Tschechische Straßenmusiker fordern: Kunst gehört auf die Straße

Es gibt sie in den Metropolen der Welt wie New York, Rom oder London. Häufig ist sie die erste Adresse, wenn Musiker ihre Stimme vor Publikum präsentieren wollen. Für Künstler wie die Kelly Family, Rod Stewart oder Tracy Chapman war sie der Start in eine weltweit erfolgreiche Karriere. Die Rede ist von Straßenmusik. In Prag sind Künstler in der Öffentlichkeit selten anzutreffen. Strenge Gesetze schränken ihre freien Auftritte ein.

Foto: Jakub Červenka,  Praha žije hudbou

Zwei Geiger musizieren vor einem Restaurant in der Prager Altstadt für die Passanten. Einige bleiben stehen und werfen Münzen in den Geigenkasten, andere beachten die Künstler kaum und laufen weiter. Eine scheinbar ganz normale Szene in den Großstädten dieser Welt - doch für die tschechische Hauptstadt eher ungewöhnlich. Es gibt sie zwar, die Straßenkünstler, aber sie sind selten. Strenge Regeln sorgen dafür, dass man im Zentrum von Prag kaum Musik im öffentlichen Raum hört. Jan Gregar ist Direktor des Festivals „Praha žije hudbou“ (zu Deutsch: Prag lebt durch Musik), das vergangenes Wochenende stattfand. Gemeinsam mit seinem Team kämpft er dafür, dass Straßenmusik wieder anerkannt wird.

Jan Gregar | Foto: Archiv von Jan Gregar

„Straßenkünstler haben es in Prag nicht leicht. Zum Beispiel sind die Größe der Fläche oder auch die Zeiten, in denen sie spielen dürfen, begrenzt. Ähnliches gilt für die Instrumente, die benutzt werden dürfen. In der Nähe von Schulen darf nicht musiziert werden, und es gibt eine Liste mit verbotenen Straßen. Das bedeutet, dass der erste Stadtbezirk zur Hälfte eine Verbotszone für Live-Musik ist.“

Schon zu kommunistischen Zeiten war Straßenmusik in Prag verboten. In den 1990er Jahren präsentierten sich immer mehr Künstler im öffentlichen Raum dem Publikum. Eine eigene Kulturszene entwickelte sich, die jedoch in den vergangenen Jahren von den Straßen verdrängt wurde. Immer wieder beschwerten sich die Anwohner. Sie fühlten sich durch die Dauerbeschallung genervt. Die Politik reagierte mit Verboten.

„Es gibt zwar Straßenmusiker, aber aus meiner Sicht nicht ausreichend genug. Prag steht für eine große und bekannte Kulturszene, die sich über viele Jahre entwickelt hat. Das Angebot in den Theatern und Klubs ist wunderbar, aber es spiegelt sich nicht auf den Straßen wieder“, berichtet Jan Gregar.

Ohne Regeln herrscht Chaos

Foto: Alena Blažejovská,  Tschechischer Rundfunk

Gerade jungen und lokalen Künstlern fehlt die Chance, erste Auftritte vor einem breiten Publikum zu absolvieren oder mit ihrer Musik Geld zu verdienen. Jan Gregar versteht den Unmut der Menschen über eine mögliche Lärmbelästigung. Denn nicht nur Musik sorgt für einen hohen Geräuschpegel sondern auch Autos, Straßenbahnen oder Baustellen. Seiner Ansicht nach besteht das Problem jedoch darin, dass es bis 2013 kaum Regulierungen für Straßenmusiker gab. Jeder konnte auftreten, wie und wo er wollte. Dadurch sei Chaos entstanden. Straßenmusik war plötzlich ein Problem. Die Regelungen seien aus seiner Sicht aber zu hart.

