner Literaturen, die große nationale Selbstbezogenheit - steht im Fall der Musik kaum zur Disposition. Musik bedient sich einer Sprache, die nicht national begrenzt ist. Musikalische Entwicklungen wie Polyphonie, die Fuge oder die Sonatenform vermitteln sich leichter zwischen Ländern, die in einem Austauschverhältnis stehen. Zudem lässt sich Musik von Interessierten aller Kulturen erschließen, wohingegen insbesondere Lyrik ohne gute Kenntnis der Originalsprache oft unverstanden bleibt. Auch wenn sich Komponisten kleiner Nationen nationaler Inhalte, wie zum Beispiel dem Melodienbestand der Volksmusik, bedienen können, gilt ihre Musik damit noch lange nicht als provinziell. Hier sieht Kundera den großen Unterschied zwischen Musik und Literatur kleiner Nationen. Denn während das Werk des Komponisten meist ohne weiteres in den internationalen, bzw. europäischen Kontext eingereiht wird, gestaltet sich dies bei Literatur schwieriger. Warum hat es die Literatur einer kleinen Nation, insbesondere die Literatur Tschechiens, im Vergleich zu seiner Musik schwerer in den Weltkontext eingereiht zu werden? Konkret: Warum ist zwar die Musik Smetanas, Dvoraks und Janaceks in aller Welt bekannt, wogegen gleichzeitig den meisten Angehörigen der westlichen Kultur zu tschechischer Literatur nur -wenn überhaupt- Hasek mit seinem Nationalhelden Schwejk einfällt? Wie bereits deutlich geworden sein dürfte, liegt dies einerseits an den Eigenschaften des Mediums: Das Gesprochene oder geschriebene Wort ist schwerer zugänglich als die Sprache der Musik. Dazu kommt der größere Bezug auf einen nationalspezifischen Inhalt, den Musik nicht so schwer belastet, nicht derart in einen speziellen Kontext stellt, wie Literatur. Andererseits macht Kundera auf ein Problem aufmerksam, das in der Organisation der Universitäten begründet liegt, und in dem sich wohl auch die allgemeine Wahrnehmungsweise spiegelt:

"Um die Literaturen der einzelnen Sprachen bilden sich Fachkreise von Spezialisten, Germanisten, Bohemisten, Polonisten, Hispanologen, Ungarologen, die hinter dem hohen Zaun ihrer Spezialisierung den Horizont der Weltliteratur aus dem Blickfeld verlieren."

Die nationale Perspektive der Bohemisten nun, betrachtet Kundera keineswegs als überflüssig, aber sie muss sich ihrer relativen Gültigkeit bewusst sein, um die tschechische Literatur nicht in eine provinzielle Enge zu treiben. Oder gar vor einem völlig falschen Hintergrund zu sehen: dem slawischen. An den Universitäten ist die Bohemistik üblicherweise in die Slawistik eingegliedert, und Bohemisten sind in der Regel Russisten, die dann die tschechische Literatur auf dem Hintergrund der slawischen Beispiele und Einflüsse sehen. Jedoch:

"Vom Augenblick ihrer Entstehung an hatte die Konzeption der Einheit der slawischen Kultur ideologischen Charakter, sie ordnete also die Wirklichkeit politischen Absichten unter. [...] Die größeren Gestalten der modernen tschechischen Geschichte - Karel Havlicek, Frantisek Palacky, T.G. Masaryk, Frantisek Xaver Salda - standen der slawischen Ideologie sehr ablehnend gegenüber und haben als absolut offenkundige Tatsache hervorgehoben, dass das tschechische Volk seit dem 11. Jahrhundert ein westliches Volk war und seine Kultur eine westliche ist. [...] Außer Zweifel steht, dass die slawischen Sprachen einer Sprachfamilie zugehören. Dennoch gibt es nicht die Einheit eines gemeinsamen slawischen Schicksals, [...] keine Einheit der slawischen Kultur."

