Tschechische Schule in Wien bringt früh zum Jubiläum Chronik heraus

Buchvorstellung in Prag (Foto: Zdeňka Kuchyňová)

Die tschechische Schule in Wien feiert bald ihr 150. Jubiläum. Zu diesem Anlass ist ein umfangreiches zweisprachiges Buch erschienen, das die Geschichte und historischen Zusammenhänge erfasst. Karl Hanzl ist seit 27 Jahren der Obmann des Schulvereins Komenský in Wien. Er hat das Buch bereits dem österreichischen Publikum in Wien vorgestellt und überreichte neulich auch in Prag zwei Exemplare. Je eins davon bekamen Premier Andrej Babiš (Partei Ano) und der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses Radek Vondráček (Ano). Marie Lebedová hat bei dieser Gelegenheit mit Karl Hanzl über die Geschichte und die Zukunft der Wiener Schule gesprochen.

Herr Hanzl, können Sie Ihre Schule und den Schulverein Komenský ein bisschen vorstellen?

Karl Hanzl (Foto: Zdeňka Kuchyňová)

„Der Schulverein Komenský ist eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht. Die Schule wurde 1872 in Wien gegründet und geht auf einen Wunsch des tschechischsprachigen Bevölkerungsanteiles zurück. Der Anteil war zwischen den Jahren von 1860 bis 1866 in Wien sehr hoch. Damals waren es 100.000 bis 150.000 tschechisch sprechende Wiener oder aber Tschechen, die später Wiener geworden sind. Die Zahl ist dann noch gewaltig größer geworden. Wien war einmal sogar die zweitgrößte tschechische Stadt, mit 250.000 Tschechisch sprechenden Bürgern. Das waren die Ausgangslage und der Grund, warum der Schulverein gegründet wurde. In der Zwischenzeit sind viele Jahrzehnte vergangen und es ist heute eine Institution mit zwei Schulgebäuden: mit einem Kindergarten, einer Volksschule und dem Gymnasium. Im Kindergarten haben wir dazu vier Sprachen: Es sind Tschechisch, Slowakisch, Deutsch und Ungarisch. Unsere Besonderheit ist, dass wir in der Volksschule die Kinder in drei verschiedenen Sprachen alphabetisieren. Das heißt, wenn die Eltern die Kinder bei uns einschreiben, dann lernen sie zu Beginn in ihrer bevorzugten Sprache, und zwar in Tschechisch, Slowakisch oder Deutsch. In dieser Sprache lernen sie die ersten Schritte des Schreibens, Lesens und Rechnens. Und wir garantieren, dass wir die Kinder binnen zwei Schulklassen zum zweisprachigen Unterricht heranführen.“

Komensky-Schule am Sebastianplatz 3 (Foto: GuentherZ, Wikimedia Commons, CC0)

Ihre Schule wird dieses Jahr 150 Jahre alt. Lassen sich in der Geschichte wichtige Meilensteine feststellen und welche wären das?

„Meilensteine der Entwicklung waren, neben der Gründung, die goldenen Jahre zwischen den beiden Weltkriegen. Da gab es einen fantastischen Aufbau und Ausbau der Schulen. Das waren 20 große Schulhäuser, die in Wien aufgestellt wurden, mit insgesamt 5000 Kindern. Neben dem Weltkrieg wurde die Entwicklung ebenso von den Wellen beeinflusst, die mit dem Wegziehen aus Wien und dem Zurückkehren der Tschechen in ihre Heimat verbunden waren. Das reduzierte den Bevölkerungsanteil der Tschechen in Wien sehr. Wir liegen im Moment bei 20.000 bis 25.000 Tschechen im Vergleich zu den 250.000 in der Blütezeit. Ein wichtiger Schritt war in den 1990er Jahren, den fast nicht mehr existierenden Schulen einen neuen Geist einzuhauchen. Das ist schließlich gelungen.“

Komensky-Oberstufenrealgymnasium in der Schützengasse 31 (Foto: Peter Haas, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Zum diesjährigen Jubiläum erscheint auch ein Buch über das tschechische Schulwesen in Wien. Darf man sich das als Geschichtsbuch vorstellen?

„Es ist ein Geschichtsbuch, das auch die großen Zusammenhänge zum Vorschein bringt. Es gibt uns ein wenig Erklärung, was in den einzelnen Perioden wichtig war. Das Buch orientiert sich an der europäischen Geschichte sowie an der Geschichte Tschechiens und der Republik Österreich. Es war wichtig, die Verbindung dieser Völker aufzuzeigen, aber ebenso, welche Auswirkungen dies auf das Geschehen in der Schule und dem Umfeld hatte. Das Ziel war es, so zu schreiben, dass ein Jugendlicher, der dieses Buch durchliest, neben der Geschichte der Schule auch etwas von den historischen Zusammenhängen erfährt. Es ist die kleine Geschichte, die mit den mittleren und den ganz großen Ereignissen immer in irgendeiner Verbindung steht.“

Planen Sie zu diesem Anlass auch ein Begleitprogramm?

Foto: Marie Lebedová

„Wir sind eigentlich mit dem Buch um zwei Jahre zu früh dran. Das war aber Absicht. Wir haben das Werk jetzt zehn Jahre vorbereitet. Zum 140-jährigen Jubiläum ist es uns nicht gelungen, es fertigzustellen, zumindest nicht in dem Umfang, wie ich es mir vorgestellt hatte. Jetzt stehen wir vor dem 150-jährigen Jubiläum im Jahr 2022, und wir werden es auch gebührend feiern. Wir haben gemeinsam mit den tschechischen und slowakischen Vereinen in Wien das Jahr 2022 zum Jahr der Wiener Tschechen und Slowaken ausgerufen. Wir werden alle motivieren, dass sie etwas Besonderes vorbereiten sollen. Und dann werden wir es gemeinsam feiern. Das ist der richtige Zeitpunkt, um eine Schule hochleben zu lassen.“

Was würden Sie sich für die Schule und den Verein für die Zukunft wünschen?

„Wir haben, von der Entwicklung her, sehr viel selber zum Erfolg beigetragen. Aber das Wichtigste ist, dass eine Schule regelmäßige Finanzen braucht. Sie braucht eine ununterbrochene Abdeckung ihrer Kosten, und das können im Prinzip nur Kreise deckeln, die reich sind, oder der Staat. Ich als demokratischer Mitteleuropäer bevorzuge die zweite Variante. Die Steuern dienen auch dazu, die Bevölkerung zu bilden. Und da geht mein Wunsch vor allem an den österreichischen Staat. Ich wünschte mir aber auch eine Form der Anerkennung von der Tschechischen Republik. Wir bilden 560 Kinder aus und haben somit 560 kleine Botschafter der Tschechischen Republik. Die Kinder verdienen es, dass sie in einem überschaubaren Maße von der Tschechischen Republik mit unterstützt werden. Ihnen sollten die Qualitäten ihrer Muttersprache zuteilwerden, die beide Länder auch in einer klassischen Bildungseinrichtung fördern würden.“