„Wir müssen die Menschen überzeugen und dann die Politiker. Das Problem ist entstanden, weil es keine Regeln für Straßenmusiker gab. Egoistische Künstler haben das ausgenutzt. Ich erinnere mich an einen Dudelsackspieler auf dem Wenzelsplatz, der den ganzen Tag nur drei Lieder gespielt hat. Ich kann verstehen, dass sich die Menschen, die dort gearbeitet haben, belästigt fühlten. Es muss Regeln geben, die diese Art von Künstlern einschränken. Wenn sich die Künstler nicht mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, ist das inakzeptabel. Sie müssen sich dem Ort anpassen, an dem sie spielen.“

Foto: Praha žije hudbou

Um die Situation zu verbessern, haben sich die Veranstalter des Straßenmusikfestivals mit Politikern und Musikern zusammengesetzt und diskutiert. Sie suchen Lösungen, die die Situation für alle Seiten verbessert. Gregar ist optimistisch, in der Zukunft Veränderungen umzusetzen. Durch „Praha žije hudbou“ bekäme das Anliegen Aufmerksamkeit.

„Die Veranstaltungen bewirken, dass sich die Öffentlichkeit mit dem Thema auseinandersetzt. Wir sind sichtbar durch die Auftritte der Künstler, Gespräche mit Politikern und Berichte in den Medien. Dabei erklären wir den Menschen das Konzept von Straßenmusik und zeigen den Künstlern, was erlaubt ist. Es ist uns wichtig, die Darsteller zu schulen. Wir suchen immer neue Orte, die durch Performer belebt werden können. Dabei geht es auch um Plätze, die von Touristen weniger besucht werden. Dort wollen wir die Einheimischen  überzeugen, dass Straßenmusik eine angenehme Sache ist.“

Foto: Praha žije hudbou

Bekannte tschechische Künstler wie der Jazztrompeter Laco Deczi, Sänger Ondřej Ruml oder Schauspieler Jakub Gottwald unterstützen die Initiative mit ihren Auftritten. Jan Gregar ist davon überzeugt, dass die Straßenkunst in Prag eine schönere Atmosphäre schafft und die Einzigartigkeit der Goldenen Stadt unterstreicht.

„Ich denke, dass Straßenmusik generell einen positiven Einfluss auf eine Stadt und die Alltagsroutinen der Menschen hat. Wir können auf verschiedene Plätze in Prag verweisen, die in den vergangenen Jahren Teil des Festivals waren und nun ein anderes Image haben. Orte, die einen schlechten Eindruck machen, weil sich dort Obdachlose oder Drogensüchtige aufhalten, verändern sich. Dadurch werden sie wieder attraktiv für die Öffentlichkeit. Ein Beispiel dafür ist der Jungmann-Platz. Vor ein paar Jahren war er nur Umsteigemöglichkeit des Nahverkehrs, niemand wollte sich dort länger aufhalten. ‚Praha žije hudbou‘ hat ihn wieder belebt.“

Balance zwischen Kultur und Gesellschaft

Foto: Radio Prague International

Ein beliebter Ort für Straßenmusiker in Prag ist die Karlsbrücke. Dort trifft man als Tourist neben Karikaturzeichnern und Schmuckverkäufern täglich Musiker. Sie gehören wie selbstverständlich zu einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Jan Gregar erinnert sich gern an Erfahrungen aus anderen Städten, in denen er Straßenkunst bewunderte:

„Ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Spaziergänge durch Rom. Dort hatten Künstler ein leerstehendes Gebäude in den Fokus gerückt, indem sie an den zerfallenen Säulen eine kleine Ausstellung präsentierten. Die Menschen spendeten freiwillig und niemand hat das Geld gestohlen. Das war beeindruckend.“

Foto: Kychot,  CC SA 3.0

Jan Gregar wünscht sich mehr solcher Begegnungen auch in Prag. Er und sein Team sind motiviert, Straßenkünstlern wieder mehr Raum zu verschaffen. Neben Musikern unterstützen sie auch Schauspieler, Artisten und Slamer. Ihr oberstes Ziel bleibt laut Gregar, eine Balance zwischen Kultur und Gesellschaft zu schaffen und unabhängige Künstler auf die Straßen von Prag zu bringen.

Autor: Lisa Gerth
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