Zunächst drängen sich hier zwei Fragen auf, die Kundera leider nicht stellt und daher heute unbeantwortet bleiben müssen. Erstens: Inwieweit Tschechien nicht auch viele große Köpfe hatte, die sich dem Slawentum verschrieben, wie zum Beispiel Alfons Mucha. Und zweitens: Inwieweit war die russische Kultur -wenigstens ab dem 19. Jahrhundert- nicht auch teilweise europäisiert? Inwieweit ist Dostojewski, dessen Werke auch Kundera sicher zur Weltliteratur zählen würde, ohne Schiller, ohne Shakespeare denkbar, rein aus seinem russisch-orthodoxen Hintergrund? Wie dem auch sei, zurück zu Kunderas Wort. Wenn also nach ihm der slawische Kontext künstlich und konstruiert ist, was ist dann folgerichtig der natürliche, angemessene Kontext für die tschechische Literatur, bzw. Kultur? Sie wissen es längst, es ist der vielsprachige Kontext Mitteleuropas. Was aber darf unter einem europäischen Kontext verstanden werden? Gibt es die spirituelle Einheit, von der Eingangs die Rede war? Vermutlich gestaltet sich die Einordnung der tschechischen Literatur nicht ganz so problemlos, wie es auf den ersten Blick schien. Kundera hierzu:

"Der Kontext Mitteleuropas lässt sich viel schwerer als der südamerikanische oder skandinavische Kontext bestimmen. Zunächst: die geographischen Grenzen Mitteleuropas sind unbestimmt, veränderlich, umstritten. Zum anderen: Mitteleuropa ist polyzentral, es zeigt sich aus der Perspektive Warschaus anders als aus der Perspektive Wiens, aus der Perspektive Budapests, aus der Perspektive Ljubljanas. Drittens: Mitteleuropa ist niemals intentional eine gewollte Einheit gewesen. Mit Ausnahme des Herrn Kaisers, seines Hofes und einiger allein dastehender Intellektueller hat kein Mitteleuropäer ein Mitteleuropa gewollt. Die Kulturen der einzelnen Völker hatten zentrifugale, separatistische Tendenzen, sie schauten viel lieber auf England, Frankreich, Russland als aufeinander; und wenn sie sich gleichwohl (oder eben deshalb) ähnlich waren, geschah das ohne oder gegen ihren Willen."

Auch wenn also der Mitteleuropäische Rahmen nicht so leicht gefasst werden kann, dürfte doch deutlich geworden sein, wo Kundera die tschechische Literatur gerne sehen würde. Der gegen Missverstandenwerden allergische Schriftsteller erklärt zum Abschluss an einem konkreten Beispiel, inwieweit sich eine verknüpfte Geschichte auch in Texten verschiedener Herkunft niederschlagen kann: Neben vielen anderen Gemeinsamkeiten spielt das Schloß und die Ortschaft unterhalb des Schlosses in Bozena Nemcovas Roman "Babicka"/"Die Großmutter", mit dem sie die tschechische Prosa begründete, als auch bei Adalbert Stifters "Nachsommer" eine tragende Rolle. Später wird diese Szenerie und Atmosphäre zum Ausgangspunkt von Kafkas Roman "Das Schloss":

"Das Schloss in Ratiborice, Zufluchtsort der Liebe zwischen der Fürstin Zahanska und Metternich, wurde zum Schauplatz des Romans Die Großmutter, indes das Schloss in Kynzvart, das Metternichs Sohn Richard gehörte, dessen Präzeptor Stifter gewesen ist, in Stifters berühmtesten Roman Der Nachsommer als Rosenhaus Eingang gefunden hat. Diese beiden Schriftsteller, die einander niemals begegnet sind, standen sich nicht nur durch ihre Biographie (sie sind in denselben Gegenden gewesen und denselben Menschen begegnet), sondern auch durch den Geist ihres Werkes nahe. Nicht dass sie einander beeinflusst hätten. Es ging um etwas anderes. Es ging darum, dass beide Kinder ein und der selben Atmosphäre gewesen sind, desselben Genius loci, derselben Zeit, die man üblicherweise als Biedermeier bezeichnet. Auch die Schauplätze ihrer Romane und Novellen waren gleich: das Schloss und die Ortschaft unterhalb des Schlosses. (Siebzig Jahre später wird diese Szenerie zum Ausgangspunkt des größten Romans ihres Nachfolgers Franz Kafka.) Wo Stifter durch das Schlossfenster auf das Dorf hinabschaut, blickt Bozena Nemcova durch das Fenster eines Häuschens im Dorf auf das Schloss. Wo Stifters Schlüsselfigur der weise Schlossherr ist, ist Nemcovas Schlüsselfigur die weise Dorfalte. Auf der einen Seite das österreichische bürgerliche Biedermeier, auf der anderen Seite das tschechische plebejische Biedermeier. Beide charakterisiert jedoch ein und derselbe Blick auf die Welt: der didaktische, der idealisiert und idyllisiert. (Später wird Franz Kafka die gesamte groteske Entwertung dieser Idylle vor Augen führen, indem er das Schloss mit zahllosen Amtsarchiven und Kanzleien vollstopft.)"

Autoren: Jitka Mládková , Jörn Nuber